Libanesische Minderheiten im Kreuzfeuer des syrischen Bürgerkriegs

2682639238_e9d639d38f
Text: Linus Mandl

Der gestrige Anschlag in Beirut, durch den 22 Menschen getötet und rund 200 verletzt wurden, ist ein weiterer trauriger Höhepunkt des Kräftezerrens im Libanon. Die Autobombe detonierte in einem schiitischen Viertel der Hauptstadt in der Nähe eines Gebäudekomplexes, der von der schiitischen Hisbollah genutzt wird. Zu dem Anschlag soll sich eine sunnitische Gruppe namens „Brigaden von Aischa“ bekannt haben. Sollten sich die Fakten erhärten, wäre dies ein weiterer Beweis dafür, dass der syrische Bürgerkrieg längst auch im Libanon angekommen ist.

Seit Ende Mai kämpft die Hisbollah offiziell auf Seiten des alawitischen Assad-Regimes in Syrien und holt damit auch den Bürgerkrieg ins eigene Land. Die Menschen im Libanon, die selbst von 1975 bis 1990 Zeugen eines blutigen, konfessionellen Bürgerkriegs wurden, fürchten eine Rückkehr dieser noch immer präsenten Schrecken. Zunehmend kommt das labile libanesische Ethnien-Mosaik durch Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten ins Wanken. Zwar haben alle politischen Akteure offiziell versichert, dass sie im syrischen Konflikt neutral bleiben wollen, um ein Überschwappen in den Libanon zu vermeiden. Jedoch wird diese Vereinbarung mit dem öffentlich bestätigten Eintritt der Hisbollah und den gestrigen Anschlägen hinfällig. So vertieft sich der Graben zwischen Sunniten und Schiiten durch gegenseitige Schuldzuweisungen.

Auch die Unterstützung der beiden Gruppen durch ihre regionalen Schutzmächte verschärft die Spannungen durch immer neue Investitionen in Waffen und Infrastruktur. So steht Saudi-Arabien hinter den Sunniten, die in Syrien die Rebellen unterstützen. Die schiitischen Hisbollah und Amal wiederrum decken mit iranischer Hilfe das Assad-Regime und organisieren Pro-Assad-Demonstrationen in Beirut. So wird der öffentliche Raum unaufhörlich zum Schauplatz der Spannungen zwischen diesen Lagern, wobei beide Seiten sich vorwerfen, konfessionelle Vorurteile zu schüren und Hass zu predigen. Selbstmordattentate und andere Anschläge treiben die Konflikte auf die Spitze und beheizen die bereits angespannte Stimmung. Das rhetorische und gewaltsame Aufpeitschen dieser radikalen Kräfte schürt das Misstrauen zwischen der sunnitischen und schiitischen Bevölkerung und jagt vielen Libanesen die Angst vor einem zweiten Bürgerkrieg ein.

Was bei dem Säbelgerassel der Islamisten überhört wird, ist die Stimme der ethnischen und religiösen Minderheiten im Libanon. Das Land ist bekannt für seine Minderheitenvielfalt, welche die Wiege besonderer kultureller Fülle ist, aber gleichzeitig den Libanon für radikale Kräfte extrem verwundbar macht. So fürchten Christen und Drusen in den Wirren des überschwappenden syrischen Bürgerkriegs zwischen die radikalen, islamistischen Zahnräder zu geraten. Deshalb pochen die Christen – auch wegen ihrer militärisch schwachen Position – auf Ausgleich und fordern Liberalismus und Demokratie als Garant für einen funktionierenden Vielvölkerstaat. Doch die aktuelle Eskalation bestätigt auch die Befürchtung vieler Christen, dass radikale islamistische Gruppen mit saudischer oder iranischer Unterstützung die Oberhand gewinnen könnten.

Auch die Drusen fordern Liberalismus und Demokratie, welche ihnen bisher politische Partizipation ermöglichten. Doch auch sie blicken mit Sorge nach Syrien und können sich der Sogwirkung des Konflikts nur schwer entziehen. So findet sich im Nachbarland ebenfalls eine drusische Minderheit, deren Schutz im Falle einer islamistischen Machtübernahme gefährdet wäre. Damit befinden sich die libanesischen Drusen in einem Dilemma, die sie zwischen der Bewahrung einer liberalen Gesellschaft im Libanon und dem (militärischen) Schutz ihrer Verwandten in Syrien hin- und her zerrt.

Auch die politische Lage ist bedrückend für die libanesischen Minderheiten, da mittlerweile sämtliche Institutionen nicht mehr handlungsfähig sind. So wurden die für Juni anberaumten Parlamentswahlen um 17 Monate verschoben, nachdem sich die politischen Kräfte nicht auf eine Reform des Wahlgesetzes einigen konnten. Dieses ist im Libanon stark reglementiert, um einem Kräfteungleichgewicht zu Ungunsten von Minderheiten vorzubeugen. Bei einer Veränderung des Wahlgesetzes kann sich diese Machtbalance schnell verschieben. Dementsprechend heikel und emotional aufgeladen ist diese Debatte. Nichtsdestotrotz besteht nun die Gefahr, dass ausländischer Interessen auf den Libanon einwirken und die regionalen Schutzmächte eine politische Rückzahlung ihrer Unterstützung verlangen. So blicken die Minderheiten mit großen Vorbehalten auf den syrischen Stellvertreterkrieg, in dem die gleichen Kräfte Einfluss nehmen wie im Libanon. Der Ausgang des dortigen Bürgerkriegs wird damit ein Vorbote für die politischen Machtverhältnisse im eigenen Land sein.

Diese Abhängigkeit und Schockstarre macht Verhandlungen für alle Beteiligten unmöglich. Dabei bräuchten die libanesischen Minderheiten genau diese, um sich einer halbwegs sicheren Zukunft gewiss sein zu können. Stattdessen müssen sie befürchten, in diesem Kräftemessen unterzugehen. Dazu tragen auch die Flüchtlingsströme aus Syrien bei, die die Gefahr bergen, durch einen schlagartigen demographischen Wandeln einen Kollaps im Libanon einzuleiten. Damit würden die dortigen Machtverhältnisse zwischen Sunniten, Schiiten und anderen ethnischen Minderheiten grundlegend neu geordnet. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Minderheiten in einem solchen Szenario unter die Räder kommen, ist leider sehr hoch.

Quellen:
http://www.swp-berlin.org/de/publikationen/swp-aktuell-de/swp-aktuell-detail/article/libanons_langsame_selbstzerstoerung.html

Foto: Drusen. Foto von Farfahinne, flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s