Indonesien: Religiöse Minderheiten in Bedrängnis.

Es ist der 6. Februar 2011. Die Idylle des mitten im Regenwald West Javas gelegenen kleinen Dorfes Cikeusik wird überraschend gestört. Ein aufgebrachter Pulk von mehreren Hundert Menschen stürmt das Gebetshaus einer ansässigen Ahmadiyya-Gemeinschaft. Die Ahmadis sind zu der Zeit gerade dabei, ihre Gebete zu verrichten. Zunächst beschädigen wütende Männer das Gebäude, bevor sie Autos und weitere Gegenstände in Brand stecken. Schließlich werden 3 der Ahmadiyya-Muslime brutal zu Tode gequält, weitere werden schlimm verletzt. Die anwesende Polizei schaut tatenlos zu.


Einige Tage später werden die Polizisten berichten, dass die Gräueltat von den Ahmadiyya-Muslimen selbst beabsichtigt gewesen wäre. Ein Anwesender hielt die erschreckenden Bilder des Vorfalles auf seiner Kamera fest, sie sind auch als you tube video im Internet anzusehen. (Achtung! Das Video zeigt Szenen äußerster Gewalt und Brutalität. Es sollte insbesondere nicht von Kindern gesehen werden!). Das Unglück ereignete sich während der von den Vereinten Nationen initiierten „World Interfaith Harmony Week“ (Woche des harmonischen Zusammenlebens der Religionen).
Die Staatsideologie Pancasila sieht als einen von fünf Grundsätzen die Religionsfreiheit vor. Faktisch gilt diese jedoch nur für 5 anerkannte Religionen: die Bürger können demnach den Lehren des Islam, Christentum (katholisch und evangelisch), Buddhismus, Hinduismus oder Konfuzianismus folgen. Animismus darf in der Öffentlichkeit nicht praktiziert werden. Menschen, die anderen (Glaubens-) Richtungen als den 5 anerkannten folgen, bekommen dann z.B. nur unter großen Umständen, wenn überhaupt, einen Personalausweis.

Die rund 400.000 Ahmadiyya-Muslime in Indonesien fallen nicht unter die anerkannten Religionen, obwohl sie sich selber zum Islam bekennen und sich als Muslime bezeichnen. Da ihre Ansichten jedoch in einigen Glaubensfragen von denen des sunnitischen Mehrheitsislam (dem 88% der Bevölkerung angehören) abweichen, geraten sie immer wieder in Schwierigkeiten und werden Opfer von Gewalt- und anderen Gräueltaten.

Es fing bereits im Jahre 1980 an, als der Majelis Ulama Indonesia (MUI), der wichtigste Aufsichtsrat der Muslime in Indonesien, ein Rechtsgutachten erließ, demzufolge die Ahmadiyya als Häretiker anzusehen seien. Vier Jahre später bekräftigte auch das indonesische Ministerium für religiöse Angelegenheiten diese Angabe. Seitdem der MUI dann 2005 forderte, die Aktivitäten der Ahmadiyya zu verbieten, wiederholen sich Gewalttaten und Übergriffe auf die muslimische Minderheit. Seit Anfang Juni 2008 ist den Ahmadiyya-Muslimen zusätzlich durch ein Regierungsdekret die Ausführung jeglicher religiöser Aktivitäten in Indonesien untersagt, in 12 Regionen wurden die Ahmadis zusätzlich auch durch lokale Staatsvertreter verbannt.

Eine Wiederholung des Vorfalls vom 6. Februar ließ nicht lange auf sich warten. Nur wenige Wochen später kam es zu einer Leichenschändung in Bandung (West Java) und zur wiederholten Beschädigung mehrerer Häuser einer belagerten Ahmadiyya-Gemeinde. Polizisten trieben im Anschluss daran die Ahmadi zusammen und klärten diese über ihre neuen Rechte auf – bzw. darüber, was sie fortan nicht mehr dürfen, nämlich jegliche Art der Religionsausübung. Wer Angst um sein Leben habe, müsse eben andernorts ein neues Zuhause finden. Abermals rechtfertigte die Polizei ihr tatenloses Zusehen: da nur Sachschäden entstanden seien, sei ein Eingreifen seitens der Polizei nicht notwendig gewesen, hieß es.

Wenige Tage später wurden hunderte Bücher einer Ahmadiyya-Gemeinde verbrannt. Wieder war West Java der Schauplatz. In diesen Tagen wurden auch mindestens 31 Ahmadis gezwungen, zum sunnitischen Mehrheitsislam überzutreten. Unter Drohung und mittels Bestechungsgeldern hatten Polizisten und Militärs sie genötigt, Erklärungen zu unterschreiben, denen zufolge sie freiwillig konvertiert seien.

Kaum weniger brutal als die Ahmadiyya trifft es seit Dezember des vergangenen Jahres auch einige christliche Gemeinden. Besonders auf der Insel Java mehren sich seit Dezember die Übergriffe. Anfang Februar 2011 wurden während einer Demonstration mehrere Kirchen angezündet und ein Pfarrer misshandelt. Die wütende Menschenmenge beklagte das Urteil eines Richters, der in einem Fall angeblich zu milde geurteilt habe. Ein Christ habe Flugblätter verteilt, in denen er den Islam beleidigt habe. Deshalb sei er zur Höchststrafe verurteilt wurden: 5 Jahre Haft. Doch das reichte den aufgebrachten Demonstranten nicht; sie forderten statt des vorgesehenen Urteils die Todesstrafe – oder die Auslieferung an das Volk.

Laut Pancasila ist das Christentum jedoch eine Religion, die offiziell anerkannt ist – anders als der Glaube der Ahmadiyya-Muslime; so sieht das zumindest eine Reihe radikalislamischer Gruppierungen. Von ihrer Seite scheinen die meisten der Übergriffe auf Ahmadiyya-Anhänger auszugehen. Die meisten der Verbote und Gewalttaten stützen sich auf das Blasphemiegesetz (Artikel 156a des Indonesischen Strafgesetzbuches) aus dem Jahre 1965.

Faktisch ist Indonesien seit 2004 offiziell als Demokratie anerkannt. In diesem Jahr wurde auch erstmals ein Präsident direkt vom Volk gewählt. Seither ist dies der 2009 wiedergewählte Susilo Bambang Yudhoyono. Dass Indonesien sich jedoch in der Praxis noch immer auf dem Wege hin zu einer tatsächlichen Demokratie befindet, beweisen Ereignisse wie die der vergangenen Wochen. Ohne die aktive Unterstützung des Präsidenten, der sich bisher noch immer nicht ausführlich zu den Vorfällen geäußert hat, werden religiöse Minderheiten in Indonesien zumindest vorerst keinen Halt finden. Zudem breitet sich die Befürchtung aus, die erschreckenden Geschehnisse aus Pakistan könnten sich in Indonesien wiederholen.

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