Russland: Putin verleiht kritischen Journalisten Preise – Zensur dauert an

Vladimir Putin hat zehn russischen Journalisten Preise verliehen. Wieso bloß, wundern sich die Journalisten in Russland und sehen Wahlkampfstrategen am Werk.

Putin ist hauptverantwortlich für die Knebelung der Medien. Seit seinem Amtsantritt 2006 wurden laut Reporter ohne Grenzen mindestens 26 Journalisten ermordet, unzählige zusammengeschlagen, an ihrer Arbeit gehindert oder in die Flucht ins Ausland gezwungen. Es kann also nur Wahlkampftaktik sein, dass Putin sich auf einmal als Freund kritischer Medien geriert.

Dass das alles leere Worte oder besser blanker Hohn ist, zeigt eine Begebenheit vom vergangenen Sonntag: NTV, der Fernsehsender, der dem halbstaatlichen Energieriesen Gazprom gehört, strahlte einen wahrhaft sensationellen aus: Ein junger Tschetschene berichtet, wie er in Tschetschenien verschleppt und gefoltert wurde. Menschenrechtler kommen zu Wort, die Willkür, Straflosigkeit und hunderte Fälle von „Verschwindenlassen“ anprangern. Dieser äußerst sehenswerte Beitrag (leider nur auf Russisch) wurde am 30. Oktober in einigen Regionen Sibiriens ausgestrahlt. Als der europäische Teil Russlands drankommen sollte, nahm das Moskauer NTV Studio den Beitrag aus dem Programm und zeigte stattdessen das neu eröffnete Bolschoj Theater. Für Aleksandr Tscherkassov von der Menschenrechtsorganisation Memorial ist klar, wer hinter der Zensur steht: die Beamten der Präsidialadministration oder der Kreml.

Der Beitrag zeigt nicht nur einen Einzelfall einer schweren Menschenrechtsverletzung, sondern wirft einen Blick hinter die glänzenden Fassaden des von Ramzan Kadyrow regierten Tschetscheniens. Er macht deutlich, was „Anti-Terror-Politik“ hier heißt: Der junge Mann wird zuerst gefoltert und bedroht, er soll Aussagen über die Kämpfer machen. Dann nimmt die Folter ab, nach einem Monat Folter bekommt er sogar ganz normal zu essen. Nur seinen Bart und seine Haare darf er nicht schneiden. Er soll aussehen wie ein Kämpfer. Besonders dann, wenn seine Leiche gefunden würde. So tauchen, das sagt der interviewte Menschenrechtler, nämlich immer wieder „Verschwundene“ auf, die aussehen wie Kämpfer aber gar keine sind.

Putin war Kadyrows Steigbügelhalter und hält auch heute noch schützend seine Hand über den 35-Jährigen. Solange Putin wieder Präsident Russlands ist, gibt es keine Hoffnung auf Besserung für die Menschen in Tschetschenien. Der NTV-Beitrag kann also als Wahlkampf gegen Putin verstanden werden. Da zeigen die Kremlstrategen lieber schnell das schöne Bolschoj Theater!

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