Indigene Repräsentanten bringen 20.000 Unterschriften für die Demarkierung ihres Landes nach Brasilia

CIMI-Pressemeldung, 04. 12. 2012. Am Dienstag, 4. DEZEMBER, sind 70 indigene Repräsentanten aus Mato Grosso do Sul und anderen Gegenden Brasiliens in Brasilia, um 20.000 Unterschriften der Kampagne „Ich unterstütze das Anliegen der Indigenen“ Vertretern der Regierung zu übergeben. Die Bewegung fordert die Demarkierung indigenen Landes, Ablehnung der Verfassungszusatzes Nr.215 (PEC 215) und Entscheidung aller dringlichen beim Obersten  Gerichtshof (STF) anhängigen Vorgänge, welche die Rechte indigener Völker betreffen. Die Unterschriften werden nach einer Demonstration, die von der Kommission für Menschenrechte und Minderheiten der Abgeordnetenkammer organisiert wurde, dem Obersten Gerichtshof,  dem Kongress und der Präsidentschaft übergeben.

Angesehene Menschenrechtler wie Noam Chomsky  und Edoardo Galeano sowie einige bekannte Brasilianer wie Wagner Moura und DJ Leonardo unterstützen die Kampagne, die auf eine Initiative des Indigenistischen Missionsrates CIMI und der Vereinigung der Richter für Demokratie AJD von Juni zurückgeht und  von Dutzenden indigenen Organisationen sowie indigenen und sozialen Bewegungen unterstützt wird. Der brasilianische Karikaturist Carlos Latuff hat der Kampagne die Karikatur „Ich unterstütze das Anliegen der Indigenen“ gewidmet. An der Demonstration werden Mitglieder des Dachverbands der  Indigenen Völker Brasiliens APIB und des Nationalrates für indigene Politik  CNPI teilnehmen.

 Mordopfer

Die größte indigene Delegation kommt aus Mato Grosso do Sul, direkt von der Aty Guassú, der Vollversammlung der Guaraní und Kaiowá, die zwischen dem 28. November und dem 2. Dezember stattgefunden hat. Dabei sind auch Genito und Walmir, die Kinder des ermordeten Kaiowá-Führers Nízio Gomez aus der Gemeinde Guaiviory, Ladio Veron, Sohn des 2003 ermordeten Marcos Veron, Lucine, Tochter von Häuptling Zezinho, dessen Ermordung nie untersucht wurde, Shatalim als Vertretung der Gemeinschaft von Ñu Vera, über deren Wiederinbesitznahme  das Bundesgericht gerade befindet, und Häuptlinge wie Eliseu von der Gemeinschaft Kurusu Ambá, die mit dem Tode bedroht werden. Ebenfalls dabei ist Líder Lopes als Vertreter der Gemeinschaft Pyelito Kue, die vor kurzem die Todesbotschaft verschickt hat, welche um die Welt ging. Teilnehmen wird überdies eine Gruppe Terena , die 30 Jahre lang um die Rückgabe ihres angestammten Landes kämpfen mussten und seit 2008, als sie begannen ihr angestammtes Land zurückzuerobern, vier gewaltsame Versuche der Wiederinbesitznahme und Vertreibungen durch Farmer erlitten haben.

 Rechtsverletzungen

Diese Petition wird übergeben zu einem Zeitpunkt ernstlicher Verletzungen der Rechte indigener Völker in Brasilien. Im Bundesstaat Amazonas wurde am 7. September ein indigener Anführer der Munduruku während einer Aktion der Bundespolizei  auf demarkiertem indigenem Land getötet. In Mato Grosso do Sul werden indigene Kadiwéu von Land vertrieben, das vor mehr als einem Jahrzehnt demarkiert worden ist. Die Guaraní und Kaiowá erleiden vielfältige gewaltsame Angriffe und Bedrängnis. In Rio Grande do Sul hausen indigene Kaingang und Mbyá am Straßenrand unter freiem Himmel in der Kälte des Südens, wo sie seit Jahrzehnten  auf kleinen Parzellen zwischen den Zäunen der Landbesitzer und dem Asphalt der Straßen überleben müssen.

Im Javari-Tal, wo etwa 4.000 Marubo, Kanamari, Matis, Kulina, Maioruna und Korubo sowie mindestens 13 Völker ohne Kontakt leben, ist die Gesundheitssituation düster. Bei ihnen herrscht die höchste Infektionsrate  an Hepatitis, insbesondere Typ B, die nicht heilbar ist und tödlich verläuft. Mehr als 85 Prozent der Bevölkerung sind mit einem oder mehreren Variationen des Virus infiziert. Auch Malaria ist weit verbreitet. Beide Krankheiten greifen direkt die Leber an und die Kombination von beiden hat die Bevölkerung sehr geschwächt und bereits zu einer alarmierend großen Zahl von Todesfällen geführt. Seit Jahren haben die Menschen Taten von der Regierung Brasiliens gefordert; dabei geht es nicht mehr um eine annehmbare Gesundheitspolitik für die Indigenen sondern um einen Kampf gegen die Auslöschung dieser Völker.

 Maranhão: Awá-Guajá

 Ein anderes symptomatisches Beispiel ist das der Awa-Guajá in Maranhao.  Sollte die Ausweitung der Carajás-Bahn des Bergbauunternehmens Vale Wirklichkeit  werden, so wird die Zerstörung  der Wälder und des Wildes die Folge sein, der Lebensgrundlage der Indigenen, deren Land gerade von Holzfällern überflutet wird. Diese errichten heimlich Straßen und entwalden die bevorzugten Jagd- und Fischfanggebiete, die von großer Bedeutung für das Überleben der Awá-Guajá und insbesondere derjenigen unter ihnen sind, die in freiwilliger Abgeschiedenheit leben.

 Anklage bei den UN

 APIB hat die Verletzung der indigenen Rechte und den gegen die indigenen Völker Brasiliens vorangetriebenen Genozid bei den UN angezeigt. Dabei ging es vor allem um die Verfassungsnovelle PEC 215 und den Erlass 303 des Justizministers (AGU), Rechtsinstrumente, die der ILO-Konvention 169 und  der UN-Deklaration zu den Rechten indigener Völker widersprechen.

 PEC 215

 PEC 215 beabsichtigt, dem Kongress die Kompetenz zu übertragen, die Demarkierung indigenen Landes, die Schaffung von Schutzgebieten  und die Titelvergabe von Maroon-Gebieten zu beschließen.  Dies oblag bisher der Exekutive, vertreten durch die Nationale Stiftung für Indigene FUNAI, die Umweltbehörde Brasiliens IBAMA und die Palmares Kulturstiftung  (PCF).  Eine Verabschiedung von PEC 215 und auch von der im Senat anhängigen PEC 038/99 würde alle bereits demarkierten indigenen Gebiete gefährden und jegliche künftige Demarkation unterbinden.

Diese Pressemeldung wurde herausgegeben von CIMI. Wir erhielten sie in englischer Übersetzung zugesandt von Paul Wolters. Übersetzung ins Deutsche: Yvonne Bangert

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