Chile: Verhaftungswelle gegen Mapuche

Seit die Eheleute Werner Luchsinger und Vivian McKay Anfang Januar 2013 infolge einer Brandlegung im Süden Chiles ums Leben gekommen sind, gewinnt der Konflikt zwischen der chilenischen Regierung und den Mapuche an Fahrt. Letztere fordern ihre  gesetzliche Anerkennung als indigene ethnische Gruppe innerhalb des chilenischen Staates und demonstrieren unter anderem gegen Staudammprojekte und Landraub. Um die Regionen Araukanien und Bío Bío streiten sich sowohl die Mapuche, die sie als ihr angestammtes Land betrachten, als auch Großgrundbesitzer und Holzfirmen. Weil die radikale Mapuche-Organisation Coordinadora Arauca Malleco (CAM) bereits öfter Brände als Zeichen des Protests gelegt hat, wird sie nun beschuldigt, auch für den Tod des Großgrundbesitzer-Ehepaares verantwortlich zu sein. Dabei hat sich die CAM ausdrücklich von dem Brandanschlag distanziert. Eine regelrechte Verhaftungswelle, die aufgrund mangelnder Beweise nicht den juristischen Standards eines Rechtsstaates entspricht, hat eingesetzt. Einmal mehr werden die Mapuche derzeit als Volk vom chilenischen Staat kriminalisiert.

Marcella Zulla

Als Matías Catrileo im Januar 2008 stirbt, ist er zweiundzwanzig Jahre alt und an der Universidad de la Frontera in Temuco für Agrarwissenschaften immatrikuliert. Der Polizist Walter Ramírez Inostroza hatte den jungen Mann durch Schüsse in den Rücken getötet, als dieser an einer Landbesetzung auf einem Grundstück Jorge Luchsingers – ein Cousin Werner Luchsingers – teilgenommen hatte. Mitte Januar dieses Jahres wurde Inostroza deshalb, fünf Jahre nach dem Vorfall, entlassen.

Dem Angriff auf das Haus Werner Luchsingers und Vivian McKays gingen am Donnerstagabend, den 03.Januar 2013, Proteste zum Andenken an die Ermordung Matías Catrileos voraus, berichtet The Guardian. Zu diesem Zweck hätten die teilnehmenden Mapuche Flugblätter auf dem Grundstück der Luchsingers verteilt. Nachdem ihr Haus  von Vermummten angesteckt wurde, habe Werner Luchsinger, 75, aus Selbstverteidigung auf einen Angehörigen der benachbarten Mapuche-Gemeinde Juan Quintrupil geschossen, berichtet The Guardian weiter. Chiles Innenminister Andrés Chadwick habe den Vorfall als terroristischen Anschlag gewertet und die Anwendung des umstrittenen Anti-Terror-Gesetzes aus der Zeit Pinochets auf die Verantwortlichen angekündigt. Die radikale Mapuche-Organisation CAM, die sich stets zu ihren Brandstiftungen bekannt hatte, weist eine Verstrickung in den Fall Luchsinger/McKay weit von sich. Bisher bekannte sich auch sonst niemand dazu. Zudem konnte die Brandstiftung bisher auch niemandem explizit nachgewiesen werden.

Dennoch lässt sich derzeit eine ganze Reihe an Verhaftungen von Mapuche beobachten. In den frühen Morgenstunden des 30. Januar wurden die Machi, Schamanen, Millaray Huichalaf und Tito Cañulef sowie vier weitere Personen festgenommen. Dieser Festnahme ging die des Machi Celestino Monsalve voraus. Alle werden mit der verheerenden Brandstiftung in Verbindung gebracht. In Huichalafs Haus seien offiziellen chilenischen Quellen zufolge Schusswaffen sowie Munition, mehrere Mobiltelefone, militärisches Zubehör und Flugblätter beschlagnahmt worden. Die Mapuche selbst zweifeln die Rechtmäßigkeit der Anschuldigungen an. Millaray Huichalaf, 22, ist Sprecherin und Verteidigerin der heiligen Stätte Kintuante, die am Ufer des Pilmaiken-Flusses nahe der Gemeinde Rio Bueno liegt. Durch den geplanten Bau eines Wasserkraftwerkes der Firma Eléctrica Osorno S.A ist Rio Bueno in Gefahr, zugunsten dieser Konstruktion geflutet zu werden.

„Niemand ist darauf vorbereitet, sich zu wehren. Aber ich hatte keine Wahl. Sich täglich zu wehren bedeutet, Mapugundún zu lernen – oder es wieder zu erlernen – es die Kinder und Jugendliche zu lehren, unsere heiligen Stätten, Traditionen und Bräuche zu verteidigen“, sagte Huichalaf.

In den ersten Februartagen im Jahr 2013 wurde Emilio Berkhoff Jerez, 26, verhaftet, weil er ebenfalls für den Anschlag auf das Haus des Großgrundbesitzer-Ehepaares verantwortlich gemacht wird. Außerdem sei er einer der Anführer der gewalttätigen Mapuche-Bewegung in Araukanien, so Innenminister Chadwick.  Berkhoff ist Chilene deutsch-ukrainischer Abstammung, der sich für die Rechte der Mapuche einsetzt. „Die Festnahme Berkhoffs am Freitag basiert zunächst nur auf illegalem Waffenbesitz“, berichtet Amerika21. „Man glaubt den pompösen Ankündigungen des Innenministeriums nicht mehr, am Ende bestätigen sie sich doch nicht“, sagte der Abgeordnete Felipe Harboe, der die Umstände der Festnahme Berkhoffs kritisiert. Ebenso in den ersten Februartagen wurden zwei Mapuche-Jugendliche wegen versuchten Mordes an Polizei-Beamten („Carabineros“) zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Die Mapuche sehen in der Verhaftungswelle an Angehörigen ihrer Ethnie und der Härte der Strafen eine Einschüchterung und Kriminalisierung ihrer legitimen Interessen und Verteidigungsbewegung. Sie fordern faire Prozesse und die Freilassung aller politischen Häftlinge.

Fernando Millacheo Marín sitzt wegen Raub, Brandstiftung und versuchten Mordes hintern Gittern. Seit dem 24.Dezember 2012 befindet er sich im Hungerstreik und hat bereits fünfzehn Kilo verloren. Er weist alle Anschuldigungen von sich und verlangt sowohl einen fairen Prozess als auch das Recht auf juristische Verteidigung. Am 12.Februar 2013 forderten Mapuche die Freilassung Millacheos. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei – die Folge war die Verhaftung von zwanzig weiteren Personen.

Advertisements

2 Gedanken zu “Chile: Verhaftungswelle gegen Mapuche

  1. Genozid hat in unserer heutigen Zeit nichts mehr zu suchen, die Verantwortlichen sollten unverzüglich zur Verantwortung gezogen werden!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s