Rückzug der Ölmultis aus dem Nigerdelta –Ölverschmutzungen bleiben

In den vergangenen Wochen häufen sich Meldungen über den Verkauf von Ölblöcken und Pipelines einiger internationaler Ölkonzerne im Nigerdelta. In dem Delta, dessen Fläche ungefähr der Größe Bayerns entspricht, wird seit 1957 Rohöl gefördert. Nigeria gehört zu den größten Ölproduzenten weltweit. Trotz des Rohstoffreichtums lebt der Großteil der Bevölkerung in Armut. Dieser Widerspruch erklärt sich mit nur einem Wort: Korruption.

Die Aktivitäten dieser boomenden Wirtschaftsunternehmen hinterlassen ihre Spuren: Das Öl fließt längst nicht mehr nur durch die Pipelines, sondern malt bunt schillernde Schwaben auf die Wasseroberfläche des Nigers und seiner unzähligen Nebenarme. An den Ufern, wo einst eine einzigartige Vegetation blühte, zeichnen sich jetzt nur noch die Silhouetten abgestorbener Mangroven ab.

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2011 wurde im Rahmen des UN Environmental Programme erstmals ein wissenschaftlich fundierter Bericht veröffentlicht, der die verheerenden Umweltschäden, die in über 50 Jahren Ölförderung im Nigerdelta angerichtet wurden, offen legt: Neben der zerstörten Vegetation an den Flussarmen, sind auch die landwirtschaftlich genutzten Flächen verseucht. Die Landwirtschaft stellte bislang gemeinsam mit der Fischerei die Existenzgrundlage der Nigerdeltaeinwohner dar. Aber auch die Fischerei ist schwer getroffen, da Fische kontaminiertes Wasser genauso meiden wie ölbehaftete Netze. Für die Fischer bedeutet dies, dass sie den Fischschwärmen in abgelegene Gewässer folgen und in neue Netze investieren müssen.

An 41 Stellen wiesen die UNEP Forschungsteams Kohlenwasserstoffe (die Hauptbestandteile von Erdöl sind) im Grundwasser nach. Bei einer der Proben schwamm sogar ein acht Zentimeter dicker Ölfilm auf dem für die Bevölkerung so wichtigen Grundwasser: Es dient der Versorgung einer gesamten Siedlung. 28 Brunnen, die zehn Gemeinden versorgen, gelten als kontaminiert. In sieben dieser Brunnen überstiegen die Wasserproben den nigerianischen Standardwert um ein tausendfaches. Das Fazit der Untersuchungen lautete: Sowohl Fluss-, Grund- und Trinkwasser als auch ganze Landstriche sind kontaminiert. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen im Nigerdelta wird laut UNEP-Report auf unter 50 Jahre geschätzt.

Der UNEP-Report wies darauf hin, dass die Säuberung der kontaminierten Flächen bei sofortigem Beginn 25 bis 30 Jahre andauern würden. Mithilfe eines sofort zu generierenden Restaurationsfonds, der mindestens eine Milliarde US-$ schwer sein müsste, sollten laut UNEP die ersten Sofortmaßnahmen ergriffen werden. Der umfassende Empfehlungsplan der UNEP fordert Verantwortungsbewusstsein und Initiative aller Beteiligten, also auch der ausländischen und inländischen Ölkonzerne. Allerdings wurden bis heute nur wenige zaghafte Schritte unternommen, sodass von einer Umsetzung des UNEP Reports nicht gesprochen werden kann.

In Anbetracht des sich abzeichnenden Rückzugs verschiedener ausländischer Ölriesen wird Kritik daran laut, dass sich eben diese Konzerne ihrer Verantwortung zu entziehen versuchen. Konkret wurde über Verkaufsvorhaben von Shell, ConocoPhillips und Chevron berichtet. Während sich das US-Amerikanische Unternehmen ConocoPhillips scheinbar gänzlich von seiner nigerianischen Sparte trennen wird, verkauft der niederländisch-britische Ölriese Shell vereinzelte Ölproduktionsblocks oder Pipelines. Durch bereits getätigte Verkäufe nahm Shell seit 2010 etwa 2 Milliarden Dollar ein und beabsichtigt derzeit den Verkauf von weiteren vier Ölproduktionsblöcken, deren Produktionsleistung auf etwa 70.000 Barrel pro Tag geschätzt wird, und einer Hauptpipeline im südlichen Nigerdelta.

Als Grund gibt Shell die steigende Anzahl von Sabotageakten an den Ölpipelines an. Tatsächlich stellte der britische Think Tank Chatham House fest, dass im ersten Quartal 2013 täglich ca. 100.000 Barrel Öl im Nigerdelta verschwanden. Allerdings weist Chatham House darauf hin, dass die Angaben in der Regel Schätzungen sind und sich auch nicht ausschließlich auf Diebstahl, sondern auch auf Verluste durch Lecks in maroden Leitungen etc. beziehen. Entgegen der Behauptung von Shell, dass mindestens 75% der Öllecks auf Sabotageakte zurückzuführen seien, legten Amnesty International und das Center for Environment, Human Rights and Development (CEHRD) dieses Jahr einen fundierten Bericht vor, der die Praktiken und Verschleierungen bei Leckuntersuchungen im Nigerdelta abbildet. Bei dem Versuch, eine Gegendarstellung zu bieten, verstrickte sich Shell jedoch in widersprüchliche Aussagen. Die Streitfrage, wie viele Lecks nun Sabotageakten oder nachlässiger Instandhaltung geschuldet sind, ändert nichts an der Tatsache, dass auch die operierenden Ölkonzerne im Nigerdelta ihre Verantwortung bezüglich der Säuberung und Verbesserung der Nachhaltigkeit im Nigerdelta wahrnehmen müssen.

Einer der besonders schlimm betroffenen Ethnien im Nigerdelta sind die Ogoni. Die Nichtregierungsorganisation Movement for the Survival of Ogoni People (MOSOP) kämpft immer noch verzweifelt für die Rechte und Entschädigungen der Ogoni. Der offensichtliche Rückzug einiger Ölriesen und die immer noch offenen Frage nach Entschädigungszahlungen und der Beseitigung der Umweltschäden brachte MOSOP so weit, dass sie nun drohen, den nigerianischen Staat aufgrund seiner Untätigkeit des Genozids zu bezichtigen. Dieser schwere Vorwurf nährt sich aus der Logik, dass seit 2011 kaum bzw. keine Verbesserung im Leben der Ogoni zu verzeichnen ist und die Menschen weiterhin gezwungen sind, kontaminiertes Wasser zum Trinken, Waschen und Kochen zu nutzen, da es schlichtweg keine Alternative gibt.

Einen Hoffnungsschimmer erkennen die Ogoni gleichzeitig im Ausland: So wurde der niederländisch-britische Konzern Shell Anfang 2013 von einem niederländischen Gericht zu Entschädigungszahlungen an einen Landwirt des Nigerdeltas verklagt. Zum ersten Mal wurde ein Ölkonzern im Heimatland für seine Aktivitäten im Ausland zur Rechenschaft gezogen. Inwiefern dieses Gerichtsurteil als Präzedenzfall gilt, ist schwer einzuschätzen. Immerhin konnte Shell in nur einer von fünf Anklagen zur Kasse gebeten werden.

Es bleibt also abzuwarten ob und inwiefern sich die Nigerdeltabewohner gegen die Ölmultis und den nigerianischen Staat durchsetzen können, und wann sie endlich wieder bedenkenlos Wasser genießen können.

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