Die Biographie Liu Xiaobos

Als was ist Liu Xiaobo nicht alles beschrieben worden? Als „Bürgerrechtler und Staatsfeind“ oder als „große Hoffnung Chinas Literatur seit 1918“. Seit seinem Friedens-Nobelpreis ist er auch einem breiten Publikum in Deutschland bekannt. Nun kam im riva-Verlag Bei Lings Biografie über Liu Xiaobo auf den deutschen Markt.

Das bemerkenswerte dabei: obwohl beide Gründungsmitglieder des chinesischen PEN und lange Zeit befreundet, so haben sich die beiden streitbaren Charaktere in der Zwischenzeit sehr zerstritten. Dies prägt natürlich auch diese Biographie: Bei Ling gibt eine sehr subjektive Sicht und erzählt (wenn auch zum Glück nur am Rande) seine eigene Geschichte, seine eigene Wahrnehmung. Ob er Liu Xiaobo die große Ehre des Preises neidet? Oder ob er nur im Windschatten des Berühmteren Geld verdienen will? Zum Glück treten Bei Lings eigene Ambitionen in diesem Band zurück. Was bleibt, sind interessante Einblicke in das Leben des Friedens-Nobelpreisträgers.  

Bei Ling selbst sagt, dass er mit dieser „Biographie“ des Nobelpreisträgers seinem alten Freund Respekt zollen wolle. „Der Preis ist für alle denkenden Menschen in China ein großer Anstoß“, sagt er. Was man dem Autoren zugute halten kann: er kennt Liu Xiaobo noch aus der Zeit, als dieser lediglich in der (wenn auch elitären) Pekinger Literaturszene bekannt war. Aus dieser Zeit stammt wohl auch Bei Lings Skepsis gegenüber Liu Xiaobo, den er als „Kette rauchenden, sprachgewandten arroganten Schnösel“ beschreibt. Inwieweit dies eine gesunde Basis für eine Freundschaft ist und Bei Ling zu dem einen anerkannten Xiaobo-Biograhpen berechtigt, sei dahingestellt. Das Buch ist dennoch lesenswert, auch wenn es wohl doch mit heißer Nadel gestrickt ist. So mischt er in diesem Band eigene Anektodten, berichtet von gemeinsamen Freunden und zitiert aus Xiaobos Schriften. Damit gibt er schon wenn auch subjektiv gute Einblicke in den Werdegang eines störrischen, unbequemen Menschen, der für seine Meinungsfreiheit lieber ins Gefängnis geht, als sich mit seiner Familie ins Ausland abzusetzen. Zum Glück ist diese Biographie keine Heldenepos, Liu Xiaobo wird auch nicht zu einem neuen „Galilei“ ausgerufen, der zu einer neuen Weltsicht in China sorgte. Doch die Sprengkraft seines Handelns wird an verschiedenen Stellen sehr wohl dargestellt, beispielsweise in seinen wissenschaftlichen Arbeiten in den 80er Jahren, als er zuerst den als „verkrustet“ wahrgenommenen akademischen Bereich aufs Korn nimmt und dann konsequent auch zu den Studentenunruhen von 1989 in Peking dazustößt und diese mitprägt. So wurde er zu einem Wortführer der Studenten und schaffte es dabei, weiteres Blutvergießen zu verhindern.

Was mir an dem Band besonders gut gefällt: Liu Xiaobo wird als vielfältiger Charakter beschrieben und eben nicht in schwarz-weiß karikiert. So zeigt Bei Ling an einigen Beispielen, wie unnahbar Liu Xiaobo sein kann, wie arrogant er sein konnte. Andererseits schildert Ling wieder Episoden, wo er mit Polizisten schnell und unkompliziert übereinkam, Zeit und Lust für ein Kartenspiel zu haben.
immer auch eine unkomplizierte, volkstümliche Seite gehabt, sagt Bei Ling. „Er findet mit allen und jedem eine gemeinsame Sprache.

Interessant auch Lings Ausführungen zu Liu Xiaobos Standing innerhalb der chinesischen Opposition, die sich mit dem kantigen und unbequemen Nobelpreisträger schwer tun, dessen Kompromißbereitschaft mit dem Regime einigen zu weit gehen scheint. Sie nehmen Liu Xiaobo bis heute übel, dass er Anfang der neunziger Jahre im Gefängnis dem Druck nachgab und eine Selbstbezichtigung schrieb. Doch dies wirkt aus meiner Sicht etwas heuchlerisch von Bei Ling: er selbst war 1989 nicht in China und als er 2000 während eines China-Aufenthaltes mit dem Regime in Konflikt geriet, wurde er aufgrund seiner zwischenzeitlich erworbenen ausländischen Staatsbürgerschaft mit seiner Familie abgeschoben. Er stand also nicht in dem Dilemma Xiaobos, der auch Rücksicht auf seine Frau und Kind und seine Eltern nehmen musste, der unter einem enormen seelischen wie körperlichen Druck gestanden haben muss. Dies ist die einzige Schwachstelle in Bei Lings ansonsten lesenswerten Biographie, die tiefergehende Einblicke in die chinesische Realitäten gibt und einen aufrichtigen Demokraten würdigt.

Das Buch erschien im riva-Verlag und kostet 19,95 Euro. Ein vernünftiger Preis.

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