Srebrenica und die Leipziger Buchmesse

Serbien war das Schwerpunktland der diesjährigen Leipziger Buchmesse 2011.
In zahlreichen Veranstaltungen konnten serbische Autoren ihre Werke, ihre Kultur und ihr Land vorstellen. Eine breitere Öffentlichkeit lernte die südosteuropäische Literaturszene mit ihrer Vielfalt näher kennen. Leider gab es auf der Leipziger Buchmesse vier Veranstaltungen, die den Bosnienkrieg und den Genozid in Srebrenica verharmlosten und sogar leugneten:

– Der Milosevic Prozess (Autor: Germinal Civikov, Verlag: Promedia)
– Srebenica, der Kronzeuge (Autor: Germinal Civikov, Verlag: Promedia)
– Veranstaltung: “Zielscheibe Serbien” – Krieg, Kontrolle und Siegerjustiz durch die NATO – eine Auswahl unbequemer Bücher (u.a. mit dem Autor: Germinal Civikov und seinen Büchern “Der Milosevic Prozess” und “Srebrenica. Der Kronzeuge”
– SREBRENICA-wie es wirklich war (Autoren: Alexander Dorin, Zoran Jovanović, Verlag: Ahriman)

Bereits im Vorfeld setzte sich die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) mit der Messeleitung in Kontakt und kritisierte, dass die Buchmesse Leugnern des Genozids an muslimischen Bosniaken während des Bosnienkrieges mit diesen Veranstaltungen ein Podium bot.

Doch statt auf die Forderung nachzugeben und die Lesungen auszusetzen oder zumindest eine alternative Veranstaltung anzubieten, verwiesen die Verantwortlichen der Buchmesse auf die Meinungsfreiheit gemäß Artikel 5 des Grundgesetzes. Dabei ist der Genozid in Bosnien hinreichend dokumentiert. Sowohl das Internationale Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) als auch der Internationale Gerichtshof (ICJ) haben serbische Täter entsprechend angeklagt und verurteilt.

Die GfbV beschloss deshalb, am eigenen Stand auf der Leipziger Buchmesse über den Völkermord zu informieren. Der GfbV-Stand legte seinen Fokus auf den an über 8000 bosniakischen Jungen und Männern verübten Massaker in Srebrenica, welcher vom internationalen Gerichtshof in Den Haag im Jahre 2007 als Genozid bewertet wurde. Das GfbV-Team verteilte Flyer und initiierte eine Unterschriftenaktion an Serbiens Präsident Boris Tadić, in der dieser aufgefordert wurde Ratko Mladic endlich zu fassen und informierte interessierte Messebucher.

Vor allem aber verteilten wir Informationsmaterial über Srebrenica an allen Veranstaltungen, die den Bosnienkrieg und Genozid in Srebrenica bagatellisierten oder verleugneten. Dabei wurde deutlich, dass die Verantwortlichen dieser Stände, die Verlage und Autoren nicht an einer ernsthaften Diskussion interessiert waren. Unter Drohungen und wüsten Beschimpfungen wurden wir von den Ständen vertrieben, erhielten Standverbot und uns wurde mit der Messeleitung gedroht.

Die Verleugnung von Srebrenica gipfelte in der Vorstellung des Buches „Srebrenica – Unterdrückte Tatsachen über die an Serben begangenen Massaker 1992 bis 1995“ Alexander Dorin (Autor) und Zoran Jovanovic (Fotograf) von 14.00-16.00 Uhr im Forum „Leipzig liest“ am Sonntag, den 20. März 2011. Um für ihr Programm zu bewerben, plakatierte der Ahriman-Verlag großflächig auf der Buchmesse und in der Stadt Leipzig.

Die Veranstaltung selbst war eine Zumutung für alle, die sich mit dem Krieg in Bosnien beschäftigt hatten und an einer ernsthaften Vergangenheitsbewältigung interessiert sind. Nachdem der Redner Peter Priskil vom Ahriman-Verlag über eine Stunde lang die Gesellschaft für bedrohte Völker und insbesondere Tilman Zülch mit wüsten Beschimpfungen bedachte, die Opferzahlen von Srebrenica runterrechnete und den westlichen Imperialismus in einer Verschwörungstheorie kritisierte (während er aus seiner Flasche Coca-Cola trank), stellten sich anschließend der Autor und der Fotograf den Fragen des Publikums. In dem Veranstaltungshinweis wurde bereits Srebrenica als das Lügen-Ausschwitz der Nato
bezeichnet. Die Besucher gliederten sich in kritische Zuhörer und Srebrenica-Gegner. Peter Gischke (langjähriges GfbV-Mitglied) und Jasna Causevic (Südosteuropa-Referentin der GfbV) entlarvten in ihren Kommentaren und Beiträgen die fadenscheinigen Argumente des Redners und Autors und erhielten regen Zuspruch von den Teilnehmern.

Ich war überrascht von der Radikalität der Befürworter des Buches, die mir sogar nahe legten nicht mehr auf der Veranstaltung zu fotografieren und die versuchten die Verteilung von GfbV-Informationsmaterial trotz Erlaubnis zu verbieten. Darüber hinaus zeigte der Ahriman-Verlag Bilder von (angeblich) brutal getöteten Serben von bosnischer Seite her, deren Wahrheitsgehalt durch fehlende Quellenangaben nicht glaubhaft wirkte. Ich verließ die Veranstaltung mit gemischten Eindrücken. Die Srebrenica-Genozid-Leugner und die Radikalität ihrer Anhänger erstaunten mich mit ihrer „Sicht der Dinge“.

Kurz vor Ende der Buchmesse besuchten Anti-Srebrenica-Aktivisten unseren Stand und versuchten uns mit Sprüchen wie „Ihr betreibt Volksverhetzung!“ zu beschuldigen und zu provozieren. Da wir auf ihr Verhalten sachlich reagierten, uns nicht aus der Ruhe bringen ließen, wirkten sie verdutzt. An diesem Vorfall fällt wieder auf, dass eine wissenschaftliche und differenzierte Auseinandersetzung der Thematik mit Anti-Srebrenica-Befürwortern nicht möglich zu sein schien.

5 Gedanken zu “Srebrenica und die Leipziger Buchmesse

  1. Die Veranstaltung auf der Buchmesse wird zurzeit heftigst im Leipzig-Almanach diskutiert: „Relativierung des Völkermords – Hetzerische Darbietung: Auf der Buchmesse verstört eine Lesung mit Diskussion, weil sie eine vermeintlich andere Wahrheit über Srebrenica offenbart“. Es gibt schon fast 40 Kommentare dazu, die auch auf die Gesellschaft für bedrohte Völker Bezug nehmen.

    http://www.leipzig-almanach.de/literatur_buchmesse_2011_relativierung_des_voelkermords_-_peter_priskil_ueber_srebrenica_sabine_ernst.html

  2. Die Veranstaltung in Leipzig zeigte eindrücklich auf, dass die Massenmedien und einflussreiche politische Organisationen die Masse der Menschen durch gezielte Desinformation für blöd verkaufen können. Die Vertreter der GFbV wirkten während der Lesung wie die Vertreter der mittelalterlichen Inquisition, die das Unrecht und die Lüge mit allen Mitteln verteidigen wollen. Die Gewinner waren Priskil-Dorin-Jovanovic, da sie einem Grossteil der Anwesenden Aspekte über Srebrenica näherbringen konnten, die bisher verschwiegen wurden.

  3. Susanne schrieb:“Ich war überrascht von der Radikalität der Befürworter des Buches…“. Ach ja? Und weshalb waren Sie überrascht? Ist es für Sie tatsächlich so erstaunlich, dass gewisse Menschen selber denken?

  4. Ich möchte mich noch einmal herzlich bei der „GfbV“ bedanken, da sie mit ihren versuchten Sabotageaktionen nur noch mehr Aufmerksamkeit auf die verschwiegene Wahrheit von Srebrenica gelenkt hat. Ich bitte um weitere gratis-Publicity.

  5. „Bilder von (angeblich) brutal getöteten Serben“

    Ohne Worte. Ansonsten kann jeder die Veranstaltung anhand eines frei verkäuflichen Mitschnitts nachvollziehen und sich sein Urteil bilden.

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