Die jemenitischen Al-Akhdam finden kein Gehör bei der Konferenz für den nationalen Dialog

Von Linus Mandl

Der 18. September 2013 war der Stichtag für die sechsmonatige Konferenz für den nationalen Dialog (KND) im Jemen. Sie war einberufen worden, um dem verarmten Land im Südwesten der arabischen Halbinsel, einen neuen Verfassungsentwurf zur Abstimmung zu geben und Neuwahlen zu initiieren. Seit der ehemalige Präsident Ali Abdullah Salih im Zuge der Proteste in der arabischen Welt 2011 zurücktrat, ist das Land in Aufruhr. Die schon lange angespannte Sicherheitslage hat sich währenddessen stetig verschlechtert. Mehr denn je strebt der Südjemen, der sich 1990 mit dem Norden vereinigte, die Unabhängigkeit an. Die zunehmend verfahrene Situation zwischen den unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Interessensgruppen erschwert allen Parteien die Konsensfindung. Deshalb kam die KND entgegen ihrer eigenen Zielsetzungen bisher zu keinem Ergebnis. Sämtlicher Fokus ist nun auf die Zukunft des Landes und seiner möglichen Teilung gerichtet. Die separatistische, südjemenitische Bewegung „Hiraak“ – ein loser Zusammenschluss unterschiedlicher Organisationen – drängt immer stärker auf eine Unabhängigkeit der südlichen Provinzen. Für den Norden ist dies inakzeptabel. Es ist unwahrscheinlich, dass beide Seiten in naher Zukunft Zugeständnisse machen werden. Eine diskutierte Lösung ist die übergangsweise Einführung eines föderalen Systems, wobei es auch hier Streit über die Grenzen der jeweiligen Verwaltungsbezirke gibt. Der Großteil der „Hiraak“ Mitglieder nahm daher gar nicht erst an den Verhandlungen teil. Sollte bei den Gesprächen langfristig kein Konsens gefunden werden und sich militante Tendenzen innerhalb der jeweiligen Lager stärker hervortun, dann wäre dies fatal für die bereits hochkritische Sicherheitslage des Jemen. Für die jemenitischen Minderheiten bedeutet dies ein Horrorszenario, bei dem sie Gefahr laufen zwischen die Fronten zu geraten.
Vor allem die Minderheit der Al-Akhdam würde unter einer Verschärfung der politischen Lage zu leiden haben. Ihre Vorfahren sollen als Soldaten vor rund 1500 Jahren aus dem heutigen Äthiopien gekommen sein und damit schon lange in vorislamischer Zeit jemenitisches Gebiet besiedelt haben. Trotz dieser langen Geschichte, werden die Al-Akhdam aufgrund ihrer dunkleren Hautfarbe von weiten Teilen der jemenitischen Politik und Gesellschaft diskriminiert. Da die Sklaverei erst nach der Revolution 1962 im Jemen abgeschafft wurde, waren viele der Al-Akhdam (arabisch für „Diener“) bis Mitte des 20. Jahrhunderts Leibeigene. Noch heute hängt ihre soziale Stellung mit diesem dunklen Kapitel jemenitischer Geschichte zusammen. Noch immer werden sie auf dem Arbeitsmarkt systematisch diskriminiert. Häufig müssen sie als Tagelöhner und Bettler über die Runden kommen. Denjenigen unter ihnen, die Arbeit finden, bekommen selbst nach Jahren keinen festen Arbeitsvertrag, trotz der Vorschrift, dass nach sechs Monaten ein solcher abgeschlossen werden muss. Nach wie vor halten sich unappetitliche Gerüchte über die Al-Akhdam unter den Jemeniten. Ihnen wird nachgesagt, sie würden ihre Toten essen und es sei gängig, dass sich ihre Frauen prostituieren. In einer stark islamisch geprägten Gesellschaft wie der des Jemens ist dies ein absolutes Tabu. Auch aufgrund solcher Gerüchte sind die Al-Akhdam stigmatisiert und haben kaum Möglichkeiten, ihrer gesellschaftlichen Isolation zu entkommen. So leben viele in den Slums an den Rändern der Großstädte, wo sie unter bitterster Armut leiden. Sie gehören zur untersten Kaste in einem der ärmsten Länder der Welt. Dass sie bei den jetzigen Verhandlungen über die neue Verfassung und den weiteren Verbleib der Einheit des Landes kein Gehör finden, liegt an eben dieser Marginalisierung. Die Al-Akhdam, die sich selbst als al-Muhamaschun (arabisch für „die Marginalisierten“) bezeichnen, haben keine nennenswerte politische Lobby. Dementsprechend gering ist ihr Einfluss in der Politik. Sollten sie bei den momentanen Gesprächen, die wegweisend für die Zukunft des Jemens sein werden, wieder nicht einbezogen werden, könnte es sein, dass sich ihre bereits jetzt prekäre Situation noch weiter verschlechtert. Die gesellschaftliche Anerkennung und die Teilhabe an politischen Prozessen würde für sie damit ein weiteres mal in weite Ferne rücken.

Sana'a CC BY 2.0 ai@ce
Quelle: flickr.com, ai@ce (CC BY 2.0)

Viele Al-Akhdam leben in Slums an den Rändern von Großstädten. Auch in der jemenitischen Hauptstadt Sana’a (Bild) versuchen sie zu überleben.

Mehr Informationen finden Sie auf unserer Homepage sowie im „Pogrom“ Magazin der Gesellschaft für bedrohte Völker.

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