Kämpfe um Malula – Christen zwischen den Fronten des Bürgerkriegs

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Foto: DWinton, Flickr (CC BY-NC 2.0)
 

Text: Niklas Freund

Am Mittwoch starteten islamistische Rebellen Angriffe auf die kleine Ortschaft Malula. Am Samstag, den 07. September 2013 gab es dann übereinstimmende Berichte über die Einnahme des Ortes. Seitdem scheint Malula unter der Kontrolle der Dschihadisten zu sein, die unter anderem der Al-Kaida nahen Al-Nusra Front zuzuordnen sind. Am Montag, den 09. September 2013 wurde berichtet, dass Regierungstruppen mit dem Gegenangriff begonnen haben. Mittlerweile soll Malula wieder unter der Kotrolle der Regierungstruppen sein. Die Kämpfe um den Ort gehen aber wohl weiter.

Nun ist Malula, vielen bekannt aus Rafik Schamis Kurzgeschichtensammlung „Märchen aus Malula“, kein gewöhnlicher Ort. Das Besondere an der kleinen Ortschaft ist, dass hier noch Aramäisch gesprochen wird, die Sprache Jesu. Nur wenige Tausend Einwohner hat Malula, von denen drei Viertel Angehörige der christlichen Minderheit Syriens sind. Dabei handelt es sich vorwiegend um griechisch-katholische Christen. Die Christen von Malula lernen die alte Sprache in einem moderneren Dialekt, dem Neuwestaramäisch.

Durch die Kämpfe um Malula sind nicht nur die zahlreichen christlichen Klöster und Kirchen von der Zerstörung bedroht, auch die Zukunft dieser alten Sprache ist ungewisser denn je. Ein großer Teil der Bevölkerung von Malula soll bereits geflohen sein.

Umkämpft ist der Ort in erster Linie aufgrund seiner strategisch günstigen Lage rund 50 Kilometer nördlich von Damaskus. Die Autobahn zwischen der Hauptstadt und der Stadt Homs führt hier vorbei. Vor dem Bürgerkrieg war Malula eines der attraktivsten Ziele für Touristen und ein wichtiger Pilgerort für Christen der Region.

An dem Fall Malula wird aber auch deutlich, dass sich die syrische Revolution zu etwas sehr Gefährlichem entwickelt hat, betroffen sind nicht zuletzt die syrischen Christen. Im Kleinen geschieht hier etwas, was im Großen für die gesamte christliche Glaubensgemeinschaft gilt: Sie gerät zwischen die Fronten des Bürgerkriegs.

Vom Regime in den letzten Jahrzehnten toleriert, verhielten sich weite Teile der christlichen Minderheit zu Beginn der Proteste zurückhaltend und neutral. Häufig wurde den Christen deswegen generell vorgeworfen auf der Seite des Regimes zu stehen.

Nachdem der Aufstand begann sich zu radikalisieren und die Opposition wie auch die Freie Syrische Armee von Islamistischen Kräften unterwandert wurde, häuften sich dann auch Berichte über Ermordungen und Entführungen von Christen sowie über Plünderungen christlicher Einrichtungen.

In der Folge intensivierte sich die Flucht der Christen aus Syrien. Die meisten von ihnen flohen und fliehen in den Libanon, wo es eine große christliche Gemeinschaft gibt.

So besteht die Gefahr, dass die Akzeptanz der syrischen Revolution unter den Christen zugunsten des Regimes abnehmen wird, da zu befürchten ist, dass im Falle eines Sieges der islamistischen Kräfte innerhalb der syrischen Opposition, Christen ihren Glauben nicht mehr frei ausleben können. Aus dem gleichen Grund sind viele Christen auch gegen einen Militärschlag der USA. Profitieren würden von einer solchen Intervention hauptsächlich Islamisten, so die Sorge.

Inwiefern diese Befürchtung begründet sind, kann aufgrund der Informationslage nicht endgültig geklärt werden, zumal die Syrische Opposition und die Freie Syrische Armee die Dinge anders darstellen. Sie verweisen darauf, dass Rebellen vielerorts christliche Dörfer schützen. Auch diese Berichte können jedoch nicht verifiziert werden.

Auch über die aktuelle Lage und die neuesten Entwicklungen in Malula selbst gibt es keine gesicherten Informationen. Viele Berichte legen aber den Schluss nahe, dass die Dschihadisten die Bedrohung der christlichen Minderheit real werden lassen. So sollen die Rebellen angefangen haben Kreuze von den Gebäuden abzumontieren und christliche Einrichtungen zu plündern. Beweise dafür gibt es allerdings nicht.

Dass ein syrischer Christ, der diese Berichte hört, den Glauben an die syrische Revolution verliert und sich gezwungen fühlt, zu fliehen, ist dennoch gut vorstellbar..

Die Rolle des Regimes kann jedoch genauso wenig positiv bewertet werden. So trägt es ebenso dazu bei, dass sich die Christen im syrischen Bürgerkrieg zwischen den Fronten wiederfinden. In Malula soll es den Regierungstruppen untersagt worden sein, den Ort mit Hilfe schwerer Waffen zurückzuerobern, damit die historischen christlichen Gebäude nicht beschädigt werden.

Dass das Regime so rücksichtsvoll mit den Christen umgeht, geschieht aber sicherlich nicht  aus reiner Nächstenliebe. Eher ist zu vermuten, dass versucht wird, die christliche Minderheit für sich zu gewinnen, die Opposition so zu schwächen und gleichzeitig das eigene Image in der Weltöffentlichkeit aufzuwerten.

Die Gefahr für die syrischen Christen wird so eher größer als kleiner. Die Zukunft der christlichen Minderheit in Syrien ist ungewisser denn je.

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