Reisen zu den Roma (Buchbesprechung) & Basta Mafia (CD von Zdob si Zdub)

„What city what country is this stage I am on?“ Eine immer wieder gestellte Frage unter Sinti und Roma. Diese Frage stellt Roman Iagupow in seinem Lied „Gypsy Life“ aus dem neuen Album „Basta Mafia“ von Zdob si Zdob. Diese eigentlich moldavische Band schafft es mit ihrer crossover-Musik und experimentellen Ansätzen der klassischen Roma-Musik neue Impulse zu geben. So ist Zdob si Zdob (ein wahrhaft schwierig auszusprechender Zungenbrecher!) mehr als nur eine Folk-Band, sondern bedienen auch Ska, Elektro oder Hard Rock. Mit ihrem leicht exzentrischen Auftreten zeigen die Musiker, welche Grenzgägner sie sind.

Der Name ihres Albums spielt auf ihre Wurzeln in der früherern Sowjetunion an, aus deren Überresten scheinbar eine neue „Supermacht“ (die der Unterwelt) entstanden sein soll. Solch leichte Ironie trifft den Hörer in den verschiedenen Liedern immer wieder. Einigen eingefleischten Fans des Eurovision Song Contest dürften die moldavischen Ethno-Rocker bekannt sein, da sie letztes Jahr in Düsseldorf mit ihrem Lied „So lucky“ immerhin den zwölften Platz belegten. Dabei sind sie in ihrem ironischen crossover nicht unbedingt mainstream-tauglich. Das ganze Werk „Basta Mafia!“ daf man durchaus als vielseitig bezeichnen. Letztlich zeigt dies, wie der Übergang von Rock, Electro, Reggae, Ska und unterschiedlichen Ethno-Elementen gelingen kann. Letztlich ist diese bunte Mischung sicherlich gewöhnungsbedürftig, liesse sich aber auch gut im Radio spielen. Die CD erschien beim Berliner Independent-Label „Asphalt Tango“.

Wer sich darüber hinaus mit dem Schicksal der in Europa bedrängten Roma-Minderheit interessiert, sei auf Alain Kelers Reportageband „Reise zu den Roma“ verwiesen. Auch dies passt nicht unbedingt in ein herkömmliches Comic-Genre. Eher ist es eine bunte Mischung aus Comic, Dokumentation und Sachbuch mit Photo-Collagen und Schnappschüssen, bei denen sich Schwarz-Weiß-Photos wechseln mit bunten Malereien. Keler gelingt es eindringlich, sowowhl im Kosovo wie auch in Italien oder Frankreich einen eindringlichen Hilferuf an das europäische Gewissen zu formulieren. Dabei dringt er tief in die Welt dieser bedrängten Minderheit ein. Er sieht und dokumentiert die oft elenden Siedlungen und gibt dabei seinen „Kamera-Objekten“ eine eigene Würde, eine eigene Geschichte. Reisen zu den Roma ist eine Comic-Reportage im erweiterten Sinn. Anders als bei Joe Sacco, der mit seinen Arbeiten über Palästina und Bosnien dieses Genre begründet hat, wird hier nicht bloß eine journalistische Recherche in Zeichnungen übersetzt. Es ist ein lesenswerter, eindringlicher Appell für und mit Roma und ist umso stärker zu empfehlen. Erschienen in der schweizerischen Edition Moderne.


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