Kurdistan: Ein Reisebericht

Im Oktober 2011 reisten die Pastorin Daniela Nischik und die freie Journalistin Marie Erlwein durch die Autonome Region Kurdistan im Norden des Irak.

Hier sind ihre Reiseeindrücke: „Wir, die freie Journalisten Marie Erlwein und ich, Daniela Nischik, waren zwischen dem 3. und 25. Oktober 2011 unterwegs in der Region Kurdistan im Norden des Irak. Am Abend des 3. Oktober flog unser Flugzeug von München ab. Und wir landeten am 4. Oktober ungefähr um 2 Uhr nachts auf dem Flughafen Ankawa. Dort wurden wir von Frau P., unserer ersten Gastgeberin, und einem ihrer Verwandten abgeholt. Wir kamen im heißen Haus von Frau P. an, die zuvor eine Woche nicht zu Hause war, sodass ihr Haus nicht gelüftet werden konnte. Wir schliefen unter den warmen Synthetikdecken bis in den hellen Morgen. Während des Tages besuchten wir eine englische Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, die mit behinderten Kindern arbeitet.

Sie führte uns auf einem kleinen Spaziergang durch den Stadtbezirk Arbil-Shorsh. Als die Dämmerung hereinbrach, gingen wir zurück zu „unserem Haus“. Dort lernten wir noch einige Verwandte von Frau P. kennen, die vor einigen Jahren wegen des Terrors aus Bagdad nach Arbil kamen. Im Stadtbezirk Arbil-Shorsh leben Kurden, Assyrer und Turkmenen, Muslime und Christen, friedlich miteinander. Obwohl in den letzten Jahren mehr Christen Shorsh verlassen haben und nach Ankawa, den reichen, christlichen Vorort, umgezogen sind, wo der Flughafen ist. Dort, in Ankawa, siedelten sich seit Ende der 90er Jahre viele Hilfsorganisationen und nach 2003 auch Konsulate an.

Am 5. Oktober morgens besuchten wir die englische Hilfsorganisation mit dem Frühförderzentrum für behinderte Kinder. Dort arbeitet auch meine kurdische Freundin für einige Tage in der Woche. Sie zeigt Müttern, wie sie mit ihren kleinen Kindern spielen und spielerisch lernen können. Am 6. Oktober besuchten wir die Blindenschule von Arbil, gegründet 1980, wo meine Freundin ebenfalls einige Tage pro Woche arbeitet. Dort liest sie Bücher auf Kassette, kopiert Kassetten und begleitet kranke Schüler zum Arzt. Aktuell lernen an dieser Schule 80 blinde und sehschwache Schüler in 8 Klassenstufen. Wir hospitierten in verschiedenen Klassen und Unterrichtsfächern: Mathematik, Kurdisch, Arabisch (wo wir gar nichts verstanden!) sowie eine schöne Musikstunde in der ersten Klasse, wo der Musiklehrer auf seiner Violine Melodien spielte und die kleinen Schüler die Lieder errieten. Am Nachmittag, ungefähr 16 Uhr, nahm uns ein freundliches englisches Ehepaar in seinem Auto mit nach Dohuk. Sie wollten dort Freunde besuchen. Wir wohnten in Dohuk in einem schönen, modernen Hotel. Dort wurden wir bei unserer Ankunft herzlich begrüßt. Draußen war es schon dunkel. Der Manager des Hotels ist ein Christ.

Am Freitag, 7. Oktober, trafen wir meine Freundin Maria und ihren Mann. Gerade ein Jahr zuvor, nach dem Terroranschlag auf den syrisch-katholischen Gottesdienst in einer Kirche in Bagdad, waren sie aus Bagdad geflohen. Vor eineinhalb Jahren hatten wir uns bei einer Kindstaufe in einem Dorf am Khaburfluss kennengelernt. Damals waren sie Gäste der Feier, so wie wir. Heute kämpfen sie als Flüchtlinge in Dohuk ums Überleben. Der Mann arbeitet als Autoschlosser und bekommt seine Arbeit manchmal sogar bezahlt. Für ihre Unterkunft mit 2 Zimmern, einer kleinen Küche und Toilette (Altneubau aus Saddams Zeiten) müssen sie eine Monatsmiete von 300 Dollar an den Vermieter, einen christlichen Dohuker, zahlen. Dieser fordert die Miete pünktlich ein, ohne Aufschub. Sie leiden sehr unter diesem finanziellen Druck und der Unsicherheit ihrer Zukunft. Diese beiden Freunde fuhren mit uns mit einem Taxi in den jezidischen Ort Xanik; Xanik ist ein ehemaliges „Modelldorf“, ein Lager aus Saddams Zeiten. Aber heute stehen dort hübsche neue Häuschen. Die Jeziden sind eine kurdischsprachige religiöse Minderheit. Auch sie werden im Irak von fanatischen Muslimen verfolgt. In Xanik trafen wir einen jezidischen Kurden aus Hannover, der das Grab seiner Mutter besuchte. Sie war unerwartet schnell gestorben, während er im Exil in Deutschland lebte. Einer seiner Cousins wurde in Mosul wegen seiner Religion von Terroristen enthauptet. Auch sein Grab ist auf dem Friedhof von Xanik.

Am 8. Oktober fuhren wir mit der Frauenorganisation ETANA (assyrisch: Existenz) mit dem Auto nach Tell Kepe in der Ninivehebene (zwischen Mosul und Kurdistan / Dohuk). In Tell Kepe wohnen nicht nur Christen, sondern wahrscheinlich auch einige der Terroristen, die in der Großstadt Mosul Anschläge verüben. Wir suchten den Pfarrer (Chorbischof) der Assyrischen Kirche in Tell Kepe auf. Er zeigte uns die Kirche und den Kindergarten, der gerade 3 Tage vor unserem Besuch eröffnet worde war. Eigentlich war er für 30 Plätze geplant worden, tatsächlich aber kamen 65 Vorschulkinder im Alter zwischen 3 und 6 Jahren. Dort arbeiten vier Kindergärtnerinnen; die leitende Kindergärtnerin spricht gut Englisch. Die Kindergärtnerinnen bekommen ungefähr 160 Dollar im Monat. Das Geld kommt von der irakisch-christlichen Hilfsorganisation CAPNI (Christian Aid Program Nohadra Iraq). Die Räume und die Ausstattung des Kindergartens sehen sehr schön aus. Die Kinder wirkten noch etwas schüchtern in ihrer neuen Umgebung. Soweit mir bekannt ist, wurde der Kindergarten auch mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Bayern eingerichtet. Anschließend gingen wir zu Fuß durch Tell Kepe, geführt von einem 18jährigen Mädchen und begleitet von zwei christlichen Polizisten. Uns wurde gesagt, es sollte nicht auffallen, dass wir Ausländer sind. So wechselte ich vom Englischen ins Kurdische. Wir besuchten zwei assyrische Familien in Tell Kepe, die seit einem Jahr durch regelmäßige kleine Beträge aus Berlin unterstützt worden waren: eine ältere, kranke Dame, ihr Sohn und ihre Tochter. Sie leben unter sehr armseligen Bedingungen und müssen Miete bezahlen, weil sie in den 1960er Jahren als Flüchtlinge aus dem Norden (Gebiet von Dohuk) nach Tell Kepe kamen, wo sie keinen Besitz haben. Der Sohn der alten Frau hat nur gelegentlich mal einen Job. Die zweite Familie ist eine Witwe mit sechs Kindern. Ihr Mann wurde in Mosul ermordet, ihr einziger Sohn hat Epilepsie. Aber als wir die älteste Schwester und den kranken Jungen besuchten, war er bereit, ein Lied für uns zu singen und wir klatschten den Rhythmus mit. Auch sie müssen für ihre 2 Wohnräume Miete zahlen; ein Zimmer ist unten, das Schlafzimmer ist oben auf dem Dach. Ich weiß nicht, wem das Haus gehört. Aber es ist klar: müssten sie nicht jeden Monat Miete zahlen, könnten sie sich von den Spenden langsam etwas zusammen sparen (zum Lebensunterhalt). Der Junge hat keine Chance, in Tell Kepe in irgendeine Schule zu gehen, da es dort keine Möglichkeit der Schulbildung für Behinderte gibt. Die Mutter muss all ihren Mut zusammen nehmen und in Mosul arbeiten, in der gleichen Stadt, in der ihr Mann ermordet wurde, – nur um etwas zum Leben für die Kinder zu verdienen. Inzwischen hat ihr Spender in Berlin seine einjährige Unterstützung beendet, sodass ich wieder nach einem neuen Unterstützer für diese Witwenfamilie Ausschau halten muss. Als wir mit ETANA-Auto aus Tell Kepe wegfuhren, kamen wir an einem schönen assyrischen Dorf, Sharafiye, vorbei. Dann ging es zurück nach Dohuk.

Am Sonntag, 9. Oktober, besuchten wir um 8 Uhr morgens den Gottesdienst in der Assyrischen Mar Narzai Kirche in Dohuk. Dann fuhren wir nochmals mit ETANA nach Tell Kepe. Dort besuchten wir drei weitere Familien: eine Frau mit Tochter, deren Mann vor einigen Jahren einen Herzinfarkt erlitt und seitdem nicht mehr arbeitsfähig ist; eine junge Familie mit sechs Kindern in einer primitiven, gemieteten Unterkunft; eine Großmutter mit Tochter und zwei Enkeltöchtern, deren Schwiegersohn (Vater der Kinder) an einer Krankheit gestorben war. Unglücklicher Weise möchte die Oma nicht, dass ihre Enkelin im schulpflichtigen Alter auch wirklich zur Schule geht. „Sie muss sich um mich kümmern, wenn meine Tochter zur Arbeit ist.“ Es gab keine Verständigung mit dieser alten Frau, obwohl J., Gründerin und Leiterin von ETANA, laut gegen dieses Verhalten protestierte. Dieses hübsche Mädchen tat uns sehr leid. Danach besuchten wir zwei Familien in Batnaya: die erste Familie, Flüchtlinge aus Basra, leben in einer von CAPNI gebauten mietfreien Wohnung. Die erwachsene Tochter hatte ihre alte Nähmaschine verkauft, als sie auf der Flucht Geld brauchten. Nun freut sie sich sehr, eine neue Nähmaschine zu haben. Damit näht sie Sachen (Tücher, Kleider) zum Verkauf. Die andere Familie darf in 2 Zimmern eines Hauses wohnen, das einem irakischen Christen in Amerika gehört. Die anderen Räume sind verschlossen. Die Flüchtlingsfamilie (4-5 Personen) muss dem Hauseigentümer in Amerika jeden Monat 50.000 Irakische Dinar Miete zahlen, exakt die Summe, die sie von der Kirche als monatliche finanzielle Unterstützung ausgezahlt bekommen! Nach meinen vielen Fragen erzählte uns das J. von ETANA beschämt. Alle diese 5 Familien in Tell Kepe, Batnaya – und noch eine weitere in Telleskopa, alle die 6 Familien, die wir an diesem Tag besuchten, hatten über ETANA je eine Brother-Nähmaschine bekommen, die von Spendengeldern von 2 evangelischen Gemeinden im Osten Berlins gesammelt worden waren. Ich war an diesem Tag wütend und sagte: „Wir aus Berlin versuchen ihnen Nähmaschinen zu kaufen, und ihre eigenen Leute verlangen von ihnen Miete!“ Die letzte dieser Familien besuchten wir in Teleskopa. Sie flohen aus Mosul, wo der Vater als Lehrer gearbeitet hatte. Als man ihnen sagte, Mosul sei „wieder ruhig“, gingen sie zurück. Dann wurde ihr 14jähriger Sohn Rami von Terroristen niedergeschossen, nachdem er sein Elternhaus mit einem muslimischen Freund verlassen hatte. Das geschah nur wenige Meter außerhalb der Haustür. Daraufhin verließ der Rest der Familie endgültig Mosul. Der Vater bekommt eine Art Rente, aber es gibt keine Arbeit für sie in Teleskopa. Von einem anderen Kind haben sie jetzt einen kleinen Enkelsohn. Sie sind sehr verzweifelt darüber, dass sie noch einmal nach Mosul zurückgekehrt waren. Auch sie müssen Miete zahlen, aber sie scheinen die Vermieterin, eine Frau mit einem kranken Kind, zu kennen. In Teleskopa schauten wir auch zum Frauenverein ETANA (angemietete Räume!) hinein. Dort gibt es Näh-, Frisör- und Computerkurse sowie Gesundheitsinformationen. An diesen Lehrgängen nehmen christliche, jezidische und muslimische Frauen teil. Sie haben auch einen Fitnessraum mit Sportgeräten, die ihnen von Assyrern in Amerika geschenkt wurden. Die sind zwar schön, aber die Berlinerinnen wollten lieber Nähmaschinen sponsern. Hier, in ETANA, sollen die Frauen Bildung erhalten und Selbstbewustsein gewinnen.

Am Montag, 10. Oktober, fuhren J. und E. von ETANA mit uns nach Lalish, wo gerade ein religiöses Fest der Jeziden stattfand. Die freie Journalistin Marie wollte unbedingt dorthin, bis zum Baba Sheikh, den sie den jezidischen Papst nannte (Marie stammt aus einer römisch-katholischen Familie). Auf jeden Fall war es interessant. Als wir mit dem Auto dort am Kontrollpunkt zur Einfahrt auf das Festgelände in Lalish ankamen, fragten die jezidischen Kontrollen, wer wir seien. Sie waren vorsichtig, keinen arabischen Terroristen reinzulassen. Als sie „Almanya“ und „Masihi“ hörten (Deutschland, Christen), gaben sie uns freie Fahrt bis zu einem Parkplatz, wo sogar viele ihrer eigenen Leute nicht mehr parken durften. Unter den Tausenden Festpilgern trafen wir auch auf einige jezidische Familien aus Deutschland.
Nach unserem Besuch in Lalish fuhren wir zum Syrisch-Orthodoxen Mar Mattai-Kloster (St. Matthäuskloster). Dort besichtigten wir die Klosterkirche und Besucherräume und konnten später den leitenden Mönch treffen. Er empfing uns freundlich, segnete uns und gab Marie ein Interview. Er hat keine Hoffnung mehr, dass „ihr nach einigen Jahrzehnten hier noch Christen finden werdet.“
Erfüllt von den vielen verschiedenen Eindrücken dieses Tages kehrten wir nach Dohuk zurück. Am Abend waren wir bei einer befreundeten christlichen Familie aus Mosul in Dohuk zu Gast. Das wurde ein schöner Abend. Diese Familie hatte Glück im Unglück: Sie hatten ein Haus in Mosul und konnten es vor einigen Jahren auch noch verkaufen, bevor sie nach Dohuk kamen. So hatten sie noch Geld für ihr Haus in Mosul erhalten und konnten in Dohuk neu anfangen, indem sie ein Appartment kauften. Und sie haben Arbeit gefunden. Heutzutage haben die aus Mosul fliehenden Christen keine Chance mehr, ihr Eigentum (Haus oder Wohnung) zu verkaufen, weil ihr Eigentum einfach von anderen übernommen wird, wenn sie die Stadt verlassen müssen. Entweder nehmen sich die Terroristen alles oder auch andere Leute. Die Leute dort sind jetzt nicht willens oder haben Angst, irgendetwas von Christen abzukaufen. Entweder hat man gute muslimische Nachbarn, die einfach in die eigene Wohnung mietfrei einziehen (um Leerstand und Besetzung zu verhindern) oder man geht einfach und lässt alles zurück für die, die einen vertrieben haben.

Am 11. Oktober fuhren wir zu den 4 Wohnblöcken von ACERO (Assyrian Church of the East Relief Organization) am Rand von Dohuk in einem Gebiet, das „Etuta“ (assyrisch: Heimat) heißt. Das Land wurde kostenlos von der Stadt an ACERO vergeben. Die Wohnungen sehen wirklich phantastisch aus und meine arme Freundin Maria war ganz aufgeregt bei dem Gedanken, in einer dieser Wohnungen zu leben. Aber die Probleme der Wasserversorgung, des Stromanschlusses und der Zufahrtsstraße sind noch ungelöst. Anschließend fuhren wir zum Vizegouverneur George (Assyrer) der Provinz Dohuk.
Wir hatten mit ihm ein ungefähr halbstündiges Gespräch über die Flüchtlingssituation in der Provinz Dohuk. Gefragt, ob die Flüchtlinge (Inlandsvertriebenen) in der Provinz Dohuk auch regelmäßige finanzielle Unterstützung bekämen, antwortete er, dass es zu viele Flüchtlinge gibt und dass die UN eher mit materieller Unterstützung hilft. Er hat einen Haufen Arbeit zu tun und war glücklich, als ich damit begann, mit ihm über die Assyrische Kirche zu sprechen, in der er Diakon ist. Der Leiter des ACERO-Wohnungsbauprojektes fuhr anschließend mit uns nach Sumel. Sumel ist die Stadt, wo – allein an diesem Ort – im August 1933 ca. 600 Assyrer (Männer, Frauen und Kinder) ermordet wurden. In Sumel wird derzeit ein Museum gebaut, aber ich habe nicht genau verstanden, ob nur ein archäologisches Museum oder ob auch ein Erinnerungsort an dieses Masakker. Dann lud uns der Mann in seine Familie ein. Seine Tochter wollte Medizin studieren, wurde aber in der Universität Dohuk nicht imatrikuliert, weil sie nicht gut kurdisch kann. Sie leben seit 5 Jahren in Dohuk, vorher in Bagdad. Dabei gibt es für mich 2 Fragen: Warum ist die kurdische Sprache so wichtig für das Fach Medizin? Und: Warum lernt sie nicht mehr kurdisch? Ist das wirklich so unmöglich für sie? Nun hat sie damit begonnen, mittels E-Mail mir über Englisch etwas Assyrisch beizubringen. Wie so viele träumt auch sie vom Ausland.

Am Nachmittag ging die Journalistin zu einer anderen assyrischen Frauenorganisation. Ich ging mit Maria und verbrachte eine Nacht bei ihnen in ihrer Unterkunft. Aber zuerst ging Maria mit mir zu einer anderen armen, jungen assyrischen Familie, die unter sehr schlechten, nassen Bedingungen haust: Vater, behinderte Mutter und 2 kleine Kinder, von denen das eine noch ein Baby ist. Aber unsere Hilfe blieb sinnlos, als wir feststellten, das der junge Vater ein Spieler ist! Maria tat das kleine, hungrige Baby so leid, dass sie an einem anderen Tag etwas Milch kaufen und es der jungen Mutter selbst in die Hand drücken wollte. Diese traurige junge Familie ist aus Mosul. Dann hatten wir einen schönen Abend in der Unterkunft von Maria und ihrem Mann, wo die beiden noch am späten Abend von einer anderen arabisch-kurdischen Familie mit zwei Kindern besucht wurden. – Die Armen halten im besten Falle zusammen.

Am 12. Oktober besuchten wir die irakisch-christliche Hilfsorganisation CAPNI (Christliches Hilfsprogramm Nohadra Irak; Nohadra ist der assyrische Name für Dohuk). Ich kenne CAPNI seit 1995; gegründet wurde CAPNI 1993 in Dohuk. Wir hatten ein ausführliches Gespräch mit Pfarrer E. Er lud uns auch zu einer Familienfeier am Abend ein. Am Nachmittag besuchte mich im Hotel ein assyrischer Rückkehrer aus Kanada. Er versucht Hilfe für ein leukämiekrankes Kind (Thalassämie) in seinem Dorf nahe Dohuk zu organisieren. Am 13. Oktober mussten wir unser Visum verlängern, dass wir bei der Einreise am Flughafen Ankawa ohne Schwierigkeiten bekommen hatten. CAPNI half uns bei dieser Prozedur. Für eine Verlängerung des Visums über 10 Tage hinaus müssen sich Frauen unter 50 (!) einem Aidstest unterziehen. Endlich, als wir unsere Visumsverlängerung im Pass hatten, nahmen wir unser „letztes“ Mittagessen im Restaurant neben unserem Hotel ein. Danach warteten wir auf Pfarrer E., der uns angeboten hatte, uns mit CAPNI-Auto mit sich mit nach Arbil zu nehmen. Er musste dort zum Flughafen Ankawa, während wir wieder glücklich bei unserer Gastgeberin Frau P. in Arbil-Shorsh ankamen. Am Freitag hatten wir einen Tag Ruhe, konnten unser weiteres Reiseprogramm planen und telefonieren.

Am Samstag, 15. Oktober, statteten wir kurz einem Sekretär des berühmten Herrn Sargis Aghajan in dessen Büro in Ankawa einen Besuch ab. Herr Aghajan, selbst Assyrer, war für einige Jahre Finanzminister der Region Kurdistan. Er hat vielen vertriebenen christlichen Familien in Kurdistan und im Ninivehgebiet geholfen. Aber woher die Hilfsgelder kamen oder noch kommen, – das haben auch wir nicht in Erfahrung bringen können. Jedenfalls sagte uns dieser Sekretär, dass von Europa nicht genug Hilfe ankommt. Andererseits konnte uns auf unserer Reise auch niemand sagen, wo die Hilfsgelder des deutschen Auswärtigen Amtes für „Inlandsflüchtlinge im Nordirak“ hingehen. Einiges davon wird anscheinend direkt von einer deutschen Menschenrechtsorganisation (IGFM) für eigene gemeindenahe (community) Projekte vor Ort ausgegeben. Nach diesem kurzen Gespräch bei dem Sekretär, wurden wir zum Büro des „Chaldäisch-Syrisch-Assyrischen Volksrates“ gebracht, das ebenfalls in Ankawa ist. Dort hatten wir ein langes, ausführliches Gespräch über die Situation der Assyrischen Christen im Ninivehgebiet und in der Region Kurdistan. Wie könnte es für Menschen verschiedener Volks- und Religionszugehörigkeit möglich werden, im Frieden miteinander zu leben? Welche kulturellen Rechte fordern die Assyrer für sich ein? Welche Migrationsbewegungen und Bevölkerungsverschiebungen finden derzeit im Ninivehgebiet statt? Und wie könnten die Ambitionen der unterschiedlichsten Minderheiten (Christen, Jeziden, Shabak) in einem Autonomiestatus für das Ninivehgebiet zusammen geführt werden? Nach diesem intensiven Gespräch (mit einer großen Landkarte auf dem Fußboden des Büros sitzend …) wurden wir zum Mittagessen in ein nobles Hotelrestaurant eingeladen. Ich hatte gefragt, warum im Ninivehgebiet vertriebene Familien eine finanzielle monatliche Unterstützung (50.000 Irakische Dinar) über die Kirchen ausgezahlt bekommen, nicht aber in der Region Kurdistan? Ich bekam zur Antwort: Auch in Kurdistan könnten sich die Inlandsflüchtlinge (IDPs) registrieren lassen und um Hilfe nachsuchen. Aber hier gäbe es so viele von ihnen; die, welche erst nach Oktober 2010 (Masakker in der syrisch-katholischen Kirche in Bagdad) nach Kurdistan kamen, hätten noch nicht in das Programm der finanziellen Hilfe einbezogen werden können. Aber genau diese Menschen sind es, die nicht mehr ihr Haus oder ihre Wohnung (falls sie diese besaßen) in Bagdad oder in Mosul verkaufen konnten, denn niemand kauft dort mehr fliehenden Christen etwas ab. Genau in dieser Situation sind meine Freundin Maria und ihr Ehemann jetzt in Dohuk. Diese Menschen kamen ohne Geld an den Orten ihrer Zuflucht an. Am frühen Abend besuchten wir den Assyrischen Fernsehsender Ishtar TV in Ankawa, der auch durch Herrn Aghajan finanziert worden ist.

Am 19. Oktober, wieder einem Sonntag, gingen wir zum Gottesdienst in der kleinen Assyrischen Kirche in Arbil-Shorsh. Diese assyrische Gemeinde besteht gegenwärtig aus 20 ortsansässigen Familien und zusätzlich inlandsvertriebenen Familien aus Bagdad, Mosul und Kirkuk, die sich in unterschiedlicher wirtschaftlicher Situation befinden (reichere und ärmere Familien, abhängig davon, ob sie vor ihrer Flucht nach Arbil irgendetwas verkaufen konnten). Die Kinder müssen auch sonntags zur Schule gehen. So erhalten sie ihre Christenlehre in der Kirche am Freitag und den Aramäischunterricht (die Assyrische Kirche benutzt das Neue Testament auf aramäisch; der gesprochene Dialekt ist ostaramäisch/assyrisch) in Sommercamps. Mit dem Gemeindepfarrer konnte ich am späten Nachmittag sprechen. Aber zuvor fuhren wir mit meiner kurdischen Freundin zur Gehörlosenschule von Arbil. Dort trafen wir die taubblinde junge Frau Aftau, die dort Handarbeiten anfertigt und ihren Lohn erhält. Meine Reisebegleiterin und Journalistin wollte sie treffen, und so verbrachten wir den Tag mit ihr und ihrer Familie. Tatsächlich unterrichtet Aftau zur Zeit nicht mehr Handarbeit, denn die Schule schickt niemanden als Assistentin mit ihr in die Klassen der gehörlosen Kinder. Aber sie selbst fertigt weiterhin wunderschöne Handarbeiten an, die inzwischen schon in vielen lokalen Ausstellungen gezeigt wurden. Zu Hause lebt sie mit ihren Eltern, Brüdern und Schwestern und auch mit Frau und Kindern eines ihrer Brüder. In ihrem Garten haben sie Hühner und Schafe. Aftau kennt sich dort sehr gut aus.
Nach dem Gespräch mit dem assyrischen Gemeindepfarrer von Arbil-Shorsh fuhren wir zu der Familie meiner kurdischen Freundin zum Abendessen. Sie wohnen in Binislawa, außerhalb von Arbil. Nachher brachte sie uns wieder zurück zu Frau P. in Shorsh.

Am 17. Oktober fuhren wir mit dem Sammeltaxi nach Sulaimaniya, außen an Kirkuk vorbei. Das ist so zu sagen meine kurdische Heimatstadt, denn in Sulaimaniya hatte ich 1999/2000 für 8 Monate an der Blindenschule gearbeitet. In Sulaimaniya kamen wir in einem neuen Gästehaus unter, das von einem holländischen Ehepaar geleitet wird. Dort traf ich einige Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die ich noch von früher kannte. Am Abend gab ich einem niederländischen Theologiestudenten, der gerade ein Praktikum im Gästehaus machte, eine kleine Vorlesung über die Geschichte der Assyrischen Kirche des Ostens. Er wollte während seines Praktikums auch noch die Stadt Dohuk besuchen. In Sulaimaniya selbst gibt es nur wenige einheimische Christen.

Am 18. Oktober fuhren wir zur Blindenschule, wo ich herzlich von den Lehrern begrüßt wurde. Ich traf sogar einen früheren Schüler, blind und lernbehindert, der bis jetzt oft seine frühere Schule besucht, weil er sich da zu Hause fühlt. Danach besuchten wir die Gehörlosenschule mit Kindergarten. Dort bekam ich Kontaktadressen für Irbid / Jordanien, wo sie mit einem Kindergarten für hörende und gehörlose Kinder beginnen wollen. Außerdem bekam ich ein Gebärdenwörterbuch arabisch / kurdisch / englisch als Geschenk, worüber ich mich sehr freute. Zufällig erfuhren wir, dass sie jetzt in Sulaimaniya auch schon Cochlear-Implantat-Operationen an gehörlosen Kinder aus der Provinz Sulaimaniya durchführen, finanziert von der kurdischen Hilfsorganisation „Save the children Kurdistan“. Das ist eine erstaunliche Entwicklung!

Am Nachmittag fuhr ein guter Freund von mir mit uns zum ehemaligen Lager („Modelldorf“ aus Saddamzeit) Bayncan. Dort wurden – nach der Anfal-Vernichtungskampagne unter Saddam Hussein 1988, bei der ca. 180.000 Menschen (Kurden und Assyrer gleichermaßen) verschleppt und ermordet wurden – Überlebende von der irakischen Armee zwangsweise „angesiedelt“. Damals wurde dieses Lager mit 10.000 Familien angefüllt. Diese Menschen mussten ihre Hütten mit bloßen Händen bauen, indem sie auf dem öden Gelände herumliegende Steine zusammensammelten. Heute sind noch ungefähr 20 Familien auf diesem Gelände verblieben. Sie haben keinen Angehörigen im Ausland, der sie hätte unterstützen können. Und ihre zerstörten Dörfer lagen nahe bei der Stadt Kirkuk, wo es bis heute noch Terroranschläge gibt. Und sie sind arm. So sind diese 20 ärmsten Familien immer noch dort zwischen Trümmern und Schutt in ihren elenden Hütten, die eher Schafställen als menschlichen Behausungen gleichen. Die Familie, die wir dort besuchten, besitzt nur einige Hühner, einen Kühlschrank und ein Handy; kein fließendes Wasser, keinen Fernseher, keinen Stuhl oder Tisch. Trotzdem freuten sie sich über unseren Besuch, boten uns Tee und Joghurt an. Der Familienvater erzählte uns ihre traurige Geschichte. Bis 2003 war er Peshmerga (kurdischer Kämpfer), danach war er „müde“ und sucht jetzt als Tagelöhner ein Auskommen. Sie haben zwei erwachsene Söhne und einen Sohn im Schulalter.
Am 19. Oktober vormittags besuchten wir in Sulaimaniya die Schule für geistigbehinderte Kinder. Dort arbeitet jetzt die frühere Schulleiterin der Blindenschule als Lehrerin. Sie kennt mich; und so kamen wir diesmal auch dazu, die Schule für Geistigbehinderte zu besuchen. Der Schulleiter ist ein aus Kölln zurückgekehrter Kurde. Er brachte eine Menge neuer Ideen aus Deutschland mit in seine Arbeit in Sulaimaniya. Er ist sehr engagiert. Das sieht man sofort, wenn man in die Schule hinein kommt: die Räume sind frisch gestrichen, hell und freundlich. Der Spielplatz im Garten wurde vom Bürgermeister und einem Arzt aus Sulaimaniya gesponsert. Die Eltern geben zusätzliche Köstlichkeiten für die tägliche Schulspeisung an die Schule. Mit Hilfe aus den Niederlanden wurde ein Snoozleraum zur Erholung der behinderten Schüler in den Pausenzeiten eingerichtet. Die Arbeit des engagierten Sportlehrers, der selber keine Arme hat, wurde durch den Schulleiten lobend hervorgehoben. Mit zwei der Lehrerinnen fuhren wir im Anschluss an unseren Besuch zum archäologischen Museum von Sulaimaniya. Es ist das zweitwichtigste seiner Art im Irak, nach Bagdad. Dies sagte uns unsere Museumsführerin. Es gibt viele Exponate von den verschiedensten kulturellen Epochen. Es ist sehr interessant und ausgezeichnet gestaltet. Plötzlich umarmte mich die Museumsführerin, als sie merkte, dass ich Kurdisch gelernt hatte. Sie hat sogar ein Heft in kurdischer Blindenschrift für Museumsbesucher erstellt. Und das, obwohl die kurdische Brailleschrift erst seit ungefähr 11 Jahren in einer (für Sorani-Dialekt) standardisierten Form existiert.

Am Abend besuchten wir Herrn B., den ich aus Berlin kenne. In Sulaimaniya ist er der Leiter des Kurdischen Schriftstellerverbandes. Am Abend kam eine kurdische Freundin von mir in Sulaimaniya an. Am anderen Morgen fuhren wir mit ihr gemeinsam mit dem Linienbus nach Neu Halabja. Diese Stadt ist auch ein früheres Lager („Modelldorf“), wo Überlebende der Chemieangriffe auf die Stadt Halabja durch die irakische Armee 1988 einige Zeit später ihre neue Existenz aufzubauen begannen. Dort besuchten wir eine Tante meiner Freundin. Bei dieser Gelegenheit trafen wir auch einen gehölosen Jungen von Verwandten dort. Dieser besucht keine Schule. Verwandte in Sulaimaniya seien nicht bereit, diesen Jungen bei sich aufzunehmen, sagte sein Vater auf Nachfrage. Und er fügte hinzu: Aber ich kümmere mich doch um ihn! – So bleibt dieser aufgeweckte Junge ungebildet und Analphabet. Am Abend setzten wir unsere Reise fort und fuhren mit dem Bus nach Halabja Shahid (Alt Halabja, die „Stadt der Märtyrer“). Auch dort leben wieder Menschen. Aber die Stadt litt auch noch nach dem Chemieangriff unter weiteren Plagen. Zwischen den Jahren 1995 und 2003 litt sie unter der Terrorherrschaft der vom Iran unterstützten Islamisten. Jetzt endlich beginnen die Menschen aufzuathmen und ihre Häuser neu auszubauen. Meine Freundin war 13, als Saddams Flugzeuge ihre Stadt Halabja mit chemischen Waffen angriffen. Drei Verwandte von ihr starben auf dem Weg, als sie zur iranischen Grenze flohen. Ihre Großmutter starb, nachdem sie die Grenze überquert hatten. Sie blieben für einige Zeit in einem Lager im Iran. Wir verbrachten in Halabja die Nacht. Eine junge Verwandte meiner Freundin war gerade von einer Brustuntersuchung im Krankenhaus von Sulaimaniya nach Halabja zurückgekommen. Sie war dort wegen Krebsverdacht untersucht worden. Gott sei Dank, der Befund war negativ, was bedeutet: kein Krebs. Seit den Angriffen mit chemischen Waffen leben die Menschen aus Halabja immer mit der Angst vor Krebs und vor Erbschädigungen bei ihren Kindern.
Am 21. Oktober besuchten wir die Gedenkstätte von Halabja, die sehr eindrucksvoll ist. Danach fuhren meine Freundin und ihre Verwandten mit uns an den Ort ihres Heimatdorfes nahe der iranischen Grenze. Aus diesem Kakai-Dorf wurden sie alle schon 1978 von der irakischen Armee vertrieben. Kakai ist eine kurdische Religionsgemeinschaft mit Elementen von Zoroastrismus, aber auch ähnlich den Aleviten und Druzen.
Aber die Familie besitzt dort an der Grenze noch Land. Und so ernten sie in jedem Herbst ihre Granatäpfel, Wallnüsse und andere Früchte in ihrem Garten ab. Nur einige Meter weiter kann man Minenwarnschilder erkennen. Am Flussufer machten sie mit uns Picknick. Sofort zündeten sie ein Lagerfeuer an und bereiteten in Windeseile ein Hühnchen zu, serviert auf Spießen mit Tomaten, Gurkenscheiben und Zwiebeln, dazu frisch geerntete Granatäpfel! Es war faszinierend, wie rasch sie dieses schmackhafte Essen zubereiteten! So wurde es noch ein wunderschöner Campingtag. Wir sangen und machten Späße. Wie nahe doch Trauer und Freude beieinander liegen können. Für diesen besonderen Tag der Gastfreundschaft war ich sehr dankbar. Am Abend fuhren wir mit dem Bus zurück nach Sulaimaniya.

Am 22. Oktober besuchten wir zuerst die „Containerschule“, die von dem Bruder meiner kurdischen Freundin geleitet wird. Sie befindet sich am Rand von Sulaimaniya und wurde auf Initiative des Bruders meiner Freundin eröffnet. Dort lernen Kinder dieser armen Gegend, von heruntergekommenen, alten Wohnblöcken und aus einem Flüchtlingscamp. Die Familien kamen aus Bagdad, vom jezidischen Sinjargebiet oder sind einfach nur arme Einheimische. Alle lieben ihren engagierten Schulleiter. Eine Lehrerin, die aus Schweden zurückgekommen ist, setzt sich jetzt hier für die Armen ein. Die einzelnen Klassenräume sind Wellblechcontainer. Die Familie des Schulleiters lebt mit drei Kindern in einem Zimmer, mietfrei. Sie versuchen, in Arbil eine Eigentumswohnung zu bauen. Aber eigentlich möchte der Schulleiter gar nicht „seine Schule“ und ihre Kinder verlassen. Es ist die 3. Schule, die er in seinem Leben aufgebaut hat. Die 2. Schule in einem Dorf nahe der iranischen Grenze wurde in den 90er Jahren von Islamisten zerstört. Nach diesem beeindruckenden Besuch kamen wir zum schönen Gebäude des Blindenvereins Kurdistans in Sulaimaniya. Als wir dort eintrafen, waren gerade drei junge, blinde Männer anwesend. Einer von ihnen ist mit einer Freundin von mir verwandt. Die anderen beiden studieren an der Universität, der eine Geschichte, der andere Kurdische Sprache. Sie gaben uns ein kleines Konzert mit Klavier und Gesang, klassische Musik von Mozart und Chopin und kurdische Lieder. Nachdem wir im Blindenverein Pizza gegessen hatten, gingen wir mit zwei von ihnen zum Azadipark (Freiheitspark). Sogar unter der Erde dieses Freiheitsparks liegen die Überreste von Menschen, die zur Saddamzeit an diesem Ort ermordet wurden. Am Abend waren die Journalistin und ich von Herrn B. zu einem Essen des Kurdischen Schriftstellerverbandes eingeladen. Mit diesem gemeinsamen Abendessen endete eine Konferenz des Schriftstellerverbandes, die Herr B. in Sulaimaniya organisiert hatte.

Bevor wir nach Arbil aufbrachen, wurden wir am Morgen des 23. Oktober von unseren beiden blinden Studenten – von denen einer der Leiter des Blindnvereins für die Provinz Sulaimaniya ist – zur Universität der Stadt begleitet. Dort studieren derzeit zwischen 15.000 und 20.000 Studentinnen und Studenten. Der derzeitige Leiter des Blindenvereins in der Provinz Sulaimaniya war 1991 15 Jahre jung, als der kurdische Aufstand niedergeschlagen wurde. Damals wurde er von Granatsplittern schwer verwundet. Er verlor nicht „nur“ sein Augenlicht, sondern er hat bis heute viele Splitter im Gesicht und am Körper. Er erzählte mir: „Hätten mir die Ärzte Ohne Grenzen nicht geholfen, wäre ich damals gestorben. Sie haben mir das Leben gerettet.“

Nachdem wir mit ihnen noch in der Mensa Tee getrunken hatten, fuhren wir mit dem Sammeltaxi nach Arbil. Auf unserem Weg an Kirkuk vorbei zeigte uns unser Taxifahrer ein „kleines Wunder“: In der ölverseuchten Wüste außerhalb Kirkuks hielt er plötzlich an einer Gärtnerei mit ungefähr 4 großen, gekühlten Gewächshäusern an, die mit wunderschönen Blumen wie Anturien, Begonien und Weihnachtssternen angefüllt waren. Wir waren total überrascht und ich sagte zu einem der Gärtner: „Ja, Blumen sind viel besser als Öl!“ Er lächelte und nickte. Am Abend lud die Journalistin Marie unsere Gastgeberin P., deren Verwandte und mich zu einem Abendessen in einem schönen Restaurant in Arbil ein. Am Vormittag des 24. Oktober konnte ich Marie die Zitadelle von Arbil mit dem farbenfrohen Volkskunstmuseum zeigen. Am liebsten wollte sie die Teppiche dort mit nach Hause nehmen! Am Nachmittag machten wir einen letzten Spaziergang durch Shorsh und verabschiedeten uns von Freunden. Spät in der Nacht wurden wir zum Flughafen Ankawa gebracht. Unser Flugzeug landete am nächsten Morgen um 6:30 Uhr in München. Und der ICE brachte uns wohlbehalten am Nachmittag des 25. Oktober nach Berlin zurück.“

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