„Staatlichkeit in Afrika“ – Muss Entwicklungshilfe scheitern? Eine Buchbesprechung

In diesem Blog besprach ich bereits Ousmane Sy’s Plädoyer für einen afrikanischen Wandel von unten, stelltte Colliers Analyse der „Untersten Milliarde“ vor und liess Linda Polmann die „Mitleidsindustrie“ verreißen. Nun gibt es weitere sinnvolle, konstruktive Beiträge wie zum Beispiel Henning Andresens „Staatlichkeit in Afrika – muss Entwicklungshilfe scheitern?“ Dabei wählt er wie Ousmane Sy den gleichen Ansatz: das Konzept der Staatlichkeit in Afrika kritisch zu hinterfragen.

Das Buch ist in viert Teile untergliedert: zuerst beschreibt der Autor den afrikanischen Staat als Fremdköprer und Selbstbereicherungsinstrument. Mit seinen soziologischen Ausführungen zu neopatrimonlialer Korruption, seine Anleihen bei Paul Collier und Peter Scholl-Latour und diversen kritischen Anmerkungen zum Versagen afrikanischer Eliten, zur unrühmlichen Rolle der früheren Kolonialmächte (wie beispielsweise beim ersten demokratisch gewählten Präsidenten Zaire/Kongos, dem in diesem Blog als „Mord im Kolonialstil“ beschrieben wurde) zeigt Andresen recht genau auf, wo viele volkwirtschaftliche Probleme in Afrika liegen. Dabei lobt er Erfolgsstories wie die von Mali und dessen früheren Innenminister OUsmane Sy, dessen Dezentralisierungs-Vorhaben ich ja in diesem Blog in der Buchbesprechung bereits vorstellte.

In einem zweiten Teil beschreibt Andresen die Rolle afrikanischer Soziokulturen. Einerseits merkt man ihm seine eigenen längeren Afrika-Aufenthalte an. Andererseits fühle ich mich bisweilen an die sogenannte „Asian Values“-Debatte (siehe folgenden englisch-sprachigen Wikipedia-Beitrag) erinnert, die aus Menschenrechtssicht bereits als Legitimierung autoritärer Herrschaften entlarvt wurde. Andresen selbst weißt aber nach, dass gerade die enge Verbindung von „Big Men“ (privaten Unternehmen) mit Staatsämtern Korruption und Klienten-Versorgung einhergeht.

Im dritten Teil kritisiert der Autor die bestehende Entwicklungshilfe. Man merkt dem Autoren an, dass er als Finanzwirt lange Jahre bei der KFW-Bank beschäftigt war, zum Beispiel, wenn er Verwaltungsreformen einfordert und dafür die Entlassung als „überzähliger“ Arbeitskräfte im Öffentlichen Dienst (die über Klientelismus versorgt wurden) einfordert und ein großes Lob auf „Good Governance“ nach Weltbank-Kriterien singt. Doch letztlich fordert auch ein Ousmane Sy im Rahmen seiner Dezentralisierungs-Projekte „Good Governance“. Letztlich bietet aber letzterer Ansatz aus meiner Sicht größere Erfolgsaussichten, weil hier die Verwaltung „nach Hause gebracht wird“ (in Sy’s Worten) und damit in größere Verantwortung genommen werden kann. Schließlich hat die von Weltbank und IWF in den 1990ern geförderte Staatsverschlankung (und Rückführung der Staatsquote) aus Sicht des früheren Weltbank-Ökonomen Joseph Stiglitz die Staatlichkeit eher geschwächt und den jeweiligen Entwicklungsansätzen geschadet (siehe dazu seine Werke „Die Schatten der Globalisierung“ von 2002 und das viel diskutierte Buch „Die Roaring Nineties“ aus dem Jahr 2004, mehr dazu hier).

Positiv hervorzuheben ist der vierte Teil des Bandes, in dem Andresen aus seinen durchaus kritisch-konstruktiven Anmerkungen der ersten drei Teile sehr berechtigte, gute Handlungsempfehlungen ableitet, mit denen er sicher zu Recht einigen etablierten (und gut bezahlten) Entwicklungshelfern weh tut. Den die Entwicklungsszene muss sich durchaus nach über vierzig Jahren Entwicklungshilfe mit der Frage auseinandersetzen, wieso es in Afrika (trotz unbestreitbarer Erfolge, beispielsweise bei der Bekämpfung von Pocken und Malaria) immer noch große Probleme gibt. Nach der Lektüre von Andresen hab ich das Gefühl, dass hier jemand in Ansaätz polemisch, gelegentlich zu schwarz-weiß, aber durchaus profund aufgrund eigener negativer Erfahrungen berechtigt den Finger in die Wunde legt und ein bisschen Salz dazu tut. Ein aus meiner Sicht konstruktiver, gewinnbringender Beitrag, selbst wenn ich an einigen Stellen mit dem Autor nicht einer Meinung bin.

Der Band ist bei Brandes & Apsel erschienen und kostet 19,90 Euro.

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2 Gedanken zu “„Staatlichkeit in Afrika“ – Muss Entwicklungshilfe scheitern? Eine Buchbesprechung

  1. Afrika könnte von Asien lernen, dass Armut nicht Gott gegeben ist, sondern vor allem die Folge menschlichen Handelns und Unterlassens. Ob Bildung, Gesundheit, Infrastruktur oder Zugang zu Trinkwasser. Afrika fällt als einziger Kontinent immer weiter zurück. Asien hat in Bildung , Gesundheit und Landwirtschaft investiert. Sie haben alles Mögliche -meist ohne Hilfe von außen- probiert, bis sie den richtigen Weg gefunden haben.

    “Entwicklung” in Afrika beschreibt heutzutage das was Entwicklungsorganisationen mit ihrem riesigen Apparat (allein in Deutschland leben 100 000 Menschen von der “Hilfe” für Entwicklungsländer) tun und was nach Meinung der Hilfeindustrie getan werden sollte. Trotz jährlich über 6 Milliarden Euro für derartige Hilfen gibt es bis heute keine unabhängige Evaluierung und Wirksamkeitskontrolle.

    Volker Seitz, Autor des Buches Afrika wird armregiert, 5. Auflage 2011

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