Cocktail mit Schuss – Traumurlaub Tunesien

Foto: flickr_1mindstorm

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Für 300 € kann man sich einen neuen LCD Fernseher mit 80 cm Bilddiagonale, ein neues Fahrrad, ein neues Smartphone oder ein gebrauchtes Auto kaufen – oder aber auch den Traumurlaub schlechthin: mit menschenleeren Stränden, blauem Meer, 100% Sonnenscheingarantie, ein weiches Bett im vier Sterne Hotel und alles natürlich all inclusive, auch der Cocktail mit Schuss.

Tunesien und Ägypten zählen zu den begehrtesten Reisezielen der Deutschen im Winter und sind momentan zum Schnäppchenpreis zu haben. Also schnell Koffer packen und los geht es. Urlaub ich komme.
Stopp! War da nicht was? Menschenmengen – Schüsse – Protestrufe – Militär – Massendemonstrationen – Reisewarnungen – Evakuierungen – Schüsse –
Regimsturz! Yasminrevolution?

Wenn man heute auf die Internetseite des Auswärtigen Amtes schaut wird man feststellen, dass es keine Reisewarnung für Tunesien und Ägypten mehr gibt. Dafür aber zahlreiche Hotels mit leeren Zimmern und arbeitslose Tunesier. Der Tourismus ist in der Region am Mittelmeer ein großer Wirtschaftsfaktor, der durch die Revolution zusammenbrach. Das spürt nicht nur die Hotelbranche. Taxifahrer finden keine Kunden, Restaurants und Souvenirläden müssen schließen. Die größte Sorge aber ist, dass die Kriminalität mit der anhaltenden Touristenleere und Arbeitslosigkeit weiter steigt und es zu Aufständen kommt. Ein Teufelskreis, denn mit Unruhen bleiben auch die Touristen weiterhin fern. Ein Grund mehr, jetzt nach Tunesien zu reisen, man könnte mit einem Urlaub Cocktail schlürfend den Demokratisierungsprozess unterstützen -eine win win Situation für alle. Je mehr Touristen desto besser ist es für die Demokratie oder etwa nicht?

Aber ein Haken wäre da noch: Kann ich entspannt meinen Urlaub genießen, wenn gleichzeitig Menschen um ihre Existenz kämpfen, sich mit ihrem Leben für einen Regierungswechsel einsetzen? Panzer und Militär durch die Straßen rollen?
Durchaus könnte ich – rein physisch betrachtet – mit geschlossenen Augen meinen Cocktail genießen und Schüsse ignorieren. Als Traumurlaub würde ich das dann aber nicht mehr bezeichnen und ist das aus moralischer Sicht vertretbar?
Gut, einige sagen Schreckliches zieht Menschen an. Stichwort Tschernobyl-Ticket: Fünf Stunden sollen sich in Zukunft Touristen in der sogenannten „Zone“ das Atomkraftwerk und die dazu gehörige Geisterstadt anschauen können. Im Angebot des Kriegssightseeings oder auf deutsch Kriegstourismus sind auch noch die „Pop – Art- Radovan“ Tour des Serbenführers Radovan Karadžić, sowie die „National Defense Shooting Range“ in Vietnam. Hier kann für 5 Dollar mit einer M16 wild geschossen werden. Als Kriegstourismus wird vor allem das Aufsuchen von Kriegsschauplätzen bezeichnet. Kritiker meinen hier, dass „es nicht leicht sei eine Grenze zwischen einem Ort des Gedenkens und einem zur Befriedigung von Sensationslust zu ziehen. Schreckliches ziehe an, rege aber auch zum Nachdenken an“ so ist es zumindest auf presse.de zu lesen.
Angenommen dem Fall meine innerste Absicht wäre es, die Situation in Tunesien zu begreifen, die Demonstranten und Militär zu sehen -live dabei zu sein, dann dürfte ich wohl nicht ein all-inlusive Angebot wahrnehmen, um in der Hotel Anlage auf einen Mob zu warten.
Anstelle dessen könnte ich daheim Radio hören, den Live – Ticker im Internet verfolgen.
Aber wo auf der Welt kann man guten Gewissens am Pool planschen, mit dem Jeep, Bus oder Zug fremde Länder erkunden und durch Märkte und Basare schlendern?
Backpacking durch Indien ist sehr beliebt, trotz Millionen zum Betteln gedrillter Kinder die eigens für einen besseren Umsatz geblendet und verkrüppelt werden. Was ist mit den Kontinenten Afrika und Lateinamerika ihren Slums, Favellas, Hunger, ein Leben unter dem Existenz Minimum. Doch guten Gewissens in Deutschland Urlaub machen, ist eine Idee nach dem Motto, was ich nicht weiß macht mich nicht heiß. Aber ist nicht allgegenwärtig irgendwo auf der Welt ein Missstand? In Frankreich und auch Deutschland werden Menschen abgeschoben, in Italien schickt Frontex Flüchtlinge zurück oder lässt sie unter Menschenunwürdigen Bedingungen irgendwo hausen. Mit anderen Worten gibt es überhaupt einen Urlaub des Guten Gewissens?
Erste Ansätze sind auszumachen. Der politisch korrekte Abenteurer kann zum Beispiel beim Projekturlaub („Volunteering Reisen“) in Brasilien nicht nur die Grüne Hölle erkunden, sondern auch für das gute Gewissens die Wände eines Kindergartens streichen.
Ute Linsbauer kritisiert allerdings den Projekturlaub, da Touristen mit ihrer Freiwilligenarbeit Einheimischen Arbeit wegnehmen. Ute Linsbauer ist Sprecherin von „forum anders reisen“. Hier hat vor allem nachhaltiger Tourismus oberste Priorität, d.h. die Reisen müssen umweltbewusst, sowie wirtschaftlich und sozial fair ablaufen – eine Idee der bisher leider nur wenige folgen.
38 % der Deutschen erklären, dass sie zukünftig ihr Urlaubsziel nach dem Kriterium Demokratie und Menschenrechte auswählen wollen, die anderen 40% hingegen ziehen es vor, da hin zu reisen, wo es „schön“ ist.
Im Übrigen spricht der Präsident des Deutschen Reiseverbandes, Jürgen Büchy, von einer durch die friedlichen Umbruch geweckten Sympathie der Deutschen für Tunesien und Ägypten.
„Wir sind sicher, dass sich Ägypten und Tunesien sich schnell erholen und ihren Platz auf der touristischen Landkarte zurückobern werden“, Jürgen Büchy.

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