„Leichen im Keller“ – wie Deutschland international gesuchte Kriegsverbrecher schützt (Buchbesprechung)

Die GfbV begrüßte im November 2009 die Festnahme der beiden gefürchteten FDLR-Milizen-Führer Ignace Murwanashyaka und Straton Musoni in Mannheim und Nürtingen. Das sei „Deutschlands bislang wichtigsten Beitrag zum Ende von Massenmord und Vertreibung im Kongo“. Doch beide konnten vorher lange Jahre ungestraft von Deutschland aus operieren – und die deutschen Sicherheitsbehörden schauten weg. Daher rührt der Titel dieses sehr gut recherchierten Bandes: „Deutschlands Leichen im Keller“. An den Beispielen Ruanda, Kongo, Somalia, Äthiopien und Uskekistan zeichnet der bekannte Fernseh-Reporter Markus Frenzel Deutschlands Beitrag zu Völkermord und Menschenrechtsverletzungen.

Der Titel dieses Bandes ist wörtlich zu nehmen: Deutschland hat Leichen im Keller. Und wie. Dies zeigt er nicht nur am Beispiel Ignace Murwanashyaka, der von seinem deutschen Wohnzimmer aus unbehelligt Massaker im Kongo organisieren und anordnen kann. Auch die massiven Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan werden angeprangert – wo Deutschland ein für seinen Afghanistan-Einsatz wichtigen Stützpunkt unterhält und daher bereitwillig über massive Menschenrechtsverletzungen hinwegsieht. Oder wie die Bundeswehr ohne Vorprüfung afrikanische Offiziere ausbildet und ihnen zeigt, wie effektiv sie Krieg führen können – und dann wegsieht, wenn dieser Krieg gegen die eigene Bevölkerung geführt wird. Vor diesem Hintergrund sind die Panzerlieferungen nach Angola und Saudi-Arabien zu sehen. Denn die saudischen oder angolanischen Offiziere, die diese Panzer befehligen, wurden mit großer Wahrscheinlichkeit in Deutschland ausgebildet.

Die Auseinandersetzung mit demFall Murwanashyaka ist das absolute Higlight des Bandes. Dieser Teil lebt von exzellenter Recherche und der unmittelbaren Konfrontation der Beteiligten. Hier zeigt der Autor, wie investigativer Qualitätsjournalismus zu sein hat. Denn erst dieser Bericht, diese Auseinandersetzung führte dazu, dass deutsche Sicherheitsbehörden tätig wurden – und das, obwohl schon lange Zeit vorher ein Haftbefehl von Interpol gegen Murwanashyaka vorlag. Was weltweit einzigartig sein dürfte und hoffentlich eine breite Öffentlichkeit aufrüttelt: während Murwanashyaka über sechstausend Kilometer aus Deutschland heraus einen Vernichtungskrieg führt, gucken deutsche Behörden weg.

Das eigentlich perverse daran ist: dies ist kein Einzelfall. So beschreibt Frenzel an weiteren Beispielen, wie das deutsche Verteidigungsministerium seit vielen Jahren Militärkooperationen mit Ländern unterhält, in denen brutale Diktatoren herrschen, wie etwa in Guinea: Dessen späterer Präsident sowie der Chef der Nationalen Polizei wurden jahrelang an einer Eliteschule der Bundeswehr ausgebildet. Letztlich kann man sich nur wundern, wie offensichtlich „deutsche Realpolitik“ seine Augen vor Menschenrechtsverletzungen, Massakern und Völkermord verschließt. Am Beispiel Usbekistan zeigt er auch, wie trotz des Massakers von Andischan Deutschland dem Karimowschen Regime jährlich Millionen-Beträge überweist und treudoof loyal bleibt. Diese Praxis spricht den Bemühungen Hohn, im Nachbarland Afghanistan Demokratie und Rechtstaatlichkeit aufzubauen. So wird die deutsche Sicherheit am Hindukusch verteidigt…

Was an dem Band definitiv auffällt, ist der der fast schon literarisch zu nennende Stil des Autoren. Diesen dürfte er sich von vergleichbaren Büchern aus dem angelsächsischen Raum abgeguckt haben. Zwar sind die historischen Einführungen in die jeweiligen Konflikte sehr interessant. Doch die von Frenzel genutzten „atmosphärischen“ Schilderungen divererser Begebenheiten sind Geschmackssache – die einen Leser werden es anschaulich finden, die anderen reißerisch. Was aber offensichtlich immer wieder offensichtlich wird: der Autor nimmt Anteil am Schicksal der Menschen. Er gibt all den Opfern eine Stimme und zeigt so, wie wichtig guter Journalsimus ist. Seine detaillierten Berichte stellen alle Bundesregierungen an den Pranger. So gelingt Frenzel ein aufrüttelndes Buch. Ich wünsche ihm viele Leser – die daraufhin kritisch bei „ihren“ Abgeordneten, „ihrer“ Regierung nachfragen, warum Menschenrechte in Deutschlands Politik mit Füssen getreten werden.

Der spannend zu lesende Band erschien bei DTV und kostet 14,90 Euro. Absolut empfehlenswert! Dem Band sind viele Leser zu wünschen – die ihrerseits gegen diesen Behörden-Wahnsinn ihre Stimme erheben. Hier geht es übrigens zu einem Beitrag mit und über den Autoren, der das ganze abrundet.

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