Katerstimmung: Quo vadis Südafrika? (Buchbesprechung)

Südafrika hat ähnlich wie Deutschland vor nicht allzu langer Zeit eine epochale Zäsur erlebt. Doch die südafrikanische „Wieder“-Vereinigung wird länger dauern als in Deutschland. Die südafrikanische Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß läuft auch entlang der Grenzen von Arm und Reich. Zu den vielen Widersprüchen am Kap gehört auch, dass es inzwischen eine breite schwarze Mittelschicht mit enigen Reichen gibt, aber auch viele verarmte Weiße. Von letzteren verlassen viele ihr Geburtsland, weil sie keine Zukunft für sich und ihre Kinder sehen.

Renate Wilke-Launer gebührt daher der Dank, dass sie in ihrem Sammelband „Südafrika – Katerstimmung am Kap“ viele wertvolle, prägnante und gut geschriebene Beiträge führender südarfrikanischer Intellektueller wie von Neville Alexander, Jonny Steinberg oder Njabulo Ndebele präsentiert. Das Interessante an diesem Band ist: hier kommen Menschen zu Wort, die mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich für ihr Südafrika streiten, kämpfen und Anteil nehmen. Denn: Wie kann es angehen, dass so berechtigte Protestbewegungen wie die des ANC zu schwerfälliger Bürokratie, Korruption und im schlimmsten Fall sogar Menschenrechtsverletzungen verkommen können? Wie sieht es aus mit Presse- und Meinungsfreiheit am Kap? Wie können Kriminalität und Armut erfolgreich bekämpft werden? Antworten darauf gibt der Sammelband „Südafrika“.

Zu diesem sehr spannenden, vielfältigen und umfassenden Sammelband gehört auch ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht von Antjie Krog, die beschreibt, wie sich das Leben in ihrer Heimatstadt Kroonstad im burischen Free State seit dem Ende der Apartheid 1994 verändert hat. Daneben wird die frühere Freiheitsbewegung und heutige Regierungspartei ANC sehr eingängig beschrieben als eine in sich gefangene Organisation, die in einer umfassenden autoritätsgläubigen Selbstzensur gefangen ist und nicht weiß, wie sie sich daraus befreien kann. Dem Verfasser dieses Beitrages William Gumede ist es dabei zu verdanken, dass er darüber hinaus auch die Folgen dieses Prozesses beschreibt: eine zunehmende Korruption und ein zivilgesellschaftliches Vakuum, so dass die staatliche Problemlösungskompetenz immer mehr abnimmt.

Darüber hinaus beschreibt Jonny Steinberg in einem sehr einfühlsamen Beitrag, in welcher Angst die Flüchtlinge haben müssen, die in Südafrika Unterschlupf finden. Den alltäglichen Rassismus und häufig ausbrechende Gewalt beschreibt Steinberg als „Ende des Regenbogens“. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Imraan Coovadia mit ihrem Beitrag „Das Mitternachtsgespenst“. Dort beschreibt sie das Lebensgefühl der indischen Minderheit im neuen Südafrika. Ja, aus dieser indischen Minderheit stammt Mahatma Ghandi. Wer dessen Biographie kennt, weiß, wie offen der alltägliche Rassismus gegenübern dieser Volksgruppe ist. Coovadia zeigt: daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Letztlich führt dies zu einem derartigen Verlust des Vertrauens vieler Südafrikaner in ihren eigenen Staat. In weiteren Beiträgen werden die Probleme der Sammeltaxen, der Stromversorgung und die umfassende Kriminalität beschrieben.

Nachdem ich diesen sehr einfühlsamen und ausgewogenen Sammelband gelesen habe, bleibt bei mir ein sehr positiver Eindruck: in einer Zeit, in der nicht nur in Südafrika die Grenzen zwischen Erster Welt und Dritter Welt verschwimmen, darf man den Süden getrost für sich selbst sprechen lassen. Dies ist umso wichtiger, denkt man daran, wie wichtig offener Widerspruch gegenüber staatlichen Mißständen wie Korruption oder rassistisch begründeten Menschenrechtsverletzungen gegenüber Minderheiten ist. Dies gilt besonders für die Regenbogennation Südafrika, die sich letztes Jahr noch bei der Fußball-Weltmeisterschaft als weltoffene Nation präsentierte. Liest man Wilke-Launers Sammelband, kann man eigentlich nur zu einem Schluß kommen: nach der großartigen WM bleibt eigentlich nur die Katerstimmung am Kap. Und dennoch bleibt ein großer Funken Hoffnung: Aus dieser Problemanalyse heraus können sehr wohl fruchtbare Lösungsansätze diskutiert werden. Daher sind diesem Band nicht nur viele Leser zu wünschen, sondern auch ein Folgeband in einigen Jahren, in dem gezeigt werden kann, wie Südafrika auf dem Weg zur Demokratisierung und zum Minderheitenschutz vorangeschritten ist und wie weit es gelungen ist, die Schere zwischen arm und reich zu schließen.

Der Band erschien bei Brandes & Apsel und kostet 24,90 Euro – empfehlenswert!

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