Angriffe auf Srebrenica-Mütter

Text: Fadila Memisevic und Belma Zulcic / GfbV-Büro Sarajevo

Am 11. Juli 2013 wurden auf dem Friedhof in Potocari weitere 409 Opfer des Srebrenica-Massakers im Juli 1995 beerdigt. Unter ihnen waren 44 Minderjährige (von 14 bis 18 Jahren) und sogar ein Neugeborenes ohne Namen (Nachträglich wird der Name Fatima, wie von der Mutter erwünscht, auf dem Grabstein eingetragen. Die kleine Fatima liegt jetzt neben ihrem getöteten Vater und Grossvater). Damit ist die Zahl der beerdigten Opfer auf dem Friedhof in Potocari auf 6.066 gestiegen.

Der Grossteil der Opfer wurde in sekundären Massengräbern gefunden. Ihre Skelette sind durch das zahlreiche Umgraben der Gräber (wegen Versuch der Spurenverwischung) vollkommen auseinandergerissen, so dass in den einzelnen Massengräbern teilweise nur ein Bein- oder Armknochen der einzelnen Opfer gefunden wurde. Noch immer gibt es keine Information über eine Grosszahl der Massengräber, in denen die Überreste von weiteren über 1.500 Opfern und Skelettteile von den bisher identifizierten Opfern liegen.

Bis jetzt wurden über 7.000 Opfer exhumiert, davon etwa 6.800 auch identifiziert. Gesucht wird nach mindestens 8.372 Opfern, wobei die Informationen der Müttervereine sogar auf eine Zahl von etwa 10.000 Opfern hindeuten:  Obwohl alle Angehörigen ihre Familienmitglieder als vermisst gemeldet haben, gibt es zahlreiche Fälle, in denen alle Mitglieder einer Familie getötet wurden, so dass es niemanden gab, der diese Opfer als vermisst melden konnte.

Traditionsgemäss wird jedes Jahr nach der Beerdigung ab dem 13. Juli ein Besuch der Mütter an einigen der Orte organisiert, an denen die Männer massenweise hingerichtet wurden. Wie bei der Beerdigung begleiten wir die Mütter auch bei diesen Besuchen und geben ihnen Unterstützung. Auch in den vergangenen Jahren war es den Müttern meist verwehrt, einige dieser Tatorte zu besuchen, Blumen niederzulegen sowie ein Gebet für ihre getöteten Angehörigen auszusprechen. Dieses Jahr entschieden sich die etwa 150 Mütter, die mit Ketten verschlossenen Türen im sogenannten „Weissen Haus“ in Potocari und in der Agrargemeinde Kravica (in einem serbischen Dorf bei Srebrenica) aufzubrechen.

Nachdem sie den leerstehenden und verwüsteten Hof und das dortige Gebäude in Kravica betraten, versuchten Einheiten der Sonderpolizei in voller Aufrüstung, sie daran zu hindern. Sie schlugen auf die Mütter ein und verletzten einige von ihnen. Die Mütter erhielten Schläge in die Brust, in den Rücken, unterhalb der Knie und in die Arme. Die Polizisten hielten sie brutal fest und schoben sie auf äußerst brutale Weise zurück. Auch Hatidza Mehmedovic, unsere Koordinatorin für Srebrenica, war unter den Opfern der Angriffe der Polizei. Sie hat vor zwei Jahren beide Söhne und den Ehemann in Potocari beerdigt. Heute lebt sie ganz allein in Srebrenica. Unter den Opfern waren auch Mütter, die  vor nur zwei Tagen ihre Kinder – unter anderem auch in Kravica  getötet – beerdigt hatten. Nach Aussagen einiger verurteilter Kriegsverbrecher weiss man, dass allein in Kravica mindestens 1.500 Männer und Jugendliche getötet wurden.

Es ist eine Schande, dass die ganze Welt nur zusieht, wie die Mütter von Srebrenica, die nur ihren Kindern mit Blumen und Gebeten die letzte Ehre erweisen wollen, daran gehindert werden und die gleichen Polizisten, die im Juli 1995 ihre Kinder und Angehörigen getötet haben, nun brutal auf sie einschlagen. Mit dem Urteil des Internationalen Gerichtshofes (International Court of Justice, ICJ) in Den Haag im Jahr 2007 wurden Armee und Polizei der Republika Srpska für den Völkermord in Srebrenica verantwortlich erklärt.

Anstatt Reue für die begangenen Verbrechen zu zeigen und von den Müttern um Vergebung zu bitten, hat der Direktor der Polizei von Republika Srpska, Gojko Vasic, nach dem Angriff der Polizisten gegen die Mütter in Kravica am Samstag mit strafrechtlicher Verfolgung und Strafanzeigen gegen die Mütter gedroht: Sie hätten unerlaubt fremdes Eigentum betreten.

In der Woche vom 11-19. Juli 1995 wurden an zahlreichen Orten des Drina-Tals Männer aus Srebrenica ermordet. In dieser Woche gedenken die Srebrenica-Mütter ihrer Angehörigen. Nach Kravica, Potocari, Branjevo, Pilica, Petkovci, Orahovac, Kasaba und dem Staudamm bei Zvornik werden wir am kommenden Mittwoch mit den Müttern auch den Hinrichtungsort Trnovo besuchen, wo unter anderem von der Einheit der „Skorpione“ sechs Srebrenica-Männer ermordet wurden. Sie filmten die Misshandlung und Erschiessung der gefesselten Jungen und liessen diese Aufnahmen als „Home-Video“ unter sich und Freunden kreisen. Während des Prozesses gegen Slobodan Milosevic wurden diese Aufnahmen von der Anklägerschaft des ICTY gezeigt und gingen um die ganze Welt.

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