Türkei: Kurden boykottieren Moscheen für das Recht auf ihre Muttersprache

Wie die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) jetzt erfahren hat, kündigte der Präsident des türkischen Amtes für Religionsangelegenheit (Diyanet), Mehmet Gormez an, dass seine Behörde die Freitagsgebete, die in den historischen Istanbuler Moscheen gehalten werden, für ausländische Touristen ins Englische übersetzt werden: „Es ist wichtig, dass die Touristen wissen, was in den Moscheen auf Türkisch gesagt wird“. Diyanet kontrolliert den islamischen Glauben und verwaltet alle ihm unterliegenden Moscheen, auch die in Deutschland.

Dieser Schritt der türkischen Regierung ist zu begrüßen. Da jedoch die Übersetzer und Touristenführer einem „Test“ unterzogen werden, wie weit sie den Islam kennen, ist zu befürchten, dass die türkische Regierung unter Recep Tayyip Erdogan ihr Verständnis und ihre Ansicht des Islam, sowohl den Übersetzern als auch den ausländischen Touristen aufzwingen will. Die türkische Regierung will nur eine Interpretation des Islam zulassen. In den Jahren 2008-2011 schickte die türkische Regierung 10.000 neue Imame nach Türkisch-Kurdistan, die die Kurden auf die „richtige Linie“ bringen sollten.

Vor dem Hintergrund, dass es den 15 Millionen Kurden in der Türkei bis heute nicht gestattet wird, in ihren Moscheen, in der historischen Heimat der Kurden auf Kurdisch zu beten, ist diese Politik der Regierung in Ankara ein blanker Hohn. Den Imamen in Südostanatolien wird nicht erlaubt, auf Kurdisch zu predigen. Viele Kurden verstehen auch nach 90 Jahren massiver Zwangstürkisierung immer noch kein Türkisch.

Aus diesem Grunde nehmen seit März 2011 Zehntausende Kurden an einer sehr wirksamen Art des zivilen Ungehorsams Teil, das in den Mittelpunkt einer Auseinandersetzung zwischen der regierenden türkischen Partei AKP und der kurdischen Bürgerrechtsbewegung in der Südosttürkei gerückt ist. In Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt von Türkisch-Kurdistan boykottieren jeden Freitag muslimische Gläubige die Gebete an staatlich kontrollierten Moscheen. Stattdessen verrichten sie ihre Gebete unter dem freien Himmel oder unter riesigen Zelten, um die Predigten in ihrer kurdischen Muttersprache zu hören.

Der „Moscheenboykott“ begann, nachdem der türkische Diyanet es abgelehnt hat, in den Moscheen in dem überwiegend von Kurden bewohnten Südosten die kurdische Sprache zuzulassen. Eine Gruppe pensionierter kurdischer Imame und Islamgelehrter startete dann den Boykott, um den sprachlichen Status Quo zu durchbrechen.

„Wir sind Kurden. Das ist unsere Muttersprache, die Sprache, die wir von unseren Eltern gelernt haben. Lasst uns diese Sprache in den Gerichtssälen und in den Moscheen sprechen“ sagte ein kurdischer Imam. „Bis es uns nicht mehr verboten ist, Kurdisch in unseren Moscheen zu sprechen, werden wir auf der Straße beten.“

Kurden machen schätzungsweise 20 Prozent der 70 Millionen Einwohner der Türkei aus. Bis in die späten 1980er Jahre war die kurdische Sprache strikt verboten. Heute sind diese Verbote zwar gelockert, allerdings will die türkische Regierung die kurdische Sprache weiterhin von Schulen, Moscheen, Gerichten und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens per Gesetz fernhalten. Die Kurden wollen aber, dass das Kurdische als Schul- und Amtssprache in kurdischen Dörfern und Städten anerkannt wird.

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