Volker Seitz: Afrika wird armregiert – eine Buchbesprechung

Nun besprach ich kürzlich verschiedene Bücher, die sich kritisch mit der momentanen Entwicklungshilfe in Afrika auseinandersetzen. Darauf hin wurde ich auf Volker Seitz „Afrika wird armregiert“ aufmerksam. Ein durchaus provokanter Titel, der zur Diskussion einlädt. Der Autor war lange Jahre deutscher Diplomat, zuletzt deutscher Botschafter in Kamerun. Er berichtet durchaus anekdotisch aus seinen eigenen Erfahrungen und fasst diese professionellen Eindrücke in dieser Streitschrift zusammen. Seitz fordert nicht mehr und nicht weniger als die Abschaffung bisheriger Entwicklungshilfe (nicht der humanitären Notversorgung!). So führt er aus: „Mit gut gemeinten milden Gaben erreicht man keine Änderung gesellschaftlicher Grundprobleme. Der Motor eigenständiger Entwicklung und Selbsthilfe springt nicht an.“ Seitz berichtet, wie sehr die herkömmliche Entwicklungshilfe Korruption fördert und die lokalen Eliten von ihrer Verantwortung für „ihr“ Volk entlastet und sie sich lieber von dem Geld schicke deutsche Autos kaufen (und deswegen von der Bevölkerung Wa Benzis gerufen werden).

Auch das Erbe des Kolonialismus sieht er differenziert. So seien die Erfahrungen sicherlich traumatisch für Afrika, aber keine Entschuldigung für Raffgier und Ausbeutung von „Afrikanern durch Afrikanern“. Aus seiner eigenen Erfahrung berichtet er, dass ihm als hochrangiger Diplomat von vielen jungen Afrikaner sehr gut zugehört wurde, wenn er im Zusammenhang von Hilfsgelern von Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit oder Demokratie sprach. Genau dies ist ein Ansatz, den er mit Rupert Neudeck teilt, der das Vorwort dieses Erfahrungsberichtes schrieb.

In einem für den deutschen und europäischen Helfermarkt unangenehmen Teil hinterfragt Seitz durchaus kritisch die Funktionsweise der „Mitleidsindustrie“, die selber an einer Lösung der Probleme nicht mehr interessiert sei, da sich ihr organisatorische Eigenleben inzwischen dermaßen verselbstständigt hat. Und ob die Überprüfung der Wirksamkeit diverser Projekte dazugehört, erscheint nach der Lektüre deieses spannenden, leicht zu lesenden Bandes durchaus kritisch zu sehen.

Am Beispiel von Milchpulver zeigt Seitz auch die abstruse Logik europäischer Hilfe – anstatt vor Ort Milch einzukaufen, wird in Europa überschüssiges Milchpulver an Afrika verhökert und so die lokale Milchindustrie zerstört. Dazu sind die Waffenexporte (Deutschland ist schließlich nicht umsonst Exportweltmeister!), gewaltsame Auseinandersetzungen und Bürgerkriege, mangelnde Hygiene und fehlende Infrastrukturen, katastrophale medizinische Versorgung, Korruption, Ausbeutung der Rohstoffe, Umweltverschmutzung, Müllexporte, Sklaverei und AIDS. All das sind Probleme, die durch die momentane Mitleids- und Helferindustrie eher verstärkt wird.

In seinem Band zeigt Seitz auf, dass wir Bürger der industrialisierten Welt bescheidener werden müssten. Dann müsste geholfen werden, eigene lokale wirtschaftliche Infrastrukturen aufzubauen. Wie dies geht, zeigte Ousmane SY in „Vorwärts Afrika“. In diesem Zusammenhang ist wichtig, Dezentralisierung („Bring die Verwaltung nach Hause!“, so Sy) mit Seitz Forderungen nach einem breit ausgebauten Bildungssystem zu verknüpfen. Letztlich gibt Seitz mit diesem Buch einen wichtigen Impuls. Dieser ist wichtig, die Rolle der deutschen „Entwicklunindustrie“ kritisch zu hinterfragen und differenzierte Erklärungen einzufordern. Daher ein lesens- und diskussionswürdiges Buch!

Das Buch erschien im Münchner dtv-Verlag und kostet 14,90 Euro.

Aus meiner Sicht: ein konstruktiver Grundsatzbeitrag, der schlaglichtartig die wesentlichen Probleme heutiger „Entwicklungshilfe“ kritisch hinterfragt. Dem Autoren gelingt es dabei, aus seinem eigenen reichen Erfahrungsschatz als langjähriger Diplomat Einblicke in den Alltag verschiedener afrikanischer Länder zu geben. In dem Zusammenhang passt der Band sehr gut zu Colliers Analyse der „Untersten Milliarde“, die ich in diesem Blog bereits vorstellte.

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2 Gedanken zu “Volker Seitz: Afrika wird armregiert – eine Buchbesprechung

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