Ai Wei Weis „Verbotener Blog“ als Buch


Vor knapp zwei Jahren stellte ich in diesem Blog bereits einen Debatten-Beitrag der Heinrich-Böll-Stiftung zu China vor. Nun kommt der nächste chinesische Beitrag zu den Geschehnissen im „Reich der Mitte“ – vom bekannten Aktionskünstler und Blogger Ai Wei Wei. Dieser begang 2006 mit seinem Blog – er schilderte nicht nur über seinen künstlerischen Alltag, sondern auch über politische Skandale. So schuf er im Laufe der Jahre ein breites Panorama über das heutige China. Allerdings war er dem Regime so unbequem, dass es den Blog 2009 schloss und den Aktionskünstler dieses Jahr für einige Wochen an einem unbekannten Ort festsetzte. Nun ist dieser „Verbotene Blog“ als Buch erschienen – absolut lesenswert, weil wir hier tiefe Einblicke in die Funktionslogik des modernen Chinas mit all seinen Widersprüchen bekommen.

Wer kennt ihn nicht? Ai Wei Wei ist der wohl bekannteste chinesische Künstler. Seine Großinstallationen, so bei der Documenta in Kassel, sind künstlerisch bemerkenswert. Sein politisches Engagement ist außergewöhnlich, sein Mut ebenfalls. Sein in Cina längst verbotener Blog liegt nun als Buch vor. Es ist ein Dokument des Widerstands. Dieser ist heutzutage umso wichtiger. Denn bisher schützte ihn seine Prominenz vor staatlicher Repression. Bis zum 4.April. Da wurde er verhaftet und „verschwand“. Er ist zwar wieder unter den Lebenden. Aber das drakonische Vorgehen des chinesischen Regimes hat trotzdem seine Wirkung getan, viele chinesische Dissidenten sind dadurch mundtot gemacht worden. Ein Künstler wie Ai Weiwei, für den politische Stellungnahmen und gesellschaftliche Aktivität zu seiner künstlerischen Tätigkeit gehören, ist damit vorerst von einem wichtigen Teil seines Werks abgeschnitten.

Zum Glück bietet dieser Blog nun die Möglichkeit, Ai Wei Weis „Verbotenen Blog“ vorstellen zu können. Dieser nutzte die Wirkungsmacht des Internets, jenseits staatlicher Kontrolle über das zu berichten, was in China heute Realität ist: mit seinem Blog spannt Ai Wei Wei den Bogen zwischen staatlicher Propaganda und gesellschaftlicher Realität – einerseits die großartig gefeierten und propagierten olympischen „Spiele“, andererseits Umweltverschmutzung, Unterdrückung, Verfolgung, Zensur und Folter. Doch nicht nur Menschenrechtsverletzungen spielen eine Rolle. Ai Wei Wei schildert auch aus dem einfachen Alltag. Oder eben auch seine Ideen von Kunst. Damit gibt er Zeugniss aus einem Land, das im Umbruch ist, in dem die ganze Welt gut Geld verdient – aber in dem ebenfalls bittere Armut und grobe Willkür an der Tagesordnung sind.

Mir erschien der „Verbotene Blog“ wie ein eigenes Kunstwerk, zeigt der Autor doch eine ganz große Bandbreite sprachlicher wie inhaltlicher Freiheiten. Er nutzt jeden einzelnden Eintrag als Skizze, das Netz als öffentliches Notizbuch. Damit leistet Ai Wei Wei Aufklärungsarbeit – einerseits innerhalb Chinas, wo er über einzelnde Mißstände und architektonischen Bausünden berichtet; andererseits auch im Westen: hier erfährt man wirklich, wie China „diskutiert“ (und drangsaliert). Daher bietet Ais Blog einen sehr guten Einstieg für jene, die sich näher mit China beschäftigen wollen. Was ich als Blogger dabei bemerkenswert finde: Ai Wei Wei sieht im Internet das ultimative Werkzeug für Freiheit. Zwar können Regime Blogs verbieten, aber nicht verhindern, dass die „firewalls“ überwunden werden – so sei ein Blog wie ein modernes Flugblatt, dass wie Grafitti an beliebig viele Wände gesprüht wird und sich nicht wieder abwaschen lässt. Denn Chinas Zensoren können nicht alles kontrollieren. Dies schafft Freiräume, die Ai Wei Wei weidlich nutzte.

Was man bei der Lektüre des „Verbotenen Blogs“ allerdings anfangs berücksichtigen muss, ist die Fähigkeit, sich viele Anspielungen und die Kommentare zu tagesaktuellen Geschehnissen selbst zu erarbeiten, sich in diverse Redewendungen reinzulesen und sich den Inhalt zu erarbeiten.
Doch trotz dieser kleineren Einschränkungen kann ich diesen Band nur empfehlen: Chinas Regime hat Ai Wei Wei erstmal zum Schweigen gebracht. Durch seine Bücher spricht er aber weiter. Das macht seinen Band lesens- und seine Arbeit unterstützenswert.

Wer sich übrigens für seine Thesen zur chinesischen Zivilgesellschaft interessiert, sei auf folgendes Interview verwiesen, dass sehr hör- und sehenswert ist. Der Band erschien im Galiani-Verlag Berlin und kostet 19,90 Euro – für jene, die sich brennend für die aktuelle Lage von Chinas Menschenrechten interessiert, ist dieser Band absolut empfehlenswert.

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