Winter – verschwinde! Ein Filmabend zum Zustand der russischen Opposition

verfasst von Alexander Kusnezow

„Winter, verschwinde!“/“Зима, уходи! “: Idealismus der russischen Opposition

Am Donnerstag, am 28.Februar 2013, wurde im Berliner Kulturzentrum WABE ein Film gezeigt, der die Ereignisse des Winters 2011-2012 in Russland auf eine schöne Art und Weise zusammenfasst. Die Gattung des Films „Winter, verschwinde!“ war „Dokumentarfilm“, jedoch gab es im Streifen so viele Momente einer exotischen, übertriebenen Ehrlichkeit, dass man sich ungewollt fragen wollte: Hat man das vorher abgesprochen? Ist die Stimmung da wirklich so spannend und unregierbar? Was wollen diese ganzen Menschen da auf den Straßen; eine neue Revolution, ein Comeback der Sowjetwerte, das frostige Wetter genießen, oder, wie einer der Protagonisten, sich auf den später erschienenen Fotos wieder entdecken, um mit Freude á la Facebook – Generation „Da bin ich!!“ zu rufen? Das eine steht fest: Marina Razbeschkina (Марина Разбежкина), der bekannten russischen Dokumentarfilmmacherin und Drehbuchautorin, unter deren Führung dieser schöne ehrliche Film entstand, ist es gelungen, das längst gesuchte Gesicht des russischen Wirrwarrs, der international als „oppositionelle Bewegung“ bezeichnet wird, zu zeigen. Keiner im Film wusste, welcher Oppositionsgruppe genau er angehört und was ihn zum Protestzug getrieben hatte. Einer gesteht schreiend, er sei Russe, nur deswegen dürfe er protestieren. Der andere tritt für Putin auf, jedoch endet sein Satz damit, dass er eigentlich Sjuganow, den kommunistischen Führer also, lieber mag. Eine andere Protestierende, die den falschen Platz aufgesucht hatte, gesteht ihre Vorliebe für Putin ein, jedoch auf die Frage, was sie wirklich mit ihrem Protest will, sagt sie sanftmütig: „Ich will nichts, ich will nach Hause“. Selbst die Angehörigen einer Gruppe, die die gleichen Fahnen tragen und treu ihrem Häuptling gegenüber scheinen, sind beim Rufen der Slogans verwirrt. Der junge Häuptling würde Putin zum Hundsteufel schicken, einige aus der Gruppe nach woanders, die anderen hätten den Landungsplatz für ihren ungeliebten Präsidenten mit härteren Worten bestimmt, die sich schwer ins Deutsche übertragen lassen. Wenn man nicht wüsste, dass dieser Film tatsächlich die Ereignisse in Moskau und Petersburg nach den Wahlen für die Duma im Dezember 2011 zeigt, könnte man glauben, die Tradition des Kölner Karnevals wäre auch in den russischen Hauptstädten gelandet.

Der Star des Abends war Ilya Jashin, ein junger Oppositioneller, der auch im Film drei Sekunden lang zu sehen ist. Kaum durch die fremde Atmosphäre verwirrt, erzählte der Vertreter der jungen russischen Generation lange und ausführlich, was er sowie die anderen Oppositionellen vorhaben und was ihre Forderungen sind. Herr Jashin sprach langsam, fast emotionslos und erinnerte damit an das Vorlesen aus einer politischen Broschüre, wo alle Richtlinien immer schwarz auf weiß gedruckt sind. „Wir wollen, dass nicht mehr gelogen wird. Wir wollen, dass nicht mehr gestohlen wird. Wir wollen, dass die Duma nicht mehr käuflich ist. Wir wollen, dass die EU die Prozesse, die in Russland stattfinden, bei ihrem Namen nennt und keine umschweifenden Begriffe benutzt. Haben Sie keine Angst wegen der Gasversorgung, sagen Sie der Welt die Wahrheit über uns“. Eines der wichtigsten Probleme sei die Mauer in den Köpfen der Menschen, die Putin aufgebaut habe, genau so, wie die Berliner Mauer es einst gewesen sei. Und genau so, wie das Berliner Vorbild, müsse auch diese Mauer in den menschlichen Köpfen abgerissen werden. Daran arbeite die Opposition. Auf die Frage, was er sich persönlich wünsche, sagte Ilya Jashin: „Ich will in Europa leben, ohne aus Russland wegzumüssen“.

Eine Erwähnung der konkreten Probleme, wie zum Beispiel, die der nationalen oder sexuellen Minderheiten in Russland, fand kaum Aufmerksamkeit des Oppositionsvertreters. Auf die Frage aus dem Publikum, wie die Opposition solche brennenden Punkte, wie das

Problem der Visaeinführung für die Bürger der zentralasiatischen Republiken sowie das berüchtigte Gesetz über die Propaganda der gleichgeschlechtlichen Liebe behandelt, sagte Ilya Jashin: „Es kommt noch. Wir müssen zuerst die Grundlagen eines allgemeinen Bürgerrechtsbegriffes schaffen. Dann kann jeder seine spezifischen Rechte ausüben“. Die Opposition wäre sogar für die Visaeinführung, weil so die Rechte der bereits Eingereisten geschützt werden können. Das Gesetz über die Propaganda der gleichgeschlechtlichen Liebe sei ein Schritt zurück ins finstere Mittelalter, aber, so Jashin, die Minderheiten sollten auch damit noch warten, in Russland gebe es viel zu tun.

Das Wort „Putin“ schien während der Diskussion zu einem Substantiv geworden zu sein, als der wahre Quell der modernen russischen Qual. Die deutschen Mitredenden versuchten darauf aufmerksam zu machen, dass Putin nur eine Figur sei, die in diesem Moment die Prozesse leitet, die seit Jahrhunderten im Gang sind. Russland ist kein kleines Land, das unter dem Schutz des großen europäischen kulturellen und politischen Erbes steht. Russland ist ein Kontinent an sich, der in Folge seiner historischen Entwicklung sowohl europäische, als auch andere und natürlich seine eigenen Werte mit einbezogen hatte. Putin steht nur an der Spitze des Eisbergs, der Rest ist tief im dunklen Wasser versunken. Diese Tiefe zu ermessen, sie zu erforschen und wahre Gründe der russischen Wirklichkeit beim Namen zu nennen, ist eine Aufgabe, der die moderne russische Opposition noch nicht gewachsen zu sein scheint. Allein der Wunsch, in Europa zu leben, darf keine Motivation sein.

Sollte nur eine Spitze des Eisbergs abgebrochen worden sein, kann sich der Berg mit einer anderen seiner Seiten wieder nach oben drehen. Aus dieser Hinsicht erklärt sich der Name des Films: „Winter, geh weg“ ist ein heidnischer Ausruf, der christliche und atheistische Zeiten überlebt hatte und am Ende der kalten Zeit während der Feste ausgerufen wird. Dann wird eine Strohpuppe, die den Winter symbolisiert, verbrannt. In einigen Wochen wird es tatsächlich wärmer und der Frühling kommt. Danach kommt der Sommer, dann der Herbst und danach kommt wieder der Winter, der vor einigen Monaten schon vertrieben worden war.

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