RAIPON-Kongress: Richtungsentscheidung in Salechard

Text: Sarah Reinke / Johannes Rohr

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RAIPON, der Dachverband der kleinen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens, hat turbulente Monate hinter sich: Im November 2012 hatte das russische Justizministerium gegen die Organisation ein sechsmonatiges Betätigungsverbot verhängt. Begründet wurde das durch Formfehler in den Statuten. Ein außerordentlicher RAIPON-Kongress fand statt, die Statuten wurden überarbeitet, es gab Gespräche mit dem Justizministerium und es gab internationale Proteste. Am 13. März endlich die Erleichterung: RAIPON darf offiziell seine Arbeit wieder aufnehmen. An den Protesten hatten sich neben vielen anderen Organisationen auch die GfbV, viele Mitglieder und Interessenten beteiligt.

Nun kann also auch der wichtige Kongress, der siebte allrussische Kongress der kleinen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens der Russischen Föderation, der in Salechard, der Hauptstadt des Autonomen Kreises der Jamal-Nenzen vom 28.-29. März stattfinden. Dort werden 370 Delegierte, die 41 unterschiedlichen Völkern angehören und aus 47 Regionen der Föderation anreisen einen neuen RAIPON-Präsidenten wählen. Nach Salechard fährt auch Johannes Rohr vom Institut für Ökologie und Aktions-Ethnologie (infoe). Er ist Experte für indigene Völker in der Russischen Föderation. Mit ihm telefonierte ich gestern, um mehr über die Hintergründe des Kongresses und seine Erwartungen zu erfahren.

„Der Wahlausgang ist ganz offen. Die Fraktion, die RAIPON im Moment führt, hat unterschiedliche Meinungen, was den Wunschkandidaten anbelangt. Drei Kandidaten werden sich auf jeden Fall vorstellen: Grigorij Ledkov, Viktor Gajulksi und Pavel Suljandsiga. Ledkov ist Abgeordneter in der Staatsduma aus dem autonomen Kreis der Jamal-Nenzen und Mitglied der Putin-Partei, Einiges Russland. Gajulski ist Ewenke, stammt aus dem bis 2007 autonomen Gebiet der Ewenken und ist Vorsitzender der regionalen Assoziation der indigenen Völker der Region Krasnojarsk. Pavel Suljandsiga ist Angehöriger des Udege-Volks aus der an der Pazifikküste gelegenen Region Primorje. Er ist Mitglied in der Gesellschaftlichen Kammer Russland und international bekannter Aktivist für die Rechte indigener Völker. So war er für zwei Amtszeiten lang Mitglied des Ständigen UN-Forums für Indigene Angelegenheiten. Aktuell ist er Vorsitzender der UN Arbeitsgruppe ‘Menschenrechte und transnationale Konzerne’, er war bis 2010 erster Vizepräsident RAIPONs. Je nachdem, wer gewählt wird, verändert sich auch die politische Ausrichtung von RAIPON“, so Johannes Rohr.

„Viele Faktoren werden die Wahl bestimmen. Ein wichtiger ist auch das Geld – man kann sich das in Deutschland gar nicht vorstellen, aber für RAIPON ist es angesichts der unvorstellbaren Immobilienpreise in Moskau wichtig, die Miete für die beiden RAIPON-Büros aufbringen zu können. Da ist ein zentraler Aspekt auch, ob der zukünftige Präsident aus einer reichen Region kommt, dass er Beziehungen hat, die die Finanzierung aufrecht erhalten werden. Auch die inhaltliche Ausrichtung der Kandidaten – ihre jeweilige Staatsnähe oder ihre Bereitschaft, staatskritische Positionen einzunehmen, wird von den Delegierten aufmerksam beobachtet werden.

Dann gibt es natürlich regionale Loyalitäten, die das Wahlverhalten beeinflussen werden – im Westen dominieren die Ethnien der Nenzen und Chanten, in Zentral- und Ostsibirien stellen die Ewenken das zahlenmäßig stärkste der kleinen Völker dar und dann gibt es den sogenannten Fernen Osten, mit den zahlreichen kleinen Völker Sachalins, Kamtschatkas, des Amur-Gebiets und den pazifischen Regionen Chabarowsk und Primorje. Als vierte Gruppe könnte man die kleinen Turkvölker in den südsibirischen Gebieten nennen – die Schoren, Teleuten, Kumandiner usw. Sie haben unterschiedliche Lebensweisen: Rentiernomaden im Norden, sesshafte Fischer und Jäger im Süden etc. Sie sind teils mit unterschiedlichen Problemen konfrontiert, so etwa mit dem Bergbau in Süd- und die Ölförderung in Westsibirien etc. Angesichts dieser Vielfalt bleibt es eine erstaunliche Leistung, dass RAIPON allen diesen Ethnien ein gemeinsames Dach bietet.“

Die indigenen Vertreter haben häufig vor Ort auch eine schwierige Position – sie müssen sich fragen, wie weit sie sich mit den lokalen Machthabern, mit Unternehmen und Behörden arrangieren, auf der anderen Seite versuchen sie, ihre Rechte als indigene Bewohner zu schützen. Wenn sie ihre Meinung zu laut äußern, haben sie schnell Repressionen zu befürchten. „Auf unserem Land liegen die Bodenschätze, die Putin zur Aufrechterhaltung seiner Macht braucht. Wenn es da Proteste gibt, hat das gleich mit nationalen Interessen zu tun und der Geheimdienst ist schnell zur Stelle“, warnte ein Vertreter nach der Schließung von RAIPON im Winter 2012.

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