Wiedermal: Flüchtlingsfamilie auseinander gerissen

Der erste Anruf kam gerade, als ich am Samstag auf dem Wochenmarkt war: „Wir kommen aus Tschetschenien. Bitte hören sie mich an: Wir sind zusammen mit meinem Mann und drei Kindern geflohen. Mein Mann ist invalide, er sitzt im Rollstuhl und hat Epilepsie. In Dresden wurden wir aufgegriffen. Mein Mann und mein älterer Sohn wurden sofort ins Gefängnis gesteckt. Ich bin jetzt in Zirndorf mit den jüngeren Kindern. Mein Mann braucht mich. Er kommt nicht alleine klar. Er ist krank. Wir sollen zurück nach Polen geschoben werden aber dort ist die Gesundheitsversorgung schlecht.“ „Zirndorf“, denke ich, „ja, das ist die große zentrale Aufnahmeeinrichtung. Sie ist vollkommen überfüllt. Die Flüchtlinge leben in ehemaligen Busgaragen“. Ein Zeitungsartikel stellt die aktuelle Lage gut dar. Erst am Montag kann ich aktiv werden. Aber die Familie hat praktisch keine Chance. Sie ist über Polen eingereist. Dort, im ersten EU-Staat, den der Flüchtling betritt, muss der Asylantrag gestellt werden. Wohin das führt, stellt die ZEIT in einem Dossier von Anfang Juni dar.

Der Anwalt in München rührt sich nicht. Es gibt einen Übersetzer, der versucht, zu helfen. Die zuständigen Landtagsabgeordneten finden die Situation zwar schlimm, rühren sich aber auch nicht. Mehrmals täglich ruft mich die Flüchtlingsfrau an und weint. „Wie kann es sein, dass uns niemand helfen kann? Ich werde hier so grob behandelt, so grausam.“

Sie hat einen Termin in den Räumen der Caritas in Zirndorf. Dort wird ihr gesagt, dass erst der Mann, dann einen Tag später der ältere Sohn abgeschoben werden soll. Sie habe einen Tag, um zu überlegen, ob sie nach Polen wolle oder gleich zurück nach Russland. Andere Tschetschenen solidarisieren sich, wollen in Hungerstreik treten. Ich rate ihr von einem Hungerstreik ab. „Sie brauchen alle Kraft, die sie haben, um das jetzt durchzustehen. Ein Hungerstreik wird sie nur schwächen“, erkläre ich ihr.

Nun ruft sie gestern an: Mann und älterer Sohn sind abgeschoben worden. Ich frage, wo in Polen sie sind. Vielleicht könnte ich eine polnische Flüchtlingsunterstützerorganisation bitten, nach dem kranken Mann zu sehen. Sie weiss es nicht. Nun soll sie noch drei bis vier Tage in Zirndorf bleiben. Ihre Papiere seien noch nicht fertig. Sie will so schnell wie möglich mit ihren 10 und 11-jährigen Kindern nach Polen zu ihrem Mann. „Er kann sich nicht versorgen ohne mich. Wieso haben sie uns nicht als gesamte Familie abgeschoben? Wir sind doch auch zusammen hergekommen!“

Innerhalb von nicht einmal einer Woche haben sich jegliche Hoffnungen auf Asyl in Deutschland zerschlagen, die Frau am Telefon ist verzweifelt. Das einzige Ziel ist nun, wieder zusammen zu sein. Wir konnten nicht helfen, nur am Telefon zuhören, trösten, ihr weiter ihre Illusion auf eine humane Flüchtlingspolitk in Deutschland nehmen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s