Kunst in der Türkei: Mehr Öffentlichkeit für Minderheiten?

Text: Linus Mandl

Die Proteste der Gezi-Park-Bewegung waren der gewaltige Ausdruck eines neuen Politik- und Gesellschaftsverständnisses in der Türkei. Schon länger jedoch sind es Künstler, die Tabus hinterfragen und damit eine neue Debatte um Minderheitenrechte anstoßen.

Seit Jahren steht das Bild des „Anatolischen Tigers“ als Metapher für das wirtschaftliche Aufstreben der Türkei. Lange galt der Aufschwung als eine Erfolgsgeschichte unter der Feder von Recep Tayyip Erdogan und seiner islamisch-konservativen Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP). Doch als Ende Mai in Istanbul die Proteste gegen die Erdogan Regierung starteten, stellten sich viele gegen eine zunehmende „Islamisierung“. Viele junge Künstler einer nachwachsenden Generation beteiligten sich an den Protesten und gaben kreativen Input in die Gezi Park Szene. Die wohl berühmteste Aktion in diesem Zuge war die „standing man“ Performance des Choreografen Erdem Gündüz, der aus Protest regungslos für Stunden auf das Atatürkdenkmal am Taksim Platz starrte.

Solche Aktionen zeigen, dass die junge aufstrebende Kunstszene sich nicht scheut, Erdogans Politikstil öffentlich zu kritisieren und als Teil ihrer Arbeit gezielt auf Öffentlichkeit setzt. Sie schaffen damit einen Raum, in dem auch bisherige Tabus angegangen werden können. Einst heikle Themen wie die türkische Minderheitenpolitik werden von dieser Generation öffentlich thematisiert. Viele stellen sich auch auf die Seite ihrer kurdischen oder armenischen Kollegen, deren Arbeit durch Zensur oder körperliche Bedrohungen gefährdet ist. Dies schafft ein Umfeld, in dem auch Künstler, die Minderheiten angehören, in der Öffentlichkeit stärker in Erscheinung treten können. Gleichzeitig findet auch ein Prozess des Austauschs und der Verständigung statt, der das Potenzial hat, die türkische Kunstszene in neue Bahnen zu lenken.

Abwechslungsreiche Kunstszene und ethnische Vielfalt

Die abwechslungsreiche türkische Kunstszene findet international immer mehr Beachtung. Sie wird durch junge Nachwuchstalente verkörpert, die den Reichtum des türkischen Multikulturalismus hervorheben und abseits von nationalistischen Stereotypen

neue Perspektiven aufzeigen möchten. Dieser Ansatz findet auch auf internationalem Parkett Anerkennung. So hat der kurdische Videokünstler Sener Özmen mit seinen Videoinstallationen bereits auf internationalen Ausstellungen nicht nur in der Türkei, sondern auch in Deutschland, Frankreich, den USA und anderen Ländern der Welt für Aufsehen gesorgt. So gastierte er mit seiner Videoinstallation „Road to Tate Modern“ in der Berliner Kunsthalle TANAS.

Auch Erhan Arik repräsentiert diese junge Generation. Der 29-jährige ist Türke und ebenfalls Videokünstler. Sein Interview „Remembering“ mit einer Armenierin, deren Eltern im Ersten Weltkrieg dem Genozid zum Opfer fielen, wurde in der Türkei zum Skandal. Noch immer ist die Ermordung von rund 1,5 Millionen Armeniern für viele Türken ein Tabu. Deshalb begann Arik 2011 ein Projekt, das die Kunst als Vermittlerin zwischen Türken, Armeniern und Kurden einsetzte. Es sollte einen Aufarbeitungsprozess für eine Aussöhnung zwischen den drei ethnischen Gruppen anstoßen. „Frozen“ hieß die Kampagne, welche vor rund zwei Jahren initiiert wurde. Der Name ist Programm, denn das Projekt sollte das dicke Eis zwischen den drei Gruppen brechen, das über Jahrzehnte entstanden war. Mit „Frozen“ versuchten die Künstler, den türkischen Multikulturalismus als inspirierende Quelle und Bereicherung zu erfahren, schließlich hat jede Minderheit in ihrer kollektiven Identität einen anderen Zugang zur eigenen und türkischen Geschichte und Gegenwart. Verbunden wurde die Aktion mit lokalen Kampagnen, bei denen Workshops für Künstler stattfanden, die zum multikulturellen Austausch einluden. Arik und seine Kollegen versuchten damit, Empathie zwischen den Gruppen zu schaffen, um Ängste und Vorurteile zu überwinden. Dadurch entstanden persönliche Beziehungen, die über ethnische Grenzen hinweggingen und somit ein erster Schritt in Richtung Aussöhnung waren.

Schwierige Situation für Künstler

Trotz ihrer Innovation ist die türkische Szene noch immer eine Nische im internationalen Kunstgeschehen. Leider findet diese hierzulande häufig erst dann Aufmerksamkeit, wenn unkonventionelle Künstler nationalistische Tabus angreifen und sich damit zur Zielscheibe von Fanatikern in Politik und Gesellschaft machen. Dann zeigt sich, wie gefährlich ein Künstlerleben unter „Anatolischen Tigern“ sein kann. Erst dieses Jahr wurde der weltberühmte türkische Pianist Fazil Say zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er auf Twitter spöttische Äußerungen über den Islam gesendet hatte. Ein Istanbuler Gericht verurteilte ihn zu zehn Monaten Bewährungsstrafe wegen religiöser Volksverhetzung.

Austausch dringend notwendig

Der Austausch, den Erhan Arik mit seinem Projekt anstieß, war längst überfällig. Noch immer spaltet ein übersteigerter Nationalismus die türkische Gesellschaft. Die Kluft sitzt tief und hat über Jahrzehnte einen scheinbar unüberwindbaren Graben zwischen Türken, Kurden, Armeniern, Christen und anderen ethnischen und religiösen Minderheiten gezogen. Umso faszinierender ist es, dass Erhan Arik und seine Kollegen dort ansetzten, wo die türkische Politik seit Bestehen der Republik kontinuierlich scheiterte. Trotz der Missverständnisse, Enttäuschungen und Abkehr, die den Verlauf der langen und hasserfüllten Geschichte zwischen Türken, Kurden und Armenier zeichnen, setzen sich diese jungen Künstler zusammen und schaffen eine Ästhetik, bei der jede Gruppe Akzeptanz und Anerkennung findet, ohne rassistischen Ressentiments zu verfallen. Die Entdeckung von multikultureller Schönheit ist die zentrale Botschaft, die  – auch durch die aktuelle Situation in der Türkei und die neuerlichen Proteste – hoffentlich noch lange auf offene Augen, Ohren und Arme stoßen wird.

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