Gegner von Belo Monte und Waldabholzung in Lebensgefahr

Ermordeter Aktivist José Cláudio Ribeiro da Silva

In Brasilien häufen sich im Zusammenhang mit dem geplanten Megastaudamm Belo Monte, für dessen Bau die Umweltbehörde IBAMA am 1. Juni grünes Licht gegeben hat, seither die Drohungen gegenüber Gegnern des Großprojekts. Nach Angaben des brasilianischen Indianermissionsrats CIMI berichten indigene Gemeinschaften, am Ufer des Flusses Xingu lebende Bauern und Landarbeiter sowie Mitglieder sozialer Bewegungen von Morddrohungen gegen führende Persönlichkeiten des Protests. Besonders betroffen sind die Anführer indigener Gemeinden, deren Lebensraum durch den Bau des Kraftwerkes bedroht ist. Einige von ihnen können ihr Dorf aufgrund der Einschüchterungen nicht mehr verlassen. Aktionen, Interviews oder sonstige öffentliche Äußerungen gegen Belo Monte rufen neue Drohungen hervor. Die indigenen Anführer befürchten, dass sich der Konflikt durch die Demarkation indigener Gebiete weiter zuspitzen wird. Die Abgrenzung der Gebiete war eine Bedingung der Indianerbehörde FUNAI für den Bau des Staudamms gewesen, ist aber wie zahlreiche weitere der insgesamt 40 von der IBAMA aufgenommenen Bedingungen noch nicht erfüllt. Die Debatte darüber hatte jedoch die Konflikte zwischen indigenen Gemeinschaften und Siedlern, die in diesen Gebieten leben, zusätzlich angeheizt.

Eine herausragende Figur der Bewegung gegen Belo Monte ist der aus Österreich stammende Bischof Erwin Kräutler. Der Leiter des Amazonas-Bistums Altamira war 2010 für seinen unermüdlichen Einsatz für die Menschenrechte, besonders der dort lebenden indigenen Bevölkerung, mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden. Sein Engagement hatte ihm schon in der Vergangenheit mächtige Feinde beschert. 1987 überlebte er nur knapp ein Attentat. Seit 2006 steht er unter ständigem Polizeischutz, da mittlerweile 400.000 Euro Kopfgeld auf ihn ausgesetzt sein sollen. Durch seinen vehementen öffentlichen Protest gegen den Staudamm hat er den Ärger von einflussreichen Politikern, Energiefirmen, Holzhändlern und Geschäftsleuten auf sich gezogen. Sein Bischofssitz Altamira mit 105.000 Einwohnern würde zu fast einem Drittel überflutet werden. Auch gegen die Beteiligung europäischer Firmen an der Lieferung der Turbinen für das Kraftwerk, vor allem der österreichischen Andritz AG, hatte er öffentlichkeitswirksam Position bezogen.

Doch nicht nur das Leben von Belo Monte-Gegnern ist in Brasilien bedroht. In den letzten Wochen kam es zu einer Welle der Gewalt gegen Umweltaktivisten, die generell illegale Abholzungen im Amazonasgebiet angeprangert hatten. Am 24. Mai wurde in Nova Ipixuna im Südosten des Bundesstaats Pará das Ehepaar José Cláudio Ribeiro da Silva und Maria do Espírito Santo da Silva von angeheuerten Pistoleiros erschossen. Im Zuge ihres Protests gegen die Abholzung im Amazonasgebiet hatten die beiden Aktivisten auch Strafanzeigen erstattet. Seit 2008 erhielten sie Morddrohungen und ersuchten vergeblich um staatlichen Schutz. Der Auftragsmord geht vermutlich auf das Konto der Tropenholzmafia.

Gleich am Tag nach dem Mord verabschiedete die Abgeordnetenkammer des brasilianischen Kongresses ein neues Waldgesetz, den Codigo Florestal. Es macht zuvor geschützte Flächen von mehreren tausend Quadratkilometern für die Land- und Viehwirtschaft zugänglich. Zudem erteilt es eine Amnestie für bis 2008 getätigte illegale Abholzung. Seither hat sich die Lage im Amazonasgebiet durch eine Mordserie an weiteren kritischen Umweltschützern verschärft: Am 27. Mai wurde im Bundesstaat Rondônia der 57-jährige Adelino Ramos überfallen und erschossen. Am 2. Juni starb ein weiterer Aktivist in Pará durch Schüsse aus unmittelbarer Nähe. Am 9. Juni wurde ebenfalls in Pará der Landarbeiter Obede Loyla Souza ermordet, der sich einige Monate zuvor mit der Holzmafia angelegt hatte. Morde an und Drohungen gegenüber Menschen, die sich gegen Großprojekte wie Belo Monte und die Zerstörung ihres Lebensraums durch Abholzung einsetzen, sollen deren Protest durch Einschüchterung brechen. Die Gesellschaft für bedrohte Völker unterstützt die Betroffenen, vor allem die indigenen Gemeinschaften, dabei, ihr Territorium und ihre Rechte zu verteidigen.

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