Syrien: Die Christen und der „arabische Frühling“

Text: Lennard Schlöffel, 24.1.2012

Die syrischen Christen sind in Hinblick auf die Demonstrationen in ihrem Land in zwei Lager gespalten.
Unter der Herrschaft Assads haben religiöse Minderheiten viele Freiheiten, weswegen viele Christen dem Regime positiv gegenüber stehen. Grund für die religiösen Freiheiten ist, dass Assad selber einer Minderheit angehört, er ist Alevit. „Bei Innerstaatlichen Auseinandersetzungen gehören die Minderheiten immer zu den ersten Opfern“, so Kamal Sido Nahostreferent der GfbV. Die Thematisierung der Situation der Minderheiten ist bei der Betrachtung der Lage sehr wichtig.

Ein Teil der Christen fürchtet, auch unter Einfluss der staatlichen syrischen Medien, dass nach einem Sturz Assads radikale Muslime die Macht übernehmen könnten und die religiösen Freiheiten der Christen einer islamisch ausgerichteten Politik mit Kopftuchzwang und islamischen Rechtssystem weichen müssen. Vor allem in Damaskus und Aleppo sind die Christen Anhänger Assads.
Da sie keinen direkten Kontakt zu den Demonstrationen haben, glauben viele den Berichten des Staatsfernsehens, in denen von gewaltbereiten Salafisten die Rede ist, die für die Ausschreitungen verantwortlich sind. Befeuert wird diese Angst auch durch den Wahlsieg der Muslimbrüder und der Salafisten in Ägypten.
Die Christen wollen nicht in die Proteste mit hineingezogen werden und zum Opfer der Revolution und deren Folgen werden. Auch die Kirchenoberhäupte stehen offiziell noch hinter dem Regime. Sie wollen ihre momentanen Freiheiten nicht verlieren und haben beispielsweise die Situation der Christen im Irak vor Augen.
Außerhalb der Hauptstadt ist das Bild ein anderes. In den Protesthochburgen beteiligen sich viele Christen an den Demonstrationen. Vor allem junge Christen sind aktiv in die Proteste involviert. Die Demonstrationen zogen durch christliche Viertel: Einige Kirchen in Homs haben ihre Glocken für die Ermordeten Demonstranten geläutet.
Ähnliches wie in der Westsyrischen Stadt wird aus der im Süden gelegenen Stadt Dar’a berichtet. Auch dort protestieren Christen gemeinsam mit ihren sunnitischen Mitbürgern gegen das Assad-Regime, für Demokratie und Gerechtigkeit.
„Das Regime hat ihnen jahrzehntelang eingebläut, dass nur es allein die Minderheiten schützen kann. In Wirklichkeit spielt es die Konfessionen gegeneinander aus und tut alles, um das Volk zu spalten“ sagt ein Demonstrant auf einer Kundgebung in Harasta, nicht weit von Damaskus entfernt.
Da momentan Christen und Muslime gemeinsam gegen das Regime protestieren und es keine Auseinandersetzungen zwischen der Mehrheitsbevölkerung und der christlichen Minderheit gab ist die Angst einiger Christen, die stark vom staatlichen Fernsehen beeinfluss ist unbegründet. Ein friedliches und schleuniges Ende des Machtkampfes in Syrien ist jedoch vonnöten, damit nicht radikalislamische, ausländische Kräfte sich im Land ausbreiten und die Revolution für ihre Zwecke missbrauchen können.
Eine militärische Intervention von anderen Staaten lehnt der Großteil der Christen ab.
Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass eine solche Intervention sehr wahrscheinlich vom türkischem Militär erfolgen würde. Dies würde vor allem der sunnitischen Bevölkerung zu gute kommen, da sich die Türkei in letzter Zeit als „sunnitische Schutzmacht“ der Region darstellt. Dies machte Kamal Sido im August 2011 bei einem Treffen mit Markus Löning, dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung deutlich. Ein eingreifen des türkischen Militärs wird vor allem von Seiten der Muslimbruderschaft gefordert.
Der christlich-syrische Oppositionelle Michel Kilo der gegen eine ausländische Intervention ist sieht auch die Free Syrian Army kritisch: „Die Free Syrian Army wird durch ihre Aktionen das Land in Chaos stürzen, sie sind nicht im Stande die reguläre Armee zu bezwingen. Bei ihre Aktionen erhalten sie nicht die Unterstützung aller Bevölkerungsgruppen“. Die FSA ist der Zusammenschluss der übergelaufenen Soldaten zu den Demonstranten.
Christen machen in Syrien etwa 10% der Bevölkerung aus, etwa 2,5 Millionen Menschen und sind damit die zweitgrößte Minderheit nach den Kurden.

Die GfbV fordert die Bundesregierung zu verschärften Aktionen gegen das Regime auf und macht sich für eine friedliche Lösung des Protestes stark. Sie fordert die Einberufung einer internationalen Konferenz zur Lösung des Konfliktes.

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