James Orbinski: „Ein unvollkommenes Angebot“? Eine Buchbesprechung


In diesem Blog stellte ich Bücher wie Linda Polmans „Die Mitleidsindustrie“ vor, die sich sehr kritisch mit dem bisherigen Konzept der humanitären Hilfe auseinandersetzt. Nun erschien aus Sicht eines Praktikers ein sehr lesenswertes Buch, das die Nagelprobe für jene Kritik darstellt: „Ein unvollkommenes Angebot“ von James Orbinski. Als Arzt hat er viele Einsätze erlebt, sei es Ruanda, Afghanistan oder Somalia. Er war abschließend Präsident von „Ärzten ohne Grenzen“ – seine Erfahrungen sind sehr persönlich, ausgewogen und durchaus selbstkritisch.

Besonders am Genozid in Ruanda gelingt es Orbinski zu zeigen, was eigentlich schief läuft in der humanitären Hilfe –
die französischen Waffenlieferungen, das zynische Wegschauen der UN und der großen Industrienationen, die die entsetzlichen Verhältnisse in den betroffenen Ländern oft genau kannten und dennoch schwiegen, weil sie wirtschaftliche und strategische Interessen wahren wollten.

Orbinski bestätigt sogar viele der von Polman kritisierten Verhaltensweisen, fühlt sich aber den Menschen vor Ort verpflichtet, die er ihrem Schicksal eben nicht sich selbst überlassen will. Deswegen war er bereit, unerträgliche Kompromisse eingehen musste. Meist kassierten die kriegführenden Parteien, Söldner und Warlords einen Großteil der Nahrungsmittel und Medikamente. Bisweilen blieb nur ein kleiner Rest für die Opfer übrig. Andere Menschen würden an diesem Dilemma zugrunde gehen. Orbinski dagegen gab nicht auf. Er sieht nur die, die man hat retten können und die ohne den Einsatz umgekommen wären. Ein notwendiges Buch, aber eine Lektüre, die schwer zu ertragen ist. Die noch zu klärende Frage ist: macht es Sinn, die vielbeschworene Neutralität jedoch zugunsten einer Orientierung an demokratischen Strukturen und Gewaltfreiheit aufgegeben werden sollte. Letztlich war dies die Grundsatzfrage, die sich schon Henry Dunant bei Gründung des Roten Kreuzes stellen musste. Oder wie Orbinski es selbst am Beispiel einer Beinamputation erzählt, die er während des Genozids in Ruanda unter äußerst prekären Bedingungen an einem vierzehnjährigen Jungen durchführen musste. Das Bein musste abgenommen werden, doch der Junge überlebte – „ein unvollkommenes Angebot“ des humanitären Helfers. Die Würdigung dafür mag sich etwas zynisch anhören: den Friedensnobelpreis, den Ärzte ohne Grenzen dafür bekam.

„Ein unvollkommenes Angebot“ beschreibt persönliche Eindrücke, reflektiert aber auch grundsätzlich über Sinn und Unsinn humanitärer Hilfe sowie den Zynismus der Regierungen der Industriestaaten gegenüber dem Leid in von Hunger, Krieg, Flucht und Gewalt heimgesuchten Regionen. Das durchaus lesenswerte Buch erschien in den Fischer Verlagen und kostet 19,95 Euro.

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