Die schwierige Balance zwischen Integration und Identität

EU-Projekt zur Förderung des Dialogs zwischen Generationen kurdischer Migranten

Ein Gastbeitrag von Birgit Cerha, Nahost-Korrespondentin und Obmann-Stellvertreterin des Instituts Kurdologie Wien (Eichgraben), und Sevda Evcil, Gleichstellungsbeauftragte und Mitarbeiterin des Instituts Kurdologie Wien (Eichgraben)

Die größte Herausforderung für Millionen von Kurden, die vor Jahrzehnten in die EU immigrierten oder hier bereits geboren wurden, ist die Erhaltung der Identität bei gleichzeitiger Integration in eine völlig andere Kultur. Hier die richtige Balance zu finden, stellt viele kurdische Migranten vor enorme zwischen Angehörigen der verschiedenen Generationen jedoch sehr unterschiedliche Probleme.

Dieser Thematik haben sich vier kurdische Institutionen in Europa in einem von der EU geförderten Projekt „Lebenslanges Lernen/Grundtvig“ zwei Jahre lang gewidmet. Das Projekt „Geschichten meiner (Groß-)Eltern“ hatte sich das Ziel gesetzt, durch eine Förderung des Dialogs zwischen den Generationen kurdischer Migranten einen Lernprozess einzuleiten, der zur Stärkung der Integration bei gleichzeitiger Erhaltung der ethno-kulturellen Identität führt. Das Ergebnis der Arbeit der Organisationen “Koerdisch Institutuut VZW“ in Belgien,  „Internationaler Verein für Frieden und Gerechtigkeit – Pro Humanitate e.V.“ in Deutschland, „Institut für Kurdologie“ in Österreich und „Kurdiska Institutet“ in Schweden liegt nun vor.

Unabhängig voneinander haben die vier Organisationen auf der Basis dieses Konzepts an die 60 Interviews mit kurdischen Migranten-Familien geführt.  Das in Eichgraben bei Wien ansässige österreichische „Institut für Kurdologie“ unter Leitung von Prof. Dr. Jalile Jalil  legte bei den Interviews besonderes Gewicht auf die Erzählungen der älteren Generation aus dem reichen Schatz ihrer Jugenderinnerungen in der Heimat, die Lebenseinstellung der Eltern und Groß- ja mitunter auch Urgroßeltern, die Traditionen, die diese weitergaben und die Einbindung dieser Lebenserfahrungen in das historische Geschehen  jener Zeit, das Schicksal des kurdischen Volkes. Beispiele wurden gesucht und gefunden, die das Verständnis der jungen kurdischen Generation, aber auch der neuen europäischen Mitbürger für die komplexe, schwierige Vergangenheit der Kurden fördern, Klischees und Vorurteilen gegenüber den Kurden in ihren neuen Heimatländern entgegenwirken.

So konnten in den Interviews Beispiele von Menschen vor allem im irakischen Kurdistan festgehalten werden, die, wiewohl voll Stolz auf ihre Traditionen und ihre Identität offenherzig und liberal waren und schon vor hundert Jahren etwa ihren Töchtern dieselben Chancen gaben sich zu bilden und sich selbst zu verwirklichen, wie den Söhnen – dies zu einer Zeit, da eine solche Haltung in Europa, im Westen insgesamt, keine Selbstverständlichkeit war.  So manche Kurden aus der Türkei fanden ihre kurdische Identität erst in Europa, wo sie begannen, ihre in der Heimat verbotene Muttersprache zu lernen, sich für ihre Kultur und für das Schicksal ihres daheim unterdrückten Volkes zu engagieren, wo sie überhaupt erst begriffen, welch massivem Druck ihre Familien in der Heimat ausgesetzt waren.

Eindrucksvolle Beispiele von Integration wurden festgehalten, wie jenes eines iranischen Kurden, der als Peshmerga im Kampf gegen die Soldaten des iranischen Revolutionsführers Khomeini 1979 schwer verwundet wurde, kompetente medizinische Hilfe aber erst nach vielen Tagen erhielt, sodass ein Bein vom Knie weg amputiert werden musste. Er kam mit anderen Schwerverwundeten nach Österreich, um medizinisch betreut zu werden, gründete hier eine Familie mit inzwischen drei Kindern und setzte in vorbildhafter Weise seine eigene Tragödie um in Hilfe für andere. Er bildete sich zum Spezialisten für Prothesen aus und steht Schicksalsgenossen mit Rat und Tat zur Seite, um ihnen das Leben zu erleichtern. Diese Hilfe, für die er Kraft aus eigener bitterer Erfahrung schöpft, erfüllt sein Leben in der neuen Heimat Europa.

Junge, in Europa geborene oder als kleine Kinder mit ihren Eltern immigrierte Kurden, die in Sicherheit und Freiheit in der neuen Heimat aufwuchsen, erzählten, wie sie dennoch durch das Leid ihrer Eltern und Verwandten traumatisiert sind. Die psychischen Nöte dieser Jugend illustrieren eindrucksvoll, wie die Traumen des kurdischen Volkes über Generationen weiter wirken.

Eine 28-jährige Kurdin aus der Türkei sprach von den tiefen Ängsten ihrer frühen Kindheit in türkisch-Kurdistan, von der Sorge um ihren Vater, der wie viele andere kurdische Väter in der Nachbarschaft immer wieder festgenommen wurde, weil er sich für die Rechte der Kurden in der Türkei engagierte und deshalb als „Terrorist“ abgestempelt wurde. „Man entwickelt deshalb (auch schon als Neunjährige) einen großen Hass“, erzählte die junge Frau, „denn man weiß ja, dass man kein Terrorist ist, doch man wird (vom Staat) gezwungen, den Status als Terrorist anzunehmen“. Die Verzweiflung wurde noch größer, wenn der Vater krank aus der Haft zurückkam und unter Nachwirkungen der Folter litt. So entschied sich das junge Mädchen schon als Kind, Jura zu studieren, um eines Tages ihren Vater verteidigen zu können. Heute setzt sie sich in der Gemeinde ihrer neuen europäischen Heimat ein im Kampf gegen jegliche Art von Diskriminierung.

Kurdische Mütter klagten über jahrelange quälende Isolation in der Migration, wo die Sorge um die mehrköpfige Familie ihnen lange die Möglichkeit verwehrte, die neue Sprache zu erlernen. „Heute“, sagte eine Mutter, quäle sie eine stete Angst um ihre Kinder, „die mit unterschiedlichen Kulturen leben“. Während „wir nur mit der eigenen Kultur den Alltag gestalten“, wüssten die Eltern nur wenig über das Leben der Kinder „draußen“ und könnten ihnen nicht beistehen, wenn ihnen etwas geschehe. „Meine größte Angst aber“, fährt die Mutter von Fünf fort, „ist, dass meine Kinder ihrer Kultur fremd werden und damit uns auch.“ Und diese Ängste werden von der europäischen Umwelt oft völlig ignoriert.

Unter jungen, in Österreich aufgewachsenen Kurden lässt sich ein bemerkenswerter gemeinsamer Trend feststellen: In ihrer Kritik an den Eltern etwa zeigte sich oft, dass sie die Denkweise ihrer europäischen Umwelt angenommen haben. Alle jungen Gesprächspartner betonten, dass sie gerne die in Kurdistan verbliebene Großfamilie besuchten und deren Herzlichkeit und Wärme oft in Europa vermissten, doch ein Leben im Herkunftsland ihrer Eltern ist ihnen unvorstellbar. Viele junge kurdische MigrantInnen  leiden unter einem gravierenden Mangel an Zugehörigkeit, fühlen sich weder als Teil ihrer neuen Heimat, noch jener ihrer Eltern.

Während die erste Generation der Migranten nach Aussagen einer ihrer Vertreterinnen „in der neuen Heimat“ meist sehr zufrieden ist, „weil wir die Hölle daheim durchlitten hatten und im Vergleich dazu die Probleme im Aufnahmeland bedeutungslos erschienen“, ist die zweite Generation, sind die hier Geborenen, völlig integriert, haben nicht das Gefühl „anders“ zu sein und „reagieren meist sehr empfindlich auf selbst kleine Zwischenfälle, die den Eindruck vermitteln, dass sie fremd sind“.

Irritierende Beispiele von Fremdenfeindlichkeit ziehen sich durch alle Interviews. Besonders stark betroffen sind dabei Kinder im Volksschulalter, die – heute Teenager – aus der Erinnerung sogar schockierende Erlebnisse von Rassismus durch Gleichaltrige erzählen. Ein 16-jähriges kurdisches Mädchen erinnert sich an ihre ersten Schuljahre, als Mitschüler sie aufforderten, ihre Hand auszustrecken, dann die eigene daneben hielten und voll Abscheu ausriefen: „Sieh wie braun du bist.“ Während Sechsjährige solche Gedanken aus ihrer familiären Umwelt übertrugen, blickten Lehrer weg. Ähnlich Verletzendes erlebten viele Interviewpartner.

Oft sind es gerade kurdische Männer, insbesondere aus dem Irak, die bei dem Versuch der Integration in Europa scheitern. Sie finden keine Arbeit und erleiden damit auch einen schweren Schlag in ihrem Selbstverständnis als Patriarch der Familie. Die Mütter hingegen verkraften den Existenzverlust leichter, weil sich ihr primärer Aufgabenbereich – Sorge um die Familie und die Kinder – auch in der Migration nur in praktischen Fragen, jedoch nicht prinzipiell ändert. Oft sind es die Frauen, die den Alltag, die Probleme mit den Behörden und den Kindern in den Schulen meistern und sich damit besser in der neuen Heimat integrieren. Die Väter sehnen sich hingegen nach ihrer traditionellen Rolle und ihren alten Aufgaben und nicht wenige irakische Kurden kehren deshalb nach Kurdistan, wo heute die dramatische Zeit der Repression Vergangenheit ist, zurück, während die Kinder in Europa bleiben wollen und die Mütter sich für sie entscheiden. Ehen werden auf diese Weise zerrissen.

Während nicht selten selbst intensive Versuche der Eltern, ihren Kindern die kurdische Identität zu vermitteln, fehlschlagen, lassen sich zahlreiche Beispiele von jungen KurdInnen festhalten, die sich stolz zu ihrer kurdischen Kultur bekennen und diese pflegen. Insbesondere jene, deren Familien aus der Türkei stammen klagen häufig über große Schwierigkeiten, die Muttersprache ihrer Eltern zu erlernen oder in der kurdischen Umwelt zu praktizieren. Sprach-Studienaufenthalte bei Verwandten in der Türkei erweisen sich als völlig Fehlschläge, da viele kurdische Familien trotz der jüngsten gesetzlichen Lockerungen des Sprachverbots es immer noch nicht wagen, Kurdisch zu sprechen oder der jüngeren, in der Türkei lebenden Generation überhaupt zu vermitteln. Denn immer noch lebt die Tendenz fort, nur Türkisch zu sprechen und die kurdische Identität lieber zu verheimlichen, um in Schule, an Universität oder bei der Arbeit „keine Probleme“ zu haben. In der neuen europäischen Heimat könnten die kurdischen Migranten zwar offen die Sprache ihrer Eltern erlernen, doch es fehlt ihnen häufig die Möglichkeit, sie auch insbesondere in Schrift zu praktizieren. „Wie können wir so unsere Muttersprache später an unsere Kinder weitergeben?“ Diese Sorge junger identitätsbewusster KurdInnen kam in vielen Interviews immer wieder zum Ausdruck.

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 13. September 2012 auf http://ikw-projekte.blogspot.co.at/.

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