Mapuche-Konflikt in Chile eskaliert: Aktivist in Ercilla erschossen

Text: Pia Teresa Ilg

Am Dienstag, den 6. August 2013, wurde in Chiguaihue (Ercilla, Region Araukanien) der Mapuche-Aktivist Rodrigo Melinao Licán tot aufgefunden. Gegen Mitternacht entdeckten Mitglieder der Gemeinde Rayen Mapu in Ercilla ca. 50 Meter neben einem Weg, auf dem regelmäßig Polizisten patrouillieren, die Leiche des 26-Jährigen. Sie weist Schusswunden in der Brust auf.

Rodrigo Melinao war auf der Flucht vor dem Gesetz gewesen. Am 24. Juli 2013 war er wegen Brandstiftung zu fünf Jahren und einem Tag und wegen Fahrzeug-beschädigung zu 541 Tagen Haft verurteilt worden, berichtet die chilenische Zeitschrift The Clinic. Nach der Urteilsverkündung sei er untergetaucht, da er seinen Prozess als ungerecht und inszeniert empfunden habe. Sein Cousin Luis Melinao, Sprecher der Gemeinde, berichtete gegenüber El Dínamo, Rodrigo habe sich dort versteckt und sei normal zur Arbeit gegangen, um seine Familie zu ernähren. Im Interview mit El Dínamo gibt Luis Melinao außerdem an, dass der Staatsanwalt von Collipulli den Mordverdacht bestätigt habe. 

Das Gebiet, in dem Rodrigo Melinao erschossen wurde, ist stark umkämpft. Mapuche-Gemeinden wie Rayen Mapu erheben Anspruch auf Landstücke, auf denen sich durch die letzten Landenteignungen unter General Augusto Pinochet (1973 – 1990) Forstunternehmer und Großgrundbesitzer niederließen. Da es in diesem Zusammenhang regelmäßig zu Konflikten zwischen Mapuche und der Polizei kommt, richtete man vor einem Jahr in Pidima eine Station mit Sondereinheiten ein, fünf Kilometer von Rayen Mapu entfernt. Sie gleicht einer Militärbasis. Nachts gehen bis zu 20 bewaffnete Polizisten auf Patrouille und gewähren den Landbesitzern Schutz. Der Tatort liegt unmittelbar in der Nähe solch einer Patrouillestrecke. Für gewöhnlich verlässt von den Mapuche nachts niemand das Haus. Polizeikontrollen sind hier an der Tagesordnung und zu bestimmten Zeiten werden Ausgangssperren verhängt.

Rodrigo Melinao ist bereits der vierte Mapuche-Aktivist, der seit der Verschärfung des Mapuche-Konflikt ab Mitte der 1990er Jahre ums Leben gekommen ist. Bislang gibt es noch keine Hinweise auf den Täter. Für Luis Melinao sind entweder Polizisten oder bewaffnete Großgrundbesitzer für den Tod verantwortlich, berichtet die Santiago Times. Sein Cousin Rodrigo sei von der Militärpolizei bedroht und gesucht worden.

Erst vor kurzem hatte der UN-Sonderberichterstatter für Terrorismusbekämpfung und Menschenrechte Ben Emmerson die diskriminierende Anwendung des Anti-Terror-Gesetzes gegen Mapuche stark kritisiert und die chilenische Regierung zu einem Paradigmenwechsel im Umgang mit den Mapuche aufgefordert.

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Fotos: Mapuche-Regionalgruppe Köln der Gesellschaft für bedrohte Völker

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