Die Medien Osteuropas (Buchbesprechung)


In diesem Blog stellte ich bereits ein Buch über Medienentwicklung – von „Chatraum bis Cyberjihad“ , in der ich die veränderte Mediennutzung in der arabischen Welt analysierte. Nun erschien im VS Verlag eine Studie über die „Medien in Osteuropa“ von Marc Stegherr und Kerstin Liesem, in dem sie den Transformationsprozeß der osteuropäischen Mediensysteme seit 1989 analysieren.

Nun kann man sich fragen, was dies im Blog für Menschenrechte zu tun hat? Gute Frage. Ob ein Verweis auf die Presse-Freiheit und vielfältigen Menschenrechtsverletzungen an russischen Journalisten (oder hier) reicht? Ein Verweis auf die Reporter ohne Grenzen ist jedenfalls zielführend. Jedenfalls las ich mit großer Neugierde die von Stegherr und Liesem bilanzierten Entwicklungen des osteuropäischen Mediensystems, zwanzig Jahre nach Fall des Eisernen Vorhangs.

In der Verlagsankündigung heißt es:
„Die Transformationsländer des ehemaligen Ostblocks haben auf dem Gebiet der Medien seit dem Fall des eisernen Vorhangs nachzuholen versucht, was im Westen lange Standard ist – mit mehr oder weniger großem Erfolg. Im Überblick und in Detailuntersuchungen stellt das Buch diese Entwicklung dar, die aktuelle Situation und die Zukunftschancen der Mediensysteme Osteuropas. Dem Leser soll es umfassendes Hintergrundwissen über die nationalen Medien, die Pressefreiheit und andere Medienfragen vermitteln und damit eine Lücke im Diskurs über Osteuropa füllen. “

In ihrer Einleitung gehen die Autoren zum Glück auch auf Sparten- und Minderheiten-Medien in Osteuropa ein. Besonders hervorzuheben sind die kleinen, nicht-kommerziellen Piraten-Sender auf dem Balkan. So ging das erste Roma-Radio schon 1963 in Mazedonien auf Sendung. Interessant dabei der Hinweis, dass Werbefläche bei Roma-Medien nicht gerade begehrt sind, so dass sie besonders von zivilgesellschaftlicher Unterstützung abhängig sind. Da aber gerade die namhafteste Unterstützerin, die Soros-Foundation, ihre Arbeit in den letzten Jahren besonders in den Nahen Osten verlagert hat, scheinen diese einzigartigen Stimmen der Roma auf diesen Kanälen kaum eine Chance zu haben – außer vielleicht dem Internet? Da die Verbreitung des Internets eher gering ist, darf dies bezweifelt werden.

In großer Ausführlichkeit schildert die Verfasser des Bandes, wie sich die Mediensysteme Osteuropas ansonsten wirtschaftlich und inhaltlich entwickeln. Dort, wo sich Pressefreiheit vom Prinzip sehr gut durchgesetzt hat wie in Polen und Tschechien, beschreiben sie eine interessante ökonomische Durchdringung des Medienmarktes besonders durch deutsche Medienhäuser wie die WAZ-Gruppe um den früheren Kanzleramtsminister Hombach.

Dass dessen früherer Vorgesetzter und Kanzler Gerhard Schröder den russischen Ex-Präsidenten und heutigen Ministerpräsidenten Putin als „lupenreinen Demokraten“ bezeichnet, leitet auf einen weiteren interessanten Aspekt dieser spannenden Analys hin:
Die Autoren machen sich verdient, auf die Menschenrechtslage und die Bedeutung dieser kleinen Nischensender zu verweisen, so besonders die Medien der deutschsprachigen Minderheiten, denen es gelingt, in Polen und Rumänien eine kulturelle Bereicherung zum staatlichen und von großen kommerziell-orientierten Medienhäusern kontrollierten Medienmarkt darzustellen. Sie scheinen hier eine gewisse Narrenfreiheit zu genießen, bei der die Autoren aber bezweifeln, ob ein dauerhafter Verbleib auf dem Medienmarkt möglich sein wird.

Die beiden Autoren Stegherr und Liesem weisen in ihren viefältigen Analysen darauf hin, dass es in Ost- und Südosteuropa verschiedene Entwicklungen gibt – während es in Polen wesentliche Fortschritte gibt in der Pluralisierung und Demokratisierung der Medien, skizzieren sie für das frühere Jugoslawien eine Balkanisierung, so in Bosnien, wo Medien als „Zankapfel der Ethnien“ erscheinen.

In ihrem ausführlichen Kapitel zu Russland kommen Stegherr und Liesem natürlich nicht an der Novaja Gazeta und der Ermordung Anna Politkovskaja vorbei. Besonders positiv an diesem Kapitel ist der ausführliche historische Kontext und die besondere Diskussion der massiven russischen Menschenrechtsverletzungen, die Hand in Hand geht mit Eingriffen in die Pressefreiheit. So beschreiben die beiden Autorenn das Impressum der Novaja Gazeta als „Adelsregister des russischen Journalismus“ und würdigen diese als mutig und furchtlos. Dabei gelingt es Stegherr und Liesem, diese gefährlichen Entwicklungen in Russland ausführlich und in gebotener intellektueller Tiefe zu durchdringen und auf einem exzellenten sprachlichen Niveau zu skizzieren. Dazu die regionale Kontextualisierung und die vergleichenden Hinweise auf ähnliche Entwicklungen in Weißrussland und der Ukraine.
So gelingt es den Autoren dieser spannenden Studie, einen guten Gesamtüberblick über die Entwicklung des ost- und südosteuropäischen Marktes zu geben – in seinen politischen, wirtschaftlichen wie inhaltlichen Komponenten, unterteilt in die Mediensparten Print, Radio, Fernsehen und Digital. Besonders lobend möchte ich noch das sehr ausführliche Internet-Verzeichnis hervorheben, dass besonders im Hinblick auf Roma-Sender sehr interessant sind. Eine gesonderte Veröffentlichung dieser links wäre durchaus im Sinne derjenigen, die sich für authentische Berichte abseits des herkömmlichen Medienmainstreams interessieren. Auch deswegen ist diese Analyse sehr lesenswert, auch wenn aufgrund der aktuellen poltischen Entwicklungen (hervorzuheben in dieser Hinsicht besonders die Ukraine, Ungarn und der Balkan) eine regelmäßige Überarbeitung erforderlich erscheint. Den Autoren ist aber dessen angesichts ein gutes Grundlagenwerk gelungen.

Als Zielgruppe kommen für den Verlag Dozenten und Studierende der Kommunikations- und Medienwissenschaft, Politikwissenschaft und Soziologie in Frage. Ob diese angesichts der aktuellen finanziellen Lage ihre Bibliotheken davon überzeugen können, den stolzen Preis von 49.95 Euro zu bezahlen? Das Buch bietet jedenfalls gute Gründe dafür. In der Verbandszeitschrift des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes erschien dazu ein interessanter Artikel, über den ich auf das Buch aufmerksam wurde (und wozu ich ein Podcast-Interview führen wollte mit dem Autoren des Bandes).

Wer mehr wissen will über die Medien(un)freiheit in Osteuropa, sei auf das Netzwerk Ost verwiesen, diese haben kürzlich erst eine eigene Studie herausgegeben.

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