„Der Schrei des Löwen“ (Buchbesprechung)

Ein deutsches Wohlstands-Kid im Spießer-Urlaub mit seiner Familie in Sizilien, trifft seine große Liebe – und findet gleich mal beim ersten Tauchgang eine Wasserleiche. Die wiederum hat ein Tagebuch dabei. Bei der Lektüre findet sich der Junge in einer Geschichte von Armut, Hunger, Kleinkriminalität und Flucht zweier gleichaltriger Jungs aus Nigeria. Diese haben durch großen Zufall einen großen Batzen Geld bekommen, mit dem sie sich die Flucht nach Europa – zu ihrem Onkel in Hamburg – leisten wollen. Doch sie scheitern schon vor Sizilien. Der ältere Junge stirbt, der jüngere wird wieder abgeschoben, „irgendwo nach Afrika“.

So ist die grobe Skizze von Ortwin Ramadans „Der Schrei des Löwen“. Nebenbei wird kurz eine deutsche Urlauber-Familie skizziert, schön spießig, so wie man sich so eben eine Spießer-Famlie vorstellt. Deren verzogener Sohn ist akut von der Versetzung bedroht, ihm zuliebe fährt die Familie extra nach Sizilien, was er natürlich eigentlich nicht will. Dass dann ausgerechnet dieser ansonsten so a-politissche Junge gleich in seiner ersten Tauch-Stunde den ertrunkenen Flüchtling entdeckt, ist natürlich Zufall. Dass dessen Tagebuch gut verpackt „überlebt“ – auch so ein böser Zufall. Dass er dann den kleinen autistischen Bruder des Ertrunkenen findet, ist dann das letzte skurille Erlebnis eines von Stereotypen strotzenden Buches. Oder wie sonst ist die Liebesgeschichte des deutschen Jungen erklären, der sich in die deutsch-italienische Tochter des Hotelbesitzers verguckt?

In der offiziellen Verlagsankündigung heißt es dagegen nüchtern knapp:

“ Der 16-jährige Yoba und sein kleiner Bruder Chioke leben als Straßenkinder in Nigeria. Als Yoba einen Auftrag für den örtlichen Gangsterboss erledigt und plötzlich in den Besitz einer Tasche mit Geld gelangt, ist das ihre große Chance: Sie fliehen und lösen bei einem Menschenschleuser ein Ticket nach Europa. Wie so viele andere wollen sie es auf eines der Flüchtlingsboote nach Sizilien schaffen. Doch der Weg dorthin ist lang – und viel gefährlicher als gedacht.“

Ja klar. Die Wüste ist tagsüber hart und nachts kalt, Grenz-Soldaten wollen bestochen werden und Lybien war auch vor Ausbruch des Bürgerkrieges ein gefährliches Pflaster. Jedenfalls für Flüchtlinge. Um diese abzuschrecken, hat Europa (Deutschland und Frankreich voran) mit dem Diktator Gaddafi eng zusammengearbeitet. Denn Flüchtlinge sind nicht in unserem Interesse, oder? Ortwind Ramadans „Der Schrei des Löwens“ kann man jedenfalls zugute halten, dass er die Sicht junger Flüchtlinge anschaulich schildert.

Der Band ist im Carlsen Verlag für Jugendliche erschienen und kostet 9,95 Euro. Zusammen mit der UNHCR-Simulation eignet sich das Buch trotz der vielen Klischees und Stereotypen besonders gut für den Schulunterricht. Denn es zeigt prototypisch, wieso junge Menschen ihr Zuhause verlassen und sich auf die gefährliche Flucht gen Europa begeben und wie scheinhelig und abstoßend europäische Sicherheitspolitiken und Sizilien-Touristen auf dieses Schicksal reagieren. Dem Buch sind jedenfalls viele kritisch denkende und handelnde Schüler zu wünschen, die sich konstruktiv mit diesem Band auseinander setzen.

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