Unterdrückung indigener Interessen im Urlaubsland Panamá

Während auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin Panamas Schönheit gepriesen wurde und die Besucherzahlen des Landes kontinuierlich ansteigen, gehen die Proteste Indigener gegen Rohstoffabbau und alternative Energieprojekte in deren Gebieten weiter – größtenteils unbemerkt und unbeachtet von der Weltgemeinschaft. Panama gilt als eines der fortschrittlichsten Länder Lateinamerikas und ist derzeit das Land mit dem größten Wirtschaftswachstum in der Region – und doch kommt es von Seiten der Regierung immer wieder zur Diskriminierung gegen Indigene. Erst im Februar und März 2012 kam es im Westen Panamas zu erneuten Ausschreitungen zwischen indigenen Aktivisten und staatlichen Sicherheitskräften.

Mitglieder der Ngäbe-Buglé, eines der sieben indigenen Völkers Panamas, blockierten eine Woche lang einen Abschnitt der Panamericana. Damit drückten sie ihren Unmut gegen den geplanten Kupferabbau am „Cerro Colorado“ sowie ein geplantes Wasserkraftprojekt in ihrer Comarca (indigene Provinz) aus. Sie forderten die Einhaltung eines Gesetzes, das den Rohstoffabbau sowie die Nutzung erneuerbarer Energiequellen innerhalb ihrer Comarca verbietet. Das Gesetz wurde im Januar kurzerhand von der Regierung außer Kraft gesetzt, woraufhin sich die Ngäbe-Buglé zum Widerstand entschieden.

Nach einer Woche friedlicher Proteste ließ die Regierung Martinelli die Blockade am Sonntag, 05.02.12, von Polizisten räumen. Bereits zwei Tage zuvor wurden Lebensmittel- und Wasserlieferungen in die Region verhindert und die Regierung beauftragte Telefongesellschaften, ihre Leitungen dort zu sperren. Bei der Räumungsaktion wurde Tränengas eingesetzt und als die Polizei begann, in die Menge zu schießen, kam es zu Ausschreitungen. Ein indigener Demonstrant, Jerónimo Rodríguez Tugri, wurde dabei von einem Schuss in seinen Brustkorb getötet. Außerdem wurden selbst minderjährige Demonstranten festgenommen. Um die Auflösung des Protests sowie die Gewaltanwendung zu rechtfertigen, argumentierte die Regierung mit der Geiselnahme von Touristen seitens der Indigenen. Dies war jedoch frei erfunden. Die Touristen steckten „nur“ in der Straßensperre fest. Im gesamten Land kam es zu Solidaritätsbekundungen und -veranstaltungen, sogar im benachbarten Costa Rica wurde vor der panamaischen Botschaft protestiert. Zwei Tage nach den gewaltsamen Ausschreitungen forderten die Proteste ein zweites Todesopfer. Der 16-jährige Mauricio starb bei einer Explosion. Nach offiziellen Angaben ist das zweite Todesopfer an einem Ort gestorben, wo zuvor Jugendliche festgenommen wurden, die Molotow-Cocktails bauten. Andere Quellen behaupten, der Junge sei von einer Bombe getötet worden, die von einem Polizisten geworfen wurde und sein Gesicht traf.

Während der Verhandlungen in der Nationalversammlung am 02. März 2012 kam es erneut zu Auseinandersetzungen. Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein und schossen mit Schrot und Gummigeschossen auf die Jugendlichen, die vor der Nationalversammlung protestierten. Dabei wurden vier Jugendliche verletzt. Der Chef der Sicherheitskräfte sagte aus, dass es die indigenen Jugendlichen gewesen seien, die das gewaltsame Vorgehen provozierten – sie hätten unter Alkohol und Drogen gestanden. Eine Aussage, die viele Panamaer an eine Aussage José Raúl Mulinos (Minister für Sicherheit) erinnert: Im Juli 2010 streikten Bananengewerkschaften, woraufhin er die Streikenden als „indios borrachos“ und „indios narcotizados“ bezeichnete – also betrunkene bzw. narkotisierte Indios, wobei der Begriff „Indio“ selbst schon eine Beleidigung Indigener darstellt.

Auf Forderung der Indigenen wurde daraufhin ein neuer Verhandlungsort gesucht und Präsident Ricardo Martinelli beteiligt sich nun an den Verhandlungen. Im Haus der Vereinten Nationen wird dieser schwierige Dialog fortgeführt. Am 05. März – einen Monat nach den ersten gewaltsamen Ausschreitungen – wurden erste Teilerfolge erreicht. Das Wasserkraftprojekt Barro Blanco, das an der Grenze der Comarca Ngäbe-Buglé liegt, wurde temporär eingestellt. Ein unabhängiges Gutachten soll den Einfluss auf die Umwelt klären. Außerdem sollen die bereits ausgestellten und gültigen Konzessionen zur Erkundung und dem Abbau von Rohstoffen annulliert werden. Dies soll innerhalb der Comarca und in ihrer Umgebung gelten. Zukünftige Wasserkraftprojekte sollen die Zustimmung des General-, Regional- sowie Lokalkongresses erfordern und dem regionalen, lokalen und dem Wahlkreis der Comarca zum Referendum vorgelegt werden. Zudem einigte man sich darauf, dass das Recht der Comarca auf eigene Bestimmung der Nutzung der erneuerbaren natürlichen Ressourcen in ihrem Gebiet anerkannt wird. Die Verhandlungen werden nach einer kurzen Pause zur Feier des 15-jährigen Bestehens der Comarca Ngäbe-Buglé am 12. März weitergeführt.

Unter dem Cerro Colorado werden etwa 17,5 Mio. Kilogramm Kupfer vermutet – bei einem derzeitigen Kupferpreis von ca. 8,5 US$ pro Kilo ein durchaus rentables Geschäft. Der Hügel gilt als die zweitgrößte Kupfermine Lateinamerikas. In Verhandlungen erklärte sich die Regierung bereit, auf deren Ausbeutung verzichten zu können – auf das Wasserkraftprojekt besteht die Regierung Martinelli jedoch. Für die ansässige Bevölkerung würde dessen Ausbeutung jedoch zahlreiche negative Folgen mit sich bringen: Umsiedlung aus ihrem angestammten Gebiet, Umweltverschmutzung, Wasserverschmutzung und –knappheit und damit auch die Gefährdung der Landwirtschaft.

Bereits das dritte Jahr in Folge kam es in Panama zu Gewaltausschreitung seitens der Regierung gegen Teile der eigenen Bevölkerung. 2010 streikten Bananenarbeiter in der Provinz Bocas del Toro gegen das „Gesetz Chorizo“, welches soziale Rechte von Arbeitern sowie den Umweltschutz ins Aus befördern sollte. Infolge der brutalen Aufstandsbekämpfung der Regierung kamen mehrere Menschen ums Leben und Hunderte wurden verletzt. An dem Widerstand beteiligten sich Arbeiter, Studierende und Bauern sowie ein großer Anteil der indigenen Bevölkerung. Im Januar 2011 entfachte in einem Jugendgefängnis Feuer. Die größtenteils indigenen Jugendlichen erlitten dabei schwerste Verletzungen nicht nur der Haut, sondern auch der inneren Organe. Die Wachleute sahen zu ohne einzuschreiten. Im Gegenteil: sie sagten zu den Jugendlichen, dass sie einfach sterben sollten (¿agua, no son hombrecitos? ¡Muérete! – Übers.: Wasser, seid ihr keine Männer? Stirb!). Als sie endlich befreit wurden, wurden sie teilweise trotz ihrer hochgradigen Verbrennungen zusätzlich vom Sicherheitspersonal geschlagen. Auf Videos ist außerdem zu sehen, wie Wachleute Tränengas in das Gefängnis werfen. Ein rassistischer Kurs des Präsidenten Ricardo Martinelli gegen Indigene ist bei diesem sich wiederholenden Muster kaum zu leugnen.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker appelliert an die OAS, Menschenrechtsbeobachter nach Panama zu schicken. Deren Ziel sollte die Beobachtung des aktuellen Verhandlungsprozesses zwischen indigenen Vertretern und der Regierung sein. Zusätzlich sollte die Aufklärung solcher Geschehnisse beobachtet werden, um diese zukünftig zu verhindern. Eine Verschleierung der Realität durch die Regierung muss unmöglich gemacht werden.

 Verfasst von: Martina Blindert

Quellen (Spanisch und Deutsch):

http://latina-press.com/news/121261-itb-2012-reisende-entdecken-die-sieben-zwerge/ vom 11.03.12, abgerufen am 12.03.12.

http://panamaprofundo.wordpress.com/2012/03/02/comunicado-posicion-frente-a-los-sucesos-de-hoy-y-las-acciones-a-seguir/ vom 02.03.12, abgerufen am 12.03.12.

http://www.prensa.com/impreso/panorama/el-dialogo-logra-varios-acuerdos/69669 vom 06.03.12, abgerufen am 08.03.12.

http://latina-press.com/news/118339-ein-toter-und-verletzte-bei-protesten-in-panama/ vom 06.02.12, abgerufen am 07.02.12

http://otramerica.com/radar/panama-el-dia-en-que-el-gobierno-se-olvido-de-los-derechos-humanos/1477#!prettyPhoto[1477]/13/ vom 05.02.12, abgerufen am 08.02.12

http://alainet.org/active/52641 vom 07.02.12, abgerufen am 08.02.12

http://otramerica.com/opinion/panama-la-lucha-del-pueblo-ngabebugle-contra-mineras-e-hidroelectricas/1513 vom 07.02.12, abgerufen am 13.02.12

http://amerika21.de/analyse/4321/panama-sozialer-widerstand vom 17.07.2010, abgerufen am 13.03.2012.

http://old.kaosenlared.net/noticia/abominable-infierno-carcel-menores-panama-vea-documental-denuncia-mund vom 15.01.11, abgerufen am 13.03.12.

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Ein Gedanke zu “Unterdrückung indigener Interessen im Urlaubsland Panamá

  1. […] gegen den Rohstoffabbau sowie ein Wasserkraftwerk innerhalb ihrer Comarca demonstriert (siehe https://gfbvberlin.wordpress.com/2012/03/13/unterdruckung-indigener-interessen-im-urlaubsland-panama/). Eines der beiden Abkommen macht den Bau des Wasserkraftwerks von der Überarbeitung der […]

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