Pogrom gegen die tschetschenische Bevölkerung in der russischen Provinzstadt Pugatschow

Text: Julia Portnowa

Die Unruhen von Pugatschow im Juli 2013 –  Aufstand gegen die tschetschenische Bevölkerung
 
Am 7.Juli 2013 versammelten sich hunderte Einwohner Pugatschows (Gebiet Saratow) und forderten die sofortige Ausweisung aller „Kaukasier“, vor allem der tschetschenischen Diaspora aus der Region.
Die Krawalle gingen soweit, dassder Mob am 8. Juli – zum Teil bewaffnet mit Metallstangen und Äxten –  die Bundesstraße  Samara-Wolgograd blockierte, versuchte die Bahntrasse zu sperren und ein kaukasisches Café anzuzünden.
Nur mit Mühe konnten Polizei und staatliche Sicherheitskräfte für Ordnung sorgen.
 
 
 
Es begann mit dem Streit um ein Mädchen und gipfelte in einer Hetzjagd auf Menschen aus dem Kaukasus
 
Ursache der Ausschreitungen war der Mord an dem 20-järigen Ruslan Marschanow, der in der Nacht vom 6. Juli von dem Tschetschenen Ali Hadajew erstochen wurde.
Angeblich begann alles mit dem Streit um ein Mädchen, der Freundin Ruslan Marschanows, die auch dem 16-jährigen Ali gefiel. Das Mädchen soll die Jugendlichen aufgefordert haben, um sie zu kämpfen, woraufhin sich die beiden am Abend des 6.Juli in einer Tanzbar im Zentrum Pugatschows verabredeten.
Die Schlägerei wurde von mehreren Jugendlichen beobachtet, die nicht einschritten, da sie wussten, dass der Kampf geplant gewesen sei.  Doch als sie sahen, dass der körperlich unterlegene Ali mit einem scharfen Gegenstand auf den ehemaligen Fallschirmjäger Ruslan einzustechen begann, um sich aus dessen Würdegriff zu befreien, gingen die Zuschauer dazwischen und lösten den Kampf auf.
Laut Zeugenaussagen soll der Kampf  von Dritten, darunter auch dem Mädchen,organisiert worden sein.
 
Nach dem Angriff wurde Ruslan sofort ins Krankenhaus gebracht und konnte zu der Zeit noch selbstständig stehen und reden. Doch er wurde nicht ordnungsgemäß medizinisch versorgt, da sich kein verantwortlicher Arzt im Krankenaus befand und die diensthabende Krankenschwester ihn nur notdürftig versorgte. Als der Arzt dann eintraf, schimpfte er, der Verletzte habe den Boden des Warteraums vollgeblutet, anstatt ihn sofort zu versorgen. Auch waren nicht genügend Blutreserven da, um Ruslan Marschanow vor dem Verbluten zu retten. Er verstarb eine Stunde nach Eintreffen im Krankenhaus.
 
 
Überfall auf tschetschenische Familien in Pugatschow
 
Bei einem persönlichen Treffen des Gouverneurs der Region Saratow,  Waleri Radajew, mit den Einwohnern Pugatschows verlangten diese eine öffentliche Verhandlung gegen den Beschuldigten und forderten eine Verschärfung der Migrationsgesetzgebung sowie die sofortige Ausweisung nicht russischer Krimineller.
Die Bevölkerung drohte dem Gouverneur auch damit, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen und „Ordnung“ in ihrer Region herzustellen, sollte die Politik auf ihre Forderungen nicht eingehen.
 
Radajew versicherte den Demonstranten der 40.000 Einwohner Stadt, dass der Mord an Ruslan Marschanow schnellstmöglich aufgeklärt wird und die Schuldigen mit aller Härte bestraft werden.
 
Zur selben Zeit, berichteten russische Medien, rief der  Rechtsradikale Nikolaj Bondarik seine Gleichgesinnten dazu auf nach Pugatschow zu fahren, um dort „aufzuräumen“ und die Ausländer „rauszuschmeißen“.
 
Aus Angst vor der aufgebrachten Bevölkerung verließen viele Tschetschenen ihre Häuser und zogen zu Verwandten in benachbarte Regionen. Diejenigen, die keinen Rückzugsort hatten, blieben in Pugatschow zurück – so zum Beispiel auch die Familienangehörigen der Angeklagten Nazirov.
 
Der Menschenrechtsaktivist Imran Ezhiev der seit längerem die Unruhen vor Ort beobachtet, berichtete der GfbV, dass die verbleibenden tschetschenischen Einwohner Pugatschows  eine Woche nach Ausbruch der Unruhen eine Mitteilung der Bezirksdirektion erhielten. Es hieß eine große Anzahl russischer Nationalisten sei auf dem Weg nach Pugatschow, um die Tschetschenen zu vertreiben.
Die rund 20 Tschetschenen, die sich noch in Pugatschow befanden, wurden zu ihrer eigenen Sicherheit dazu aufgefordert sich im Haus der Familie Nazirov im Dorfe Anin Werch Gebiet Pereljubst zu versammeln und dort unter Polizeischutz auszuharren, bis die örtlichen Sicherheitskräfte die Neonazis unter Kontrolle gebracht haben.
Die verängstigten Menschen folgten der Anweisung des Abschnittsbevollmächtigten und begaben sich samt ihrer Wertsachen am 10. Juli in das Haus der Familie Nazirov. Um 4 Uhr morgens am 11. Juli stürmten maskierte Männer der Spezialeinheit OMOH Otrjad Mobilny Osobogo Nasnatschenija – „Mobile Einheit besonderer Bestimmung“ das Haus, zwangen die Menschen sich vor dem Haus auf den Boden zu legen und durchsuchten ihre Sachen. Bei dem Überfall durch die Spezialeinheit der russischen Polizei wurde einem jungen Mann gezielt in beide Beine geschossen und die Wertsachen – wie Geld, Handys, Laptops –  der Schutzsuchenden konfisziert.
Laut Imran Ezhiev und der anwesenden Tschetschenen handelte es sich um einen gezielten Racheakt der russischen Polizei gegen die tschetschenische Bevölkerung der Region und wird von den Medien totgeschwiegen.
 
 
Willkürliche Verhaftung, Folter, unfairer Prozess
 
Im Zuge des Ermittlungsverfahrens zum Mord an Ruslan Marschanov wird aber nicht nur  Ali Nazirov beschuldigt, sondern auch seine Cousins Chizir und Chamzat Nazirov, sowie Ruslan Haydaiev, die angeblich die Tat geplant hatten.
Alle vier Jugendlichen sitzen derzeit in Untersuchungshaft und treffen nach Berichten der regierungsnahen Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ bei jedem Verhör eine andere Aussage (Siehe http://www.kp.ru/online/news/1531628). Zuerst seien sie nur Zeugen der Tat gewesen, jetzt aber hätten sie angeblich zugegeben, die Streiterei angestiftet zu haben.
 
Was von den Medien berichtet wird und tatsächlich der Wahrheit entspricht, ist jedoch schwer einzuschätzen. Obwohl mittlerweile über einhundert Zeugen verhört worden sind, schreitet das Ermittlungsverfahren nur schleppend voran und die Beweislage ist sehr undurchsichtig.
 
Da der geständige Täter Ali minderjährig und somit nur bedingt strafmündig ist, versucht die Polizei den jungen Mann dazu zu bringen sein Geständnis zurückzuziehen, um die Tat seinem Cousin Chizir Nazirov anzuhängen.  Denn aufgrund seiner Volljährigkeit würde Chizir Nazirov  eine langjährige Haftstrafe  erwarten, berichtet uns Imran Ezhiev.
Es ist anzunehmen, dass im Fall des Mordes an Marschanov die russischen Behörden / politischen Machthaber der Region einem hohen öffentlichen Druck ausgesetzt sind und darauf drängen einen schuldfähigen Täter zur Verantwortung zu ziehen, um die Gemüter der aufgebrachten russischen Bürger zu beruhigen.
 
Momentan sitzen alle vier Beschuldigten in Untersuchungshaft, die am 9. September um vier Monate verlängert worden ist. Eine juristische Vertretung für die Angeklagten zu finden erweist sich als schwierig, da die meisten Anwälte den Fall nicht annehmen wollen, weil sie Angst vor Drohungen oder Diskreditierung haben. Der Anwalt, der sich bereit erklärt hatte,  die Angeklagten zu verteidigen, wurde massiv bedroht und zog sich aus Selbstschutz von dem Fall zurück. Mittlerweile hat sich eine Anwältin gefunden, die die Verteidigung der  vier tschetschenischen Brüder übernimmt.
 
Nach aktuellen Berichten kann davon ausgegangen werden, dass der Prozess eher auf eine Befriedigung der pugatschowschen Bevölkerung aus ist und nicht der wahrheitsgemäßen Klärung der Schuldfrage nachgeht. Deutlich wird dies, wenn man die selektive Berichterstattung der russischen Medien zum Fall Pugatschow betrachtet, als auch die massiven Drohungen und  Einschränkung der Arbeit von Menschenrechtsaktivisten wie auch der von Imran Ezhiev.
 
Allgemein zur Lage in der Region
 

Pugatschow im Gebiet Saratow ist Teil der russischen Provinz und dient als Beispiel für eine Reihe von Missständen der russischen Peripherie.
Eine geringe Lebensqualität und Alkoholismus, eine hohe Arbeitslosenrate und Kriminalität, das sind Merkmale, die mitverantwortlich für den Fremdenhass vieler ethnischer Russen sind und nicht nur im Süden Russlands vielen Migranten zum Verhängnis werden.
Die Spannungen innerhalb der multiethnischen Bevölkerung Russlands resultieren vor allem aus den sozialen und politischen Mängeln und der Perspektivlosigkeit der jungen Generation.
 
Bewohner Pugatschows berichten, dass es vor dem Mord an Ruslan schon viele ähnliche Mordfälle gegeben habe. Unter den Opfern waren Angehörige verschiedener Nationalitäten, darunter Armenier, Dagestaner,  Aseris, Tschetschenen und Russen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s