Drohende soziale Unruhen in Altamira durch Staudammbau

In Altamira hat die brasilianische Polizei am 21. und 22. Juni gewaltsam Siedlungen geräumt, die von mehreren Familien errichtet wurden, deren Wohnraum durch das Staudammprojekt Belo Monte überflutet werden soll. Nachdem die Umweltbehörde IBAMA am 1. Juni grünes Licht für den Bau des Staudamms gab, hatten sich 178 Familien aus den ärmsten Vierteln von Altamira am Stadtrand Richtung Vitória do Xingu auf einem ungenutztem Gebiet illegal niedergelassen. Veranlasst zu diesem Schritt hatte sie neben der Angst vor Überflutung ihrer bisherigen Wohnungen auch die explodierenden Mietpreise in Altamira, die durch den Zuzug von Tausenden von Arbeitern für den Bau des Staudamms in die Höhe getrieben werden.

Mitte Juni war es dann zu weiteren Ansiedlungen auf einem Gebiet im Bairro São Domingos gekommen, das nach Polizeiangaben dem an Belo Monte beteiligten Konzern Eletronorte gehört. Zunächst hatte die Polizei am 21. Juni etwa 120 Familien, deren bisheriger Wohnraum von Überflutung bedroht ist, unter Anwendung von Pfefferspray vertrieben und drei Personen verhaftet. Darunter befand sich ein Journalist der lokalen Protestbewegung Movimento Xingu Vivo para Sempre, dem gewaltsame Landbesetzung zur Last gelegt wird. Am Tag darauf waren weitere 350 Personen von der Räumung des Gebiets durch Zivil- und Militärpolizei betroffen. Die Polizei setzte dabei Gummigeschosse und Tränengas ein, 40 Personen wurden festgenommen, davon drei Minderjährige. Die Behausungen und Zelte wurden zerstört.

Laut Antonia Melo, Koordinatorin des Protestbündnisses Xingu Vivo, haben Besetzungen und die Zahl obdachloser Menschen in Altamira seit der Vergabe der Lizenzen für Belo Monte stark zugenommen. Die steigenden Immobilienpreise und die Ungewissheit über die Entschädigungen für die ärmsten Bevölkerungsteile zwingen die Menschen dazu, die Stadt zu verlassen. Sogar die Mieten für die einfachen Pfahlhütten haben sich von 80 Reais auf bis zu 200 Reais verteuert (ca. 87 Euro). Die Bewohner von Altamira beklagen, dass durch den Bau von Belo Monte Menschen in die Stadt strömen, die höhere Mieten bezahlen können und so ehemalige Mieter verdrängen. Da die Mieten innerhalb kurzer Zeit auf teils bis zu 500 Reais anstiegen (zum Vergleich: der Mindestlohn beträgt in Brasilien 540 Reais), konnten sich viele Bewohner diese Summe nicht mehr leisten. Zahlreiche obdachlos gewordene Familien sahen sich so zu Landbesetzungen gezwungen.

Die Firmen, die sich aufgrund des Staudamms neu ansiedeln, bringen zwar Arbeitsplätze mit sich. Diese kommen jedoch meist nicht den Personen vor Ort zugute, sondern besser ausgebildeten Arbeitern von außerhalb. In der Bevölkerung macht sich so immer stärkerer Unmut breit. Eine Bewohnerin von Invasão dos Padres, das ebenfalls geflutet werden wird, beklagt das Desinteresse des Staates und der am Bau von Belo Monte beteiligten Konzerne gegenüber dem Verbleib der lokalen Bevölkerung. „Wenn das besetzte Gebiet Eltronorte gehört, warum kommt das Unternehmen dann nicht und sagt uns, wo wir bleiben sollen? Der Konzern setzt unser Dorf unter Wasser. Wenn sie den Mut haben, die Menschen zu vertreiben, warum haben sie dann nicht die Courage, uns entgegenzutreten und uns zu sagen, wohin wir gehen sollen?“

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