Rupert Neudeck: Die Kraft Afrikas (Buchbesprechung)

Hat Afrika die Chance, sich zu entwickeln? Was heißt überhaupt „sich entwickeln“? In diesem Blog gingen die Meinungen dazu auseinander – lesenswert auf jeden Fall der persönliche Bericht von Volker Seitz: „Afrika wird arm regiert“. In diesem Zusammenhang erscheint Rupert Neudecks „Die Kraft Afrikas“ als lesenswerter Beitrag. Ja, Afrika kann einen eigenen Weg gehen, das bei uns häufig vermittelte Mitleidsbild scheint eben nicht zuzutreffen. Aber woher nimmt Neudeck seinen Optimismus? Aus Ruanda. Ausgerechnet Ruanda? Ja.

Jetzt werden natürlich viele denken, ob Neudeck noch alle Tassen im Schrank hat? Da war doch der Genozid, bei dem in knapp hundert Tagen etwa eine Million Menschen hingeschlachtet wurden. James Orbinski beschrieb dies in seinem Band „Ein unvollkommenes Angebot“. Doch während unser Allgemeinwissen dort stehenblieb, hat sich das Land weiterbewegt. Es gab Versöhnungs-Kommissionen und einen internationalen Strafgerichtshof. Und während in Deutschland die staatlichen Subventionen für regenerative Enegien gekürzt werden, setzt die ruandische Regierung auf Wind- und Solaranlagen. Dazu werden immer mehr junge Ruander mit staatlicher Unterstützung zu Bautechnikern, Elektroinstallateuren und Solartechnikern ausgebildet. Auch so wird der Aufbau einer guten Infrastruktur ermöglicht. Und ja, nach Neudeck nähmen inzwischen viele ruandische Frauen gleichberechtigt am wirtschaftlichen Alltagsleben teil und Korruption würde wirksam bekämpft. So was ist wohl mit dem alten Sprichwort „Wie der Phönix aus der Asche“ gemeint, oder?

Neudecks Optimismus beruht auf den Potentialen Afrikas. Er sieht die Kreativität, den Humor und den ausgesprochenen Humor vieler „Afrikaner“ als größte Chance des Kontinents. Aber warum fällt dann – um im Seitz’schen Duktus von „Afrika wird arm regiert“ zu bleiben – ein Großteil Afrikas weiterhin zurück? Es sind die üblichen Verdächtigen: faule, korrupte afrikanische Eliten (Wa Benzis genannt, nach den Autos, die sie fahren); ein ungerechtes Welthandelssystem; verfehlte Entwicklungshilfe, die vor allem der von Linda Polman beschriebenen „Mitleidsindustrie“ hilft und die aus Kolonialzeit stammenden Grenzen, die künstlich gewachsene ethnische Grenzen durchschneiden und so ganze Kulturräume zerschneiden und zerhäkseln. Was dazu führt, dass das größte afrikanische Exportgut seine Menschen sind, die aus fehlenden wirtschaftlichen Persepktiven heraus nach Europa fliehen (in diesem Blog im Buch „Der Schrei des Löwen“ beschrieben).

In seinem durchaus bemerkenswerten Band beschreibt Neudeck einen interessanten Ansatz: vieles ist eine Frage der Mentalität, eine Frage der Bereitschaft, aus dem bisherigen Teufelskreis aus Korruption, Kleptokratie und Krieg ausbrechen zu wollen. Es setzt die Bereitschaft, Afrika auch aus dem bisherigen System der paternalistischen Entwicklungshilfe in die wahre Unabhängigkeit zu entlassen und dabei eigene westliche Interessen hinantzustellen. Denn diese seien immer nur kurzfristig zum eigenen Nachteil gedacht, den sie perpetuierten nur weitere Probleme.

Entwickeln, stimmt Neudeck dem tansanischen Präsidenten Julius Nyerere zu, können sich nur Menschen. Das aber setze nicht korrupte Regierungen voraus. Also empfiehlt Neudeck, sehr genau hinzuschauen, welchen Ländern man hilft. In diesem Zusammenang empfieht sich Ousmane Sys Plädoyer für einen Wandel von unten. Dies sei das Paradebeispiel für aus sich selbst heraus gelingender nachhaltiger Entwicklung. Rupert Neudecks „Kraft Afrikas“ ist im C.H. Beck-Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro. Eine lohnenswerte Lektüre.

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2 Gedanken zu “Rupert Neudeck: Die Kraft Afrikas (Buchbesprechung)

  1. Ich freue mich, dass Herr Fulda sich in seinen Buchbesprechungen mit Afrika beschäftigt. Ich möchte ihn auch für das Buch der Afrikakorrespondentin für Reuters, BBC und Financial Times, Michaela Wrong: „It’s our turn to eat“ dt.“Jetzt sind wir dran“
    interessieren. Es ist die Geschichte von John Githongo, Staatssekretär für Antikorruption in Kenia. Die Feststellungen z.B., dass „Fast jeder Trick, mit dessen Hilfe sich ein vom Ausland finanziertes Hilfsprojekt ausnutzen lässt“ oder dass „die Leistung eines Mitarbeiters (von Hilfsorganisationen) daran gemessen wird, wieviel Geld er in Umlauf zu bringen in der Lage ist“ lässt sich nach meinen Erfahrungen auch für andere Länder sagen. Ein hervorragendes Buch.
    Volker Seitz

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