Landraub in Afrika

„Diese Regenzeit sei die letzte, in der wir unsere Felder bestellen könnten. Dann würden sie alle Häuser dem Erdboden gleich machen und das Land in Besitz nehmen“ berichtet Mama Keita, 73 Jahre, Landwirt und Ortsvorstand von Soumoni, einem kleinen Dorf in Mali. Diese Schreckensmeldung ereilte zuletzt zahlreiche Subsistenzlandwirte in Mali. Von einem Tag auf den anderen wurden sie von ihren Ackerflächen zwangsenteignet. Die Regierung teilte ihnen lediglich mit, dass ihr Land von nun an von Lybiens Staatchef Col Muammar el-Qaddafi kontrolliert werde.

Doch dies ist keine Seltenheit in Afrika. Die Aussicht auf zukünftige Verknappung der Nahrungsmittel löste bei ausländischen Regierungen und privaten Investoren, die nicht genug anbaufähiges Land für die Ernährung ihrer Bevölkerung haben, eine riesige Kaufwelle aus. Auch Hedge-Fonds Spekulanten, die auf schwindende Güter setzen, werden angezogen, so eine Studie der Weltbank vom September 2010. Ohne das Mitwissen der eigenen Landbevölkerung verpachten Regierungen Malis, Äthiopiens und Ugandas große Gebiete kulturfähigen Landes – oftmals zu Schleuderpreisen.

Organisationen wie die Vereinten Nationen und die Weltbank behaupten, bei fairer Handhabung könnte diese Vorgehensweise durch die Einführung großflächiger, kommerzieller Landwirtschaft einen Beitrag zur Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung leisten. Doch auch Kritik wird laut, besonders von Seiten der landwirtschaftlichen Vereinigungen. Der staatliche Landraub habe extreme Hungersnöte und Arbeitslosigkeit zur Folge, die angebaute Nahrung sei nur für reichere Nationen bestimmt.
„Die Nahrungsmittelsicherheit des betreffenden Landes muss für alle an erster Stelle stehen“, sagte der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan. Er mahnt die Regierungen vor einem neokolonialen Wirtschaften und verweist dabei auf zurückliegende Kämpfe und Land und Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent. „Diese gilt es zu verhindern“, so Annan.

Die Weltbank listete Geschäfte über landwirtschaftliche Flächen von mindestens 45 Millionen Hektar auf, die allein in den ersten 11 Monaten des Jahres 2009 getätigt wurden.
Der Anteil der Entwicklungshilfe für die Landwirtschaft schrumpfte von ungefähr 20% im Jahr 1980 auf heute etwa 5%, was einen Bedarf an anderweitigen Investitionen schuf, um die Produktion anzutreiben.

Besonders eklatant trat diese Entwicklung in Madagaskar 2009 zu Tage, als mehr als die Hälfte des anbaufähigen Landes einem südkoreanischen Konglomerat verkauft wurde.
Auch europäische Länder, wie Frankreich, Belgien und die Niederlande sind unter den Investoren. Insgesamt betrafen ungefähr 60 der Geschäftsabschüsse mindestens 240 000 Hektar Land in Mali. Die Vertragslaufzeit betrage im Durchschnitt 50 Jahre.

„Die Libyer wollen Reis für die Libyer produzieren, nicht für die Einwohner von Mali“, sagt Mamadou Goita, Direktor einer gemeinnützigen Forschungsorganisation in Mali. Er und andere Gegner werfen der Regierung vor, sie privatisiere eine knappe nationale Ressource, ohne die einheimische Nahrungsversorgung zu verbessern, und dass politische, nicht wirtschaftliche Erwägungen alles vorantreiben, weil Mali die Beziehungen zu Libyen und anderen Ländern verbessern möchte.

Offizielle Stellen heben jedoch hervor, dass Libyen bereits mehr als 50 Millionen Dollar für den Bau eines 39 Kilometer langen Kanals und einer Strasse ausgegeben habe, die von einer chinesischen Firma zum Wohle der örtlichen Bevölkerung erbaut wurden.
Bei einer Kundgebung in Mali im letzten Monat demonstrierten Hunderte Bauern für ein Mitspracherecht. Die Regierung reagierte mit Gewalt und Gefängnisstrafen. “Wir werden sehr bald eine Hungersnot haben“, rief Ibrahima Coulibaly, Leiter des Koordinationskomitees landwirtschaftlicher Organisationen in Mali.

Das Problem, das sich Experten zufolge abzeichnet, ist, dass Mali eine Agrargesellschaft bleibt. Wenn man Bauern von ihrem Land vertreibt, ohne ihnen eine alternative Lebensgrundlage zu bieten, riskiert man, dass die Hauptstadt Bamako mit arbeitslosen und entwurzelten Menschen überflutet wird, die zu einem politischen Problem werden könnten.

Jonas Weyrosta

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s