Taher Ben Jelloun: Arabischer Frühling (Buchbesprechung)

Eingangs räsoniert der renommierte und mehrfach preisgekrönte Autor Taher ben Jelloun über die Vorwüfe „westlicher“ Intellektueller gegenüber ihren arabischen Kollegen, dass sie sich nicht äußerten zu – vom Westen unterstützten – arabischen Regimen . Dass sich arabische respektive muslimische Intellektuelle durchaus zu Wort melden und dafür häufig genug Verfolgung, Exil, Folter und gar den Tod fürchten, wird dabei zu gerne vergessen. Ben Jelloun zeigt dafür gleich Anfangs einige Beispiele. Für mich wichtig an dieser Stelle der in diesem Blog vorgestellte Beitrag „Woher kommt der Hass?“ vom gleichen Autoren oder die tunesische Bloggerin „A Tunisian Girl“.

In dem nun vorliegenden Bändchen schreibt der in Frankreich lebende marokkanische Schriftsteller schreibt 10 Kapitel über die Demokratiebewegung in den arabischen Ländern. Am besten dort, wo er einfühlsam Geschichten erzählt, tragische Geschichten von mutigen jungen Menschen, die gegen die aus diktatorischer Unterdrückung um sich greifende Verzweiflung angehen. Stolz weist der arabische Intellektuelle darauf hin, daß diese Bewegung einem autonomen arabischen Freiheitswillen entstammt. Kein Import westlicher Demokratieförderung – vielmehr mühsam errungen gegen die vom Westen gestützten Diktaturen.

Das schwächste Kapitel füllt wenige Seiten über Ben Jellouns Heimatland Marokko. Hier wird die Sprache hölzern, die Berichterstattung unpersönlich und das Lob des Königs gesungen (glücklicherweise ohne Begeisterung). Hier mußte er wohl irgendwelche Rücksichten nehmen. Wir hatten ja Anfang 2010 in diesem Blog bereits eine Diskussion, die sehr tiefe Einblicke in die Menschenrechtslage und die dortigen Diskussionen gibt.

Daß der Maghrebiner sich im klassischen Nahostkonflikt historisch nicht so gut auskennt, kann man verstehen. Aber solche Fehler wie die Behauptung (S.32), die arabische Niederlage 1967 werde in Palästina als „die Nakba“ , die große Tragödie, betrauert, dürften einem Zeitzeugen wie diesem nicht unterlaufen. Die Nakba hatte schon zwanzig Jahr früher stattgefunden – nämlich die Vertreibung der Palästinenser aus dem neu entstehenden Israel LINK. An gleicher Stelle auch der Irrtum, 1967 hätten die arabischen Länder Israel den Krieg erklärt: Israel selbst hat die eigene Angriffshandlung stets als Präventivschlag bezeichnet LINK. Zugegeben, Ben Jelloun ist nicht Historiker, sondern Schriftsteller, ein ganz exzellenter sogar. Aber auch der könnte sich in wichtigen Fragen, über die er schreibt, besser informiert halten.

Im ARD-Kulturprogamm „Titel Thesen Temperamente“ heißt es: „Wenn ich die Bilder aus Libyen oder Syrien sehe, dann bin ich tief erschüttert, aber nicht erstaunt“, sagt Tahar Ben Jelloun, marokkanischer Autor. „Wir haben es hier mit brutalen Militärdiktaturen zu tun, mit Herrschern, die keine anderen Methoden kennen als die der Gewalt und der Unterdrückung. Der ‚arabische Frühling‘ wird es in diesen Ländern sehr schwer haben.“ Ja, selbst die arabische Revolution wird – um in der literarisch-historischen Vorlage zu bleiben – irgendwann „ihre eigenen Kinder essen“ (Pierre Vergniaud).

Dennoch: Das Büchlein enthält sehr berührende, Empathie schaffende Erzählungen, die den Leser fühlen lassen, ja, so muß es gewesen sein. Aber eben leider nicht ganz durchgängig von gleichbleibender Qualität. Letztlich gibt er aus arabischer Sicht einen sehr interessante, persönliche und somit authentische Einsicht in den „arabischen Frühling“ – allerdings nur in sehr persönlicher, sehr literarischer Form. Der Band erschien im Berlin Verlag und kostet 10 Euro – ein sehr lesenswerter Beitrag, der durch seine authentische, ehrliche und einfühlsame Art und Weise besticht. Dem Band wäre zwar ein guter Lektor zu wünschen gewesen, der besagte Ungenauigkeiten ausgebügelt hätte. Aber trotzdem sehr lesenswert.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s