„Die unterste Milliarde“ – eine Besprechung von Paul Colliers Thesen über Entwicklungspolitik


In diesem Blog besprach ich bereits Ousmane Sy`s Thesen „Vorwärts Afrika“, einem Plädoyer für einen Wandel von unten. Nun bekam ich Paul Colliers neuestes Buch, in der er erklären will, warum die Entwicklungshilfe in ärmeren Länder scheitern muss und was man aus seiner Sicht dagegen tun kann. Er folgt dabei dem Brandt’schen Diktum »Ohne Frieden ist alles nichts«.

In seiner Analyse schildert Collier, warum eine Milliarde Menschen den Anschluß an die wirtschaftliche Entwicklung der restlichen Welt verliert. Dabei zeigt er sehr deutlich auf, dass einerseits die einseitige Ausrichtung der Weltbank-/IWF-Hilfe nach drastischen Sparmaßnahmen innerhalb der Empfängerländer nichts bringt, andererseits eine einseitige monetäre Ausrichtung der Entwicklungszusammenarbeit auch nichts.

Collier fokussiert sich besonders auf Probleme wie Korruption, Pandemien wie Aids und Malaria oder das Phänomen sog. „kleiner Kriege“. Diese Probleme findet man zwar weltweit, aber besonders in Afrika. Anhand einer sehr gut aufbereiteten statistischen Auswertung gelingt es Collier, die von Jeffrey Sachs als „Entwicklungsfalle“ definierte Entwicklungsproblematik Afrikas empirisch nachzuweisen. Denn letztlich gibt es gerade in Afrika eine Vielzahl von sich gegenseitig bedingenden Problemen, auf die auch Ousmane Sy hinweist: dem Phänomen der „failing states“ (mangelnde Staatlichkeit) müsse gegebenenfalls durch passende Dezentralisierungs-Strategien begegnet werden. Ob dies bei der Überwindung von Bürgerkriegen helfen könnte? Deren Konsequenzen, vor allem die Flüchtlingsströme, destabilieren die benachbarten Länder.
In dieser Hinsicht sei auf das lesenswerte Buch „Die Mitleidsindustrie“ von Linda Polman hingewiesen, das ich in diesem Blog auch schon vorstellte.

Collier sieht in einer liberalen Anschließung der entsprechenden Volkswirtschaften keine Lösung, sondern eher eine Gefahr, da diese dem harten Wettbewerb einer globalisierten Weltwirtschaft nicht begegnen könnte. Eher Prinzipien der global governance und internationalen Kooperation (inklusive einem nicht nur auf eigenen Vorteil bedachten industrialisierten Norden) könnten hilfreich sein, sogar die Bereitschaft, sich in militärischen Konflikten im Rahmen der UN könnten ggebenenfalls hilfreich sein.
Die bisherige transnationale Handelspolitik benachteiligt jedenfalls die Entwicklungshilfe.

Dabei setzt sich Collier übrigens auch ähnlich wie Polman mit humanitären Hilfsorganisationen auseinander – diese Polman’sche „Mitleidsindustrie“ bezeichnet er als „nüttzliche Idioten“, die immer wieder um dieselben Projekte konkurrieren, statt ihre Gelder sinnvoll zu verteilen (ein Problem, das übrigens auf dem kürzlich stattfindenden 2.Berliner Fundraising-Camp in der Session „Fundraiser – Robin Hood oder Scheriff von Nottingham“ diskutiert wurde). Daher kann ich diese Analyse ähnlich wie die Polman’sche Mitleidsindustrie besonders den Praktikern, Fundraisern und Nichtregierungsorganisationen empfehlen, die sich mit ihrer eigenen Arbeit und Zielrichtung selbstkritisch auseinandersetzen wollen. Was mir bei Collier dabei gefällt: er selbst kennt die Lage in Entwicklungsländern aus seiner eigenen Arbeit, trotz aller statistischen Arbeit bringt er die notwendige politisch-kulturelle Sensibilität mit, die die betroffenen Menschen respektiert.

Das Buch erschien im dtv-Verlag, kostet €9,90 und wurde übersetzt von Rita Seuß und Martin Richter.

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2 Gedanken zu “„Die unterste Milliarde“ – eine Besprechung von Paul Colliers Thesen über Entwicklungspolitik

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