Eine gelungene Völkerverständigung sieht anders aus.

Verfasst von Sergej Prokopkin

 

Je weiter die sowjetische Vergangenheit in Vergessenheit gerät, desto häufiger höre ich Berichte über das rosige Leben in der über 60 Jahre angedauerten, sozialistischen Diktatur. Das Wort „Völkerverständigung“ kommt dabei oft zum Vorschein und schmückt die sowjetische Migrations- und Integrationspolitik. Denn angeblich alle „Brüder und Schwestern“ des Riesenreiches hatten sich lieb. Schaut man allerdings genauer hin, sieht man die Schattenseite des Vielvölkerstaates. Und damit meine ich nicht die Extremen der menschenverachtenden Politik der Sowjetunion, wie Repressionen, Zwangsumsiedlungen, Vertreibungen und Unterdrückungen, sondern den sowjetischen Alltag, der von Alltagsdiskriminierungen und Schikanen begleitet wurde. Dabei fällt besonders auf, wie die Hierarchien in der Gesellschaft durch Vorurteile und Klischees aufrecht erhalten wurden und wie unkritisch damit umgegangen wird.

Während meines Praktikums bei der Gesellschaft für bedrohte Völker beschäftige ich mich mit den kaukasischen Völkern,  die schon immer ein Dorn im Auge, zuerst des zaristischen Russlands, später der Sowjetunion waren. Die Vorurteile über die „Kaukasier_innen“ (Кавказцы) sind in der russischen Gesellschaft tief verankert und die Versuche des  sowjetischen Politapparats während des Stalin-Regimes sie ins Positive zu rücken, scheiterten und brachten neue Vorurteile mit sich. Dies spiegelt sich deutlich in der Filmlandschaft der Sowjetunion, wo das Bild eines Menschen aus dem Kaukasus vom rachesüchtigen Krieger, einer exotischen Schönheit bis zum Kleinkriminellen, Trinker oder Schürzenjäger reicht. Dabei dürfen große Schnurrbärte und starker Akzent nicht fehlen.

 

Daisy Sindelar und Margot Buff von Radio Free Europe/Radio Liberty haben in ihrem Videoclip „Prisoners Of A Stereotype: Caucasians In Russian Film“ deutlich dargestellt, welche Wandlung die Vorurteile und Klischees über die Menschen aus dem Kaukasus während der Sowjetzeit vollzogen haben. Anfang der zwanziger Jahre, zur Geburtsstunde der Sowjetunion, erscheinen die Bürger_innen aus dem Kaukasus noch als wildes Volk, kaltblutig und unbeugsam auf den schwarz-weißen Bildschirmen. Mit der Machtübernahme Stalins, der selbst aus dem Kaukasus stammte, sollten die kaukasischen Völker nicht nur durch Repressionen, sondern auch durch ein positives Bild im sowjetischen Film zu „besseren“ Menschen gemacht werden, dem ging der Anführer selbst mit einem guten Beispiel voran. Während des Zweiten Weltkrieges war die Unterstützung aus dem Kaukasus für die sowjetische Armee unverzichtbar. Dafür wurde dem Image der Kaukasier_innen im sowjetischen Film ein neuer Glanz verpasst, so dass aus den Widerstandskämpfer_innen gegen die sowjetische Herrschaft die Widerstandskämpfer_innen gegen den Faschismus wurden. Nach Stalins Tod wurden im sowjetischen Film Versuche unternommen, den kaukasischen Kriegern die Waffen ganz aus den Händen zu nehmen und sie durch Hornbecher zu ersetzen. Dabei wurden die Kaukasier zu Trinkern deformiert. Die ehemalige Unbeugsamkeit wurde zur primitiven Aggressivität, die im kleinkriminellen Milieu üblich war. Der Akzent wurde ins Lächerliche gezogen und sprach den Menschen hohe intellektuelle Leistungsfähigkeit automatisch ab. Die Bräuche und Sitten wurden aus dem Zusammenhang gerissen und als exotisch und rückständig dargestellt, dabei kehrte das Bild von „wilden“ Völkern wieder auf den Bildschirm zurück, jedoch diesmal ohne jeglichen Widerstand.

Die Auswirkungen solcher Propaganda haben in der Gesellschaft tiefe Spuren hinterlassen. Denn das Bild der Kaukasier_innen, als Menschen  „zweiter Klasse“, Separatist_innen oder Kleinkriminellen wurde in der sowjetischen Bevölkerung stark verinnerlicht. Anfang der neunziger Jahre hat es Jelzin keine Mühe gekostet, das Feindbild „Kaukasier“ aus der Mottenkiste zu holen, um einen heftigen Widerstand gegen die kaukasische Bevölkerung in Russland zu entflammen und den ersten Tschetschenienkrieg anzufangen. Präsident Putin verschärfte die Lage durch seine menschenverachtende Rhetorik deutlich, zog in den zweiten Tschetschenienkrieg und erhielt dabei eine breite Zustimmung im eigenen Land. Der Boden für die ethnischen Konflikte, die Russland in den neunziger Jahren erschüttert haben und teilweise noch bis heute andauern, war, meiner Meinung nach, nicht durch die junge Demokratie bereitet, der angeblich eine „starke Hand“ fehlte, sondern durch das Erbe eines Repressionsstaates – der Sowjetunion. Vielleicht gab es eine „Völkerverständigung“ in der sowjetischen Gesellschaft,  in der die kleineren Völker dem russischen untergeordnet waren und jeglicher Freiheitsgedanke mit verheerender  Gewalt unterdrückt wurde, aber eine gelungene Völkerverständigung sieht anders aus!

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