Isoliert lebende Indigene an der Grenze Brasilien-Peru bedroht

Am Montag, 8. August 2011, meldete die brasilianische Menschenrechtsorganisation CIMI, dass am Wochenende zuvor ein Wachtposten der brasilianischen Indianerbehörde FUNAI, die für den Schutz in freiwilliger Isolation lebender Indianer im Bundesstaat Acre im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Peru verantwortlich ist, von aus Peru kommenden bewaffneten Männern, vermutlich Drogenschmugglern, überfallen worden sei.

Artur Meirelles, der Leiter des Wachtpostens, und zwei Mitarbeiter fanden eine Matratze, Säcke mit Zucker und einen Rucksack mit aus ihrem Posten gestohlener Munition und einem Stück eines zerbrochenen Pfeils von isoliert lebenden Indigenen. Artur ist der Sohn von José Carlos Meirelles, der sich seit vielen Jahren intensiv für den Schutz freiwillig isoliert lebender Indigener einsetzt.

„Die Peruaner haben die isoliert lebenden Indianer verfolgt. Vermutet wurde das ja bereits, aber wir haben nun den endgültigen Beweis. Wir sind jetzt besorgter als je zuvor. Dies kann zu einem der größten Rückschläge werden, die wir in den letzten Jahrzehnten unserer Arbeiten für den Schutz der isolierten Indigenen erlebt haben. Eine Katastrophe unserer Gesellschaft, ein Genozid“, sagte Carlos Travassos, Leiter der FUNAI-Abteilung für isoliert lebende indigene Gruppen (CGIIRC).

Im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Peru leben besonders viele Indianer in freiwilliger Isolation. Früher wurden sie von Kautschukbaronen und Kautschukzapfern als Hindernis für deren Arbeit verfolgt und durch so genannte „correrias“ (Hetzjagden) dezimiert. Die Überlebenden flohen in die unzugänglichsten Gebiete des Waldes und meiden heute jeglichen Kontakt mit der restlichen Gesellschaft.

Hintergrund

Am 23. Juli überfiel eine bewaffnete Gruppe von etwa 40 Männern aus Peru den Wachtposten der FUNAI-Abteilung „Frente de Proteção Etnoambiental Envira“, am kleinen Fluss Xinane im Bundesstaat Acre. Der Posten ist für den Schutz der in freiwilliger Isolation lebender indigenen Gruppen verantwortlich, die nahe der Grenze zwischen Peru und Brasilien leben. Schon am 11. Juli hatten Ashaninka-Indianer aus dem Dorf Simpatia, das sich etwa drei Stunden mit dem Boot von dem Wachposten entfernt befindet, per Funk vor einer möglichen Invasion gewarnt.

Der Funai-Präsident informierte das Justizministerium und forderte Unterstützung von der Bundespolizei und der Armee an. Aber erst nach einer Woche wurde eine Operation des Comando de Operações Táticas (COT) und der CAOP (Coordenadoria de Aviação Operacional) mit der logistischen Unterstützung des Staates Acre und der Armee gestartet. „Da das betroffene Gebiet sehr abgelegen ist, kann die Bundespolizei nicht sofort handeln. Und sie braucht die Unterstützung von Armee-Hubschraubern. Aber es sollte auch die brasilianische Armee an der Operation teilnehmen, denn bei den Gegnern handelt es sich um Drogenhändler und ausländische paramilitärische Truppen“, erklärt Carlos Travassos.

Während der Operation konnte ein Team von 25 Bundespolizisten mit Hilfe der FUNAI-Mitarbeiter am 3. August den Portugiesen Joaquim Antônio Custódio Fadista verfolgen und verhaften. Der Drogendealer, der in Peru tätig ist, war im März dieses Jahres schon einmal in der selben Region von Artur Meirelles gefangen genommen und an die Polizeistation der Gemeinde Feijó übergeben worden. Er wurde nach Peru abgeschoben, kehrte aber im vergangenen Monat zum Wachposten Xinane zurück, wegen eines Rucksacks voller Drogen, den er in der Gegend vor einigen Monaten versteckt hatte.

Möglicherweise wird der Portugiese vom Sendero Luminoso unterstützt (der maoistischen Guerilla Leuchtender Pfad). Die bewaffneten Männer, die von den Mitarbeitern des FUNAI-Postens und von den Ashaninka gesichtet wurden, trugen Uniformen, die denen der terroristischen Vereinigung ähneln. Seit einigen Jahren arbeiten Restbestände des Sendero Luminoso im peruanischen Dschungel mit den Drogenhändlern zusammen.

Am Donnerstag, dem 4. August, zog die Bundespolizei ihre Leute aus der Region ab. Der Sertanista (Bezeichung für die FUNAI-Mitarbeiter, die für den Schutz von in Isolation oder vor kurzem kontaktierten Indigenen zuständig sind) José Carlos Meirelles, der die FUNAI-Arbeit für die in freiwilliger Isolation lebenden Indigenen 23 Jahren lang geleitet hatte, und das FUNAI-Team mit Carlos Travassos, Artur Meirelles und zwei Mateiros (Waldexperten, die von der FUNAI angestellt werden) beschlossen, zu dem Posten zurückzukehren. „Da kein Vertreter des brasilianischen Staates gewillt ist, hier zu bleiben, haben wir uns entschieden, zu kommen“, sagte José Carlos Meirelles.

Am Freitagnachmittag (5. August) meldete sich Meirelles per E-Mail. Obwohl der Posten von den Peruanern geplündert wurde, funktionierte das Internet noch: „Sie (die Peruaner) sind immer noch hier. Sie rannten weg, als der Helikopter (mit uns) eintraf. Wir haben frische Spuren. Wir fanden Spuren von mindestens sechs Personen, einen Schlafsack, Plastik, ein Seil, etc. Wir fanden ebenfalls Unkraut, das etwa 15 Minuten zuvor abgeknickt wurde, der Pflanzensaft trat noch aus. Die Peruaner hielten sich am letzten Tag der Operation hier in der Bananenplantage vor dem Posten auf und sahen zu, wie die brasilianische Polizei mit Hubschrauber abgezogen wurde.“

Der Sertanista Meirelles schickte auch eine Botschaft an die Welt: „Wir werden hier bleiben, bis eine Invasion durch eine peruanische paramilitärische Gruppe in Brasilien endlich wahrgenommen wird als etwas, das Aufmerksamkeit verdient. Vielleicht handeln wir unverantwortlich. Vor allem aber sind wir den in Isolation lebenden Indigenen und den bereits Kontaktierten, unsere Nachbarn, den Ashaninka gegenüber verpflichtet.“

Übersetzung: Eliane Fernandes Ferreira

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