Kongo – Kriege, Korruption und der Kampf ums Überleben (Buchbesprechung)


Der Kongo ist dabei sicherlich eines der am meisten mißverstandenen Länder der Welt. Zahlreiche Kriege, ein von den Vereinten Nationen genehmigter Blauhelm-Einsatz zur Sicherung irgendwelcher Wahlen – wer da den Überblick behält, weiß, dass es mal eine koloniale Vergangenheit gab und die Ermordung des ersten frei gewählten kongolesischen Republik Lumbumba. Doch wer mehr wissen will, sollte Dominic Johnsons Buch „Kongo – Kriege, Korruption und die Kunst des Überlebens“ lesen. Er kennt das große Land aus langjähriger eigener Erfahrung heraus und kommt dabei so ohne überhebliche und ethnozentrische Kommentare aus, die die ansonsten recht oberflächliche deutsche Berichterstattung auszeichnet. Hierbei handelt es sich um einen hintergründigen Bericht, der ohne die große reißerischen Großmäuligkeit eines Peter Scholl-Latours auskommt.

In seinem gut zweihundert Seiten starken Buch zeichnet Johnson die Entwicklung des heutigen Kongos bis zu den Anfängen des Kolonialismus nach. Er zeigt dabei immer wieder auch die informellen Überlebensstrategien der lokalen Bewohner auf, deren Schicksal in dem vom Krieg und Unterdrückung gezeichneten Land häufig untergeht. Zwar hätte sich der Autor den historischen Abriß der kolonialen Vergangenheit fast schon sparen können (dazu gibt es detaillierte historische Bände wie das von Adam Hochschilds „Schatten über dem Kongo“), dennoch bleibt es der Verdienst des Autoren zu zeigen, wie sehr diese koloniale Vergangenheit den „Staat“ hat verkommen lassen zu einer leeren Hülle – in diesem Fall zählt doch sehr der ausgesprochene Gegenwartbezug.

Denn egal ob unter dem belgischen König Leopold (der den Kongo als Privatschatulle für ein ausgesprochen ausschweifendes Leben mißbrauchte) oder den heutigen „echten“ kongolesischen Führern: der Rohstoffreichtum in der Region – Kupfer, Diamanten, Kobalt, Gold, Erdöl – kam und kommt weitgehend bis heute der einheimischen Bevölkerung nicht zugute: „Obwohl reich an Rohstoffen zählt der Kongo zu den ärmsten Ländern der Welt“. Es ist Johnsons Verdienst, dies nicht einfach nur auf die lokalen Politiker oder die „bösen und imperialen“ Großunternehmer zu schieben – er zeigt sehr detailliert auf, dass die Entwicklung respektive dessen Schicksal gestaltet wird. Dass die Menschen des Kongos nicht einfach nur „Spielball der Geschichte“ sind, sondern durchaus sich durchaus selbst mit diesem schwierigen Schicksal zu arrangieren wissen – dass ist das besondere Verdienst Johnsons.

Denn was ansonsten sehr leicht vergessen wird: der Kongo ist vielfältiger als die ansonsten recht einseitige deutsche Berichterstattung glauben machen will. In dem am dichtesten besiedelten Gebiet Afrikas tobt zwischen Tieflandsavanne und fruchtbarem grünem Hochland ein Krieg, der vergleichbar sein könnte mit dem, was der erste Weltkrieg für Europa war. Dennoch leben Völker und Ethnien irgendwie zusammen und arrangieren sich gerade vor Ort, die im Laufe der Jahrhunderte aus den heutigen Nachbarländern Ruanda und Uganda zugewandert sind. Auf ihrem Rücken wird der Krieg ausgetragen – dennoch wollen und können sie nicht einfach nur „Objekt der Zeitgeschichte“ sein. Dies herauszuarbeiten, kann man Johnson zugute halten.

Zum Glück ist Johnson einer jener Analysten, der Mobutus Herrschaft in gebührender Breite Platz einräumt. Hier zeigt er, wie die persönliche Hybris zu einer systematischen Ausplünderung des kongolesischen Reichtums führte und wie darunter die funktionale Staatlichkeit litt. Aber nicht nur dies: getreu dem „Teile und Herrsche“ ging dies auf Kosten der vielen Minderheiten, die gegeneinander ausgespielt wurden. Letztlich führt dies zu Milizenkriegen, wieder auf Kosten der hungerleidenden Bevölkerung. Gerade im Osten Kongos – im Grenzgebiet zu Ruanda – führte dies zu dramatischen Situationen: Die resignative Einschätzung Dominic Johnsons – „Als Kongo insgesamt zum Frieden fand, war Ostkongo ein politisches Niemandsland, wo bewaffnete Gruppen aller Art frei agieren konnten“ – wirft ein bezeichnendes Licht auf die Lage des Landes, bis heute. Zum Glück belässt Johnson es nicht bei einem ausschließlich resignativen Fazit. Letztlich schreibt er zu Ende seiner Analyse: „Kriege und Krisen im Kongo sind nicht weniger rational als anderswo auf der Welt, und sie sind auch nicht komplizierter“.

Auch wenn sein Band gewisse Längen hat: Johnson stellt eine gesellschaftliche Analyse an, in der offensichtlich wird, wie sehr das staatliche Versagen das jeweilige ethnische Bewußtsein stärkt und die Gefahr von Pogromen oder Bürgerkrieg steigt. Letztlich lebt der Kongo – von der UN überwachte Wahlen hin oder her – von seiner Schattenwirtschaft und der Fähigkeit seiner Bevölkerung überleben zu wollen. Allen vordergründig ethnsichen Widersprüchen zum Trotz. Denn letztlich ist es die mentale Zerrüttung weiter Teile der Jugend, die keinen Frieden und kaum eine andere Versorgungsstrategie als die der gewalttätigen Aneignung kennen gelernt hat, welche die kriegerischen Auseinandersetzungen stärkt. In allem eine interessante Lektüre für jene, die sich bereits näher mit dem Kongo auseinandersetzen.

Dieser exzellente und facettenreiche Band ist sehr empfehlswert – erschienen bei Brandes und Aspel.

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