Mythos Mekong: Rüdiger Sieberts letzte Odysee

In diesem Blog berichtete ich bereits von Sieberts Malaysia-Buch, in dem er von den vielfältigen ökologischen, politschen und sozialen Verwerfungen Malaysias berichtete. Nun war Siebert mehr als nur ein Malaysia-Experte – er lebte und liebte die Vielfalt Südostasiens. Er wollte zum Abschluss seiner journalistischen und publizistischen Karriere sein letztes Buch dem Mekong widmen – doch sein überraschender Tod auf seiner Recherche-Reise 2008/2009 erschütterte vi Familie, Freunde, Kollegen und Südostasien-Experten. So bleibt seine letzte Geschichte ein Fragment. Die des Mekong, der Südostasien durchschneidet und einen großen Bogen von Tibet über Laos, Kambodscha und Vietnam spannt. Beiden Grenzgängern und Pionieren kultureller Verständigung – Mekong und Rüdiger Siebert – ist folgender Beitrag gewidmet.

Wieso eigentlich strahlt der Mekong auf viele Menschen eine solche Faszination aus? Das Exotische, das Fremde? Ich für meine Teile bin vom Nil sehr fasziniert, weil ich Ende der 80er für einige Zeit in Ägypten lebte und diesen Fluß als pulsierende Lebensader einer ganzen Kultur erfahren konnte. Ähnliches dürften Fans des Amazonas bestätigen, wie zum Beispiel der leider verstorbene Filmemacher Gernot Schley berichtete (dessen Bücher ich in diesem Blog letztes Jahr vorstellte).

Nun hat Rüdiger Siebert als langjähriger Indonesien-Korrespondent der Deutschen Welle über Jahrzehnte eine große Vielfalt von Büchern über Süd- und Südostasien geschrieben. In diesen Bänden spürt man seine innere Verbundenheit mit Land und Leuten. Mit „Mythos Mekong“ wollte Siebert sein letztes Buch schreiben. Dabei ging es ihm darum, diesen Fluß als grenzübergreifendes Kultur- und Ökosystem vorzustellen. Wer sich über die Geographie, Flora und Fauna dieses Flusses interessiert, sei auf diesen Lexikon-Wiki verwiesen. Dieser kann als Ergänzung verstanden werden zu Sieberts Buch.

Dessen finales Werk sollte die Geschichte, die „Entdeckung“ durch die europäischen Kolonial-„Herren“, die Anwohner und die Bedrohung ihres Lebensraums beschreiben. Die ersten 13 Kapitel (vor allem der historische Teil) des Bandes waren bereits fertig, als Rüdiger Siebert plötzlich und bis heute unerklärlich am 6.Januar 2009 im kleinen Grenzörtchen Stung Treng starb. Er wurde nach buddhistischen Ritus bestattet und seine Asche dem Mekong übergeben. So fand ein Lebensweg ein tragisches Ende, der am Mekong als Forschungs- und Recherche-Reise begang. Sieberts großer Verdienst ist es, eingängig und leicht lesbar die Geschichte des Mekong übersichtlich darzustellen und zur weiteren Lektüre wissenschaftlicher und historischer Literatur zu ermutigen.

In den letzten, leider nur noch fragmentarich vorliegenden Kapiteln gibt Siebert einen sehr persönlichen Eindruck des heutigen Mekong und seiner Anrainer. Er schildert den zunehmenden Einfluß Chinas, dessen Hunger nach Ressourcen und Energie, dessen Staudamm-Politik den Mekong in seiner ökologischen Vielfalt nachhaltig zerstört und seine Anwohner vertreibt. Siebert erzählt von deren vergeblichen Protesten, aber auch von der Widersprüchlichkeit der asiatischen Moderne – wo sich gerade in der städtischen Bevölkerung „buddhistische Enthaltsamkeit“ und launige Pary- und Konsum-Neigung nicht zu widersprechen scheinen.

Mit großer persönlicher Neugierde las ich seine kritische Auseinandersetzung mit den Rucksacktouristen: diese seien nur an billigem Abenteuer-Urlaub interessiert, oberflächlich auf der Suche nach dem vergangenen Koloenialerbe oder Angkor Wat, dabei die lokale Kultur rücksichtslos zerstörend. Eine Beobachtung, die ich als Rucksacktourist (der ich auch bin, Schande über mein Haupt!:-) aus Bali sofort bestätigen kann.

Letztlich habe ich diesen Band mit großer Freude, aber auch mit Wehmut gelesen. Denn Rüdiger Siebert ist tot. Den zum Schluß angefügten Reisebuch-Notizen spürt man seine große Melancholie an. Und dass da ein Lebensweg zu Ende ging, der von großer Neugierde, einem kritischen Auge und einer ausgesprochen inneren Verbundenheit mit den einfachen Menschen vor Ort geprägt war.

Der Band erschien im Horlemann-Verlag und ist all jenen wärmstens empfohlen, die sich selbst den Mekong erschließen wollen. Aber auch für jene couch-potatoes, die sich lieber in fremde Länder lesen wollen, ist dieser sehr authentische und bemerkenswerte Band zu empfehlen. Mein persönlicher Dank gilt Rüdiger Sieberts Frau, die nach seinem sehr plötzlichen Tod die Kraft fand, diesen Band mit Unterstützung des Horlemann-Verlags zu veröffentlichen, wenn auch zum Abschluß in fragmentarischer Form.

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