11-jährige in Pakistan der Blasphemie beschuldigt


Seit nun mehr als 14 Tagen befindet sich die 11-jährige Ramsha Masih in Untersuchungshaft im Adiala-Gefängnis in Rawalpindi, eine Stadt in der Nähe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad.
Grund ihrer Inhaftierung am 17. August 2012 war die Beschuldigung eines Anwohners, einige Seiten eines Lehrbuches verbrannt zu haben, mit dem Kindern das Lesen des Korans beigebracht wird. Diese Seiten, auf denen einige Koranverse abgebildet gewesen sein sollen, befanden sich in einer Mülltüte, die das Mädchen verbrannte.

In dem besagten Adiala-Gefängnis sind Hauptdelikte unter den dort auch inhaftierten Jugendlichen Mord, Diebstahl, Raubüberfall und Drogenhandel. Gleichwohl gilt in Pakistan ein Kind bereits mit dem Alter von 7 Jahren als strafmündig. Bis zum 18. Lebensjahr werden Straftaten nach Jugendstrafrecht verhandelt. Jugendliche haben so im Vergleich zu Erwachsenen keine Todesstrafe zu erwarten. Jedoch ist lebenslange Haft nicht ausgeschlossen.

Eben diese Strafe hat jetzt das 11-jährige Mädchen, die dem Christentum zugehörig ist und einigen Berichten zufolge am Down-Syndrom leidet, wegen Gotteslästerung zu erwarten.

Nach der Unabhängigkeit Pakistans 1947 wurde mit der ersten Verfassung vom 23. März 1956 Pakistan zur ersten islamischen Republik der Welt. Der Islam wurde als Staatsreligion festgeschrieben. Davon abgeleitet müssen alle erlassenen Gesetze mit dem Islam konform sein und dürfen dessen Lehre folglich nicht widersprechen, sondern sollten stets zum Schutz und Stärkung des Glaubens dienlich sein. Die Verfassung verlangt des Weiteren, dass jeder Präsident und Ministerpräsident Muslim ist und ebenso jedes Parlamentsmitglied, ungeachtet seiner Religion, einen Schwur leistet, die islamische Identität des Landes zu bewahren.

Nach kurzen demokratischen Phasen, wurde das politische System während der Militärdiktatur (1977-1988) unter Muhammad Zia ul-Haq zunehmend „islamisiert“, sodass jeglichen islamischen Institutionen mehr Einfluss und politische Mitsprache zuteil wurden. Insbesondere wurde die Scharia wieder eingeführt und 1986 das Blasphemiegesetz erlassen, welches bis heute einen maßgeblich prägenden Charakter auf allen gesellschaftlichen Ebenen erreicht.

In der ursprünglichen Form basierte das Blasphemiegesetz auf dem Strafgesetz zu Zeiten der indischen Kolonialzeit und sollte Toleranz und Respekt gegenüber allen Religion sichern. Doch ab 1986 wandelte sich diese Norm. Das Blasphemiegesetz sieht nun lebenslange Gefängnisstrafen für jeden vor, der willentlich eine Kopie des Korans schändet, beschädigt oder auf eine andere Art und Weise entweiht. Für die Beleidigung, Leugnung oder jegliche direkte oder indirekte Bemerkung, durch die der Prophet Muhammad unwürdig behandelt oder in Frage gestellt wird, steht die Todesstrafe. Ein bloßer Verdacht auf Gotteslästerung ist dabei für eine Verurteilung ausreichend und findet sowohl bei Muslimen als auch anderen Glaubensanhänger Anwendung. Zusätzlich sieht das Gesetz aber auch einen formellen Schutz anderer Religionen vor. Dennoch wird es international immer heftig kritisiert, da augenscheinlich die religiösen Minderheiten in Pakistan stark durch diese Gesetzesbestimmungen diskriminiert und eingeschränkt werden.

In Pakistan leben schätzungsweise 190 Millionen Menschen, davon sind 95 % Muslime, dessen Anteil sich genauer zusammensetzt aus 75 % Sunniten und 25 % Schiiten. Ungefähr 3,5 Millionen Menschen sind Ahmadiyya-Muslime. Die restlichen 5 % repräsentieren Christen, Hindus, Parsen, Bahai´s, Sikhs, Buddhisten. Die Ahmadiyya unterliegen in Pakistan besonders starker Diskriminierung, da es ihnen gesetzlich verboten wurde, sich als Muslime zu bezeichnen und sich als eine Religionsgemeinschaft des Islams zu betrachten. Mit der Verfassungsänderung 1974 wurden die so genannten „Anti-Ahmadi Gesetze“ implementiert, wodurch diese praktisch entrechtet wurden. Denn die Ahmadiyya-Bewegung versteht sich als eine pazifistische islamische Reformbewegung, die die Wiederherstellung der ursprünglichen Lehre des Islams fordert. Diese wird von der sunnitischen Mehrheit jedoch als Irrlehre aberkannt und ermächtigt diese zur Durchsetzung der Gesetze. Folglich ist den Ahmadiyya nicht gestattet, ihren Glauben weiter zu verbreiten noch auszuleben. Es ist ihnen ebenfalls nicht erlaubt, eigene Publikationen zu veröffentlichen, auf Pilgerreise zu gehen oder Versammlungen abzuhalten. Oft werden sie auch zu Opfern religiöser Gewalt durch sunnitische Extremisten,die öffentlich Hasstiraden propagieren und zur Ermordung der Ahmadiyya aufrufen. Gewaltsame Übergriffe bleiben meist ohne strafrechtliche Folgen. Ahmadiyya wurden außerdem aus allen hohen Ämtern entlassen und haben auf ihren Pässen und Ausweisen eine Kennzeichnung als Nicht-Muslime bekommen. Gleichzeitig müssen aber alle Einwohner ihre Konfession auf diesen Dokumenten angeben.

Den anderen oben genannten religiösen Minderheiten werden ein wenig mehr Freiheiten gestattet, solange sie anerkennen, keine Muslime zu sein und nicht gegen den Islam predigen. So dürfen religiöse Symbole und verschiedene Bücher publiziert und verkauft werden, nachdem sie die staatliche Zensur durchlaufen haben. Jedoch fürchten auch sie die willkürliche Anwendung des Blasphemiegesetztes, tätliche Angriffe und Zerstörung ihrer Gotteshäuser. Ebenso haben sie gemein, dass Diskriminierung und Benachteiligung beim Zugang zu Arbeitsplätzen und Bildungssystemen Normalität ist und Übergriffe gegen sie nur sehr unzureichend durch die zuständigen Behörden geschützt und strafrechtlich verfolgt werden.

Hindus und Sikhs beklagen außerdem, dass ihre Hochzeiten staatlich nicht anerkannt werden, da in Pakistan nur Hochzeiten von muslimischen Paaren anerkannt und amtlich beglaubigt werden. Dadurch erfahren vor allem Frauen große Benachteilung, da sie beispielsweise Schwierigkeiten haben Pässe zu beziehen oder einen ausreichenden Zugang zum Gesundheitssystem zu bekommen. Zusätzlich wurde häufig von Zwangskonvertierung berichtet, bei denen junge hinduistische Frauen entführt und mit muslimischen Männer zwangsverheiratet wurden. Dadurch gehören sie dann automatisch dem islamischen Glauben an.

Allerdings gibt es in der Nationalversammlung, als auch in den Provinzparlamenten eine formelle Partizipations- und Repräsentationsmöglichkeit für die religiösen Minderheiten. Von 342 Sitzen für die Abgeordneten der Nationalversammlung sind 10 Sitze für Vertreter von Minderheiten reserviert. Großer politischer Einfluss kann daher aber bezweifelt werden. Frauen werden im Übrigen 60 Sitze eingeräumt.

Zur Verbesserung der Lage der religiösen Minderheiten und zur Schaffung für mehr Toleranz wurde mittlerweile das Ministerium für „ National Harmony“ eingerichtet. Doch blieb deren Arbeit bis dato weitestgehend erfolglos, da es kaum über finanzielle Mittel verfügt, um adäquate Maßnahmen zur Besserung durchführen zu können.

Gleichzeitig hat sowohl die Regierung, als auch Privatpersonen, die sich für eine Stärkung der religiösen Minderheiten und insbesondere eine Abschaffung oder Reformierung des Blasphemiegesetztes einsetzen, unter großem gesellschaftlichen Druck zu leiden und mit Drohungen religiöser Fanatiker zu kämpfen. So wurde der ehemalige Leiter des Ministeriums für Minderheiten Shahbaz Bhatti ermordet und der ehemaligen Gouverneurs der Punjab-Provinz Salman Taseer durch seinen eigenen Sicherheitsangestellten erschossen, nachdem sich beide 2010 nach der Verurteilung einer Christin zum Tode wegen angeblicher Beleidigung des Propheten, für ihre Freilassung eingesetzt und grundlegende Reformen des Blasphemiegesetzes verlangt hatten.

Islamtreue Parteien verstehen es zudem, sunnitische Bevölkerungsteile zu mobilisieren und sich für den Erhalt des Gesetztes und ihrer Ideologie einzusetzen. Erschwerend kommt hinzu, dass Fundamentalisten und Verfechter des Blasphemiegesetztes seit her ein System aus Einschüchterung und Angst gegen jeden, der sich gegen dieses Gesetz und dessen geschaffene Ordnung erhebt, etabliert haben.

Durch den Glauben legitimiert, schrecken Teile der sunnitischen Bevölkerung auch nicht vor Selbstjustiz zurück und setzen Häuser in Brand oder prügeln Menschen wegen Gotteslästerung zu Tode noch bevor ein Urteil gesprochen wurde. Letzten Monat verbrannte so ein wütender Mob in Bahwalpur einen Mann, der auch wegen Blasphemie beschuldigt wurde.

Geachtet dessen, flohen nun nach der Verhaftung Ramsha Masihs viele ihrer Verwandten und andere in der Nähe lebenden Christen aus der Region. Nach einem BBC-Interview mit dem Minister für „National Harmony“ , Dr. Paul Bhatti, verließen etwa 600 Christen aus Angst vor Übergriffen Islamabad.

Führende Menschrechtsorganisationen fordern nun eine umgehende Freilassung des Mädchens und eine Verbesserung der Lage der religiösen Minderheiten in Pakistan.

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2 Gedanken zu “11-jährige in Pakistan der Blasphemie beschuldigt

  1. Überraschenderweise wurde nun am Samstag Abend der muslimische Geistliche Khalid Jadoon Chishti verhaftet, der von einem seiner Gemeindemitglieder beschuldigt wird, dem Mädchen absichtlich Seiten des Korans untergeschoben zu haben, um die Beweislast gegen sie zu verhärten und sicherzustellen, dass die christliche Gemeinde aus dem Stadtteil „verschwindet“. Bislang leugnet der Imam die Anschuldigungen. Er selbst ist bekannt als radikaler Mullah, der allgemein Hasspredigen gegen die religiösen Minderheiten führt und insbesondere in den letzten Wochen gegen Rimsha und die christliche Gemeinde hetzte.

    Ebenso wurde ein Gutachten veröffentlich, in dem das Alter des Mädchens auf 14 festgesetzt wird.
    Dieses besagt jedoch auch, dass ihr geistiges Alter weit unter dem liegt. Grund des Gutachtens war, dass das Mädchen, wie viele pakistanische Bürger aus den Armenvierteln, keine Geburtsurkunde besitzt und man nur die Angaben der Eltern zur Verfügung hatte, welche das Alter auf 11 bezifferten.

    Die Anhörung des Mädchens wurde bislang immer wieder verschoben und soll nun am 7. September stattfinden. Die Entwicklung bleibt abzuwarten.

  2. Ein Gericht in Islamabad hat heute entschieden, dass das Mädchen nach etwa 3 Wochen Haft auf Kaution frei gelassen wird. Die Ermittlungen gegen Khalid Jadoon laufen indes weiter.

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