Die Dom im Libanon: Diskriminiert und marginalisiert

von Hendrikje Alpermann

Die Dom-Gemeinschaften bilden in verschiedenen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens eine ethnische Minderheit. Auf Arabisch werden sie häufig als Nawar, Ghadjar, Ghorbat (Kurbati) bezeichnet. Diese Namen sind jedoch mit einer negativen Konnotation behaftet und stellen eine Fremdbezeichnung dar. Die Gruppen nennen sich selbst Dom.

Außer im Libanon sind sie in Jordanien, in den Palästinensischen Gebieten, in der Türkei, im Irak und im Iran in größerer Zahl zu finden. Die Sprache der Dom-Gemeinschaften ist Domari, wobei jede Gruppe ihren eigenen Dialekt spricht. Der Sprache werden Einflüsse des Farsi, des Arabischen und des Hindi-Dialekts Punjabi nachgesagt. Einige Historiker gehen davon aus, dass die Vorfahren der Dom als fahrende Künstler und Schausteller aus Indien Richtung Westen gewandert sind. Die Sprache wird innerhalb der Gemeinschaften mündlich überliefert, teilweise wird sie mit Hilfe des arabischen Alphabets transkribiert. Es gibt jedoch keinerlei Publikationen auf Domari. Die Sprache wird heute zunehmend durch Arabisch ersetzt. Dies hat auch mit der Diskriminierung innerhalb der arabischen Gesellschaften zu tun, die dazu führt, dass Dom sich nicht mehr als solche zu erkennen geben, sondern sich als Turkmenen, als Beduinen, als Libanesen oder Syrer vorstellen und ihre Kinder dazu anhalten, Arabisch zu sprechen.

Man geht davon aus, dass die Dom im Nahen Osten und in Nordafrika die gleiche Herkunft besitzen. Die Ethnie ist aber keine homogene Gruppe. Auch innerhalb des Libanon unterscheiden sich die einzelnen Familien oder Kleingruppen in ihren Anschauungen, ihren Bräuchen, ihrem Dialekt, ihrem Status in der Gesellschaft und ihren Lebensumständen.

Die Dom gehören unterschiedlichen Religionen an. Einige bekennen sich zum Islam, andere zum Christentum und wieder andere gehören keiner institutionalisierten Glaubensgemeinschaft an, sondern leben eine Art „Volksreligion“.

Die soziale Organisation der Dom basiert auf den Institutionen Familie und Stamm. Die Familie bildet dabei die Basis und mehrere Familien können sich zu einem Stamm zusammenschließen. Diesem Stamm steht ein „Scheich“ vor. Dieses Prinzip ist allerdings nicht überall zu finden und auch dort, wo es Tradition war, geht es heute zurück. Heute ist meist der Familienälteste der Entscheidungsträger.
Die Region des modernen Libanon und Syrien ist historisch gesehen ein Knotenpunkt verschiedener Migrationsrouten. Bis heute findet man auf diesen Wegen Gruppen, die zwischen dem Iran, dem Irak und Saudi-Arabien hin- und herwandern und sich nationalen Grenzen widersetzen.

Im Libanon leben Dom-Gemeinschaften v.a. in und um Beirut (z.B. in der Wellblechhüttensiedlung Hay al-Gharbeh zwischen dem Stadion und dem Shatila-Flüchtlingslager), in Jbail, Tripoli, Sidon, Tyros und der Bekaa-Ebene. Genaue Zahlen gibt es nicht, eine Studie von 2011 zählte 3.112 Dom in den Städten Beirut, Sidon und Tyros. Insgesamt leben etwa 8.000-12.000 Dom im Libanon. Seit 1994 ein neues Gesetz verabschiedet wurde, erhalten Dom die libanesische Staatsbürgerschaft (im Gegensatz zu Beduinen und Flüchtlingen). In Folge haben viele Familien ihre ursprünglich nomadische Lebensweise aufgegeben und leben heute sesshaft. Nur wenige reisen noch durchs Land und in der gesamten Region umher, um ihre gefertigten Waren wie Instrumente o.ä. zu verkaufen. Die meisten Dom arbeiten heute als Bettler, als Musiker bei Hochzeiten und Partys, als Wahrsager oder Tagelöhner. Viele Kinder verkaufen Blumen, Nüsse oder Süßigkeiten auf der Straße. Die Mehrheit der Dom gibt an, von weniger als einem Dollar am Tag zu leben. Damit liegen sie noch unter den palästinensischen Flüchtlingen im Libanon, die ebenfalls stark verarmt sind.

Seit der Einführung der Staatsbürgerschaft für Dom schicken immer mehr Eltern ihre Kinder in die Schule, weil sie als anerkannte Bürger nun einen Chance haben, aufgenommen und nicht etwa bestraft zu werden, wie es früher durchaus vorkam. Dennoch gehen bis heute mehr als 68% der Kinder nicht in die Schule. Der Zugang zu Bildung wird ihnen bis heute erschwert.

Die Lebensumstände der meisten Dom im Libanon ist äußerst besorgniserregend. Sie leben mehrheitlich in einfachen Wellblechhütten in Siedlungen am Rande der Stadt. Der libanesische Staat hat angekündigt, die Siedlungen abzureißen. Dann werden die Dom vertrieben und ihrer ohnehin bescheidene Existenz beraubt.

Die Dom haben in den Siedlungen, in denen sie leben, (fast) keinen Zugang zu Rechtsschutz, zum Gesundheitssystem, zu ausreichender Unterkunft und Essen. Oftmals gibt es keine Kanalisation und keine ausreichende Wasserversorgung. Besonders Kinder sind hierdurch gefährdet. Ausbeutung, Gewalt, Unterernährung, Kinderheirat, schlechte Arbeitsbedingungen, Diskriminierung bis hin zu Menschenhandel v.a. junger Mädchen sind Probleme, mit denen die Dom im Libanon konfrontiert sind.

Diese alltäglichen, überlebensgefährdenden Umstände sind auf eine extreme soziale Marginalisierung der Gruppen zurückzuführen. Die arabische Bezeichnung „Nawar“ steht in Verbindung mit den Attributen Dreck, Faulheit, Bettelei, und Unmoral. Die Dom werden von der Mehrheitsgesellschaft verachtet und ausgegrenzt. Die meisten Libanesen kamen noch nie mit der Dom-Gesellschaft in Verbindung und wissen über sie nur, was in den Straßen erzählt wird.

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