„Die Rosen von Sarajevo“ (Barbara Demick)

Wer bei diesem Buchtitel glaubt, es gäbe in Sarajevo inzwischen größere Rosenzuchten, täuscht. Bei den „Rosen Sarajevos“ handelt es sich schlichtweg um eine Erinnerungskultur an die Schicksale von Bürgern der bosnischen Hauptstadt, die in den 90er Jahren gewaltsam ums Leben kamen. Ähnlich den deutschen Stolpersteinen, mit denen der Kölner Bildhauer Gunter Demnig an die Opfer der NS-Zeit erinnert, indem er vor ihrem letzten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir verlegt. „Rosen von Sarajevo“ ist fast schon ein Hohn, beschreibt aber den einfühlsamen Umgang der Bürger Sarajevos, die damit die Granaten-Krater mit rotem Harz markiert, um daran zu erinnern, dass an dieser Stelle ein Mensch zu Tode kam. In diesem Sommer erschien dazu ein eindrucksvolles Portrait von Barbara Demick, über das die Washington Post schreibt: „Wenn Sie nur ein Buch über die Tragödie des Bosnienkrieges lesen können, sollte es dieses sein.“ Recht haben sie!

„Die Rosen von Sarajevo“ beschreibt am Schicksal der Bewohner einer einzigen Straße – der Logavina, einer heutigen Flaniermeile – die bis heute andauernden Folgen des ethnisch begründeten Mordens. Die Autorin hat den Kriegsalltag beschrieben, indem sie sich eine einzige, kleine, scheinbar beliebige Straße, die Logavina, genommen und deren Bewohner begleitet und zu Wort kommen lässt. Allein in der Logavina starben 43 Menschen durch Kugeln und Granaten. Bei Lektüre des Bandes wird eines sehr plötzlich und unmittelbar: wenn einer der Anwohner ausruft „Sie schiessen auf uns, als wären wir Tauben“ (gemeint die serbischen Scharfschützen), läuft es dem Leser sofort kalt den Rücken runter. „Die Rosen von Sarajevo“ sind nicht „nur“ ein schrecklich anschauliches Buch über das Leben im Krieg, sondern auch darüber, dass es nicht allein an den „normalen“ Menschen liegt, ob sie miteinander auskommen: letztlich zeigt es, wie erfindungsreich Menschen sein können bei der Organisation von Lebensmitteln, wenn der Gang zum Markt lebensgefährlich wird. Kaffee aus gerösteten Linsen, „Schnitzel“ aus altbackenen Brot und Gemüseanbau in minenverscheuten Ruinen – Demicks Bericht ist nichts für schwache Nerven.

Mit ihrem eindrücklichen Tatsachenbericht entreisst Demick die Toten der Vergessenheit – aber auch die Wunden derjenigen, die heute dort noch leben und unter den Kriegstraumata leben müssen. In diesem Kriegstagebuch beschreibt Demick, wie sehr das frühere „Jerusalem Europas“ unter den Folgen des Bürgerkriegs leiden muss – die Narben von damals können mit rotem Harz sicherlich „gestopft“ werden. Ob sie aber heilen werden, darf nach der Lektüre dieses Bandes bezweifelt werden.

Der durchaus lesenswerte Band ist im Droemer-Verlag erschienen und kostet 19,99 Euro. Absolut empfehlenswert!

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