Mittelamerika: Drogenhandel auf Kosten der indigenen Bevölkerung

von Vanessa Müller

Je beharrlicher gegen den Drogenhandel in den USA, Mexiko und Lateinamerika vorgegangen wird, desto stärker verlagert er sich in die entlegensten Orte Zentralamerikas: den Regenwald. Seit der Jahrhundertwende gehört die Abholzungsrate in Honduras, Guatemala und Nicaragua zu den höchsten des Kontinents. Zwischen 2006 und 2010 vervierfachte sie sich im Osten von Honduras sogar, wie eine siebenköpfige Forschungsgruppe unter der Leitung der Professorin Kendra McSweeney der Ohio State University in dem kürzlich publizierten Artikel „Drug Policy as Conservation Policy: Narco-Deforestation“ berichten. Die Leidtragenden sind die Indigenen vor Ort, weil sie sich den mächtigen Drogenkartellen nicht widersetzen können.

Am 22. Februar 2014 verurteilte ein Gericht in Guatemala-Stadt neun Bandenmitglieder (drei Mexikaner, sechs Guatemalteken) des mexikanischen Verbrechersyndikats Los Zetas zu fast 1.000 Jahren Haft. Diese verübten im Mai 2011 ein Massaker an 27 indigenen Landarbeitern, nachdem sie den verfeindeten Drogenhändler Otto Salguero auf seiner Finca an der Grenze zu Mexiko im Regenwaldgebiet des Petén nicht antrafen. Die Mitglieder des Drogenkartells enthaupteten 23 der Landarbeiter und schrieben mit ihrem Blut an die Wand „Otto Salguero, Bastard, wir finden dich und dir wird das Gleiche geschehen“.

Seitdem die mexikanische Regierung und die USA mit immer härterer Hand gegen den Drogenhandel in Mexiko vorgehen, ziehen sich die Drogenhändler in die entlegenen und dünn besiedelten Wälder nach Guatemala, Honduras und Nicaragua zurück. Hier können sie abseits staatlicher Präsenz, ihre Geschäfte ungestört fortsetzen. „Poröse Grenzen, Korruption und schwache öffentliche Institutionen machten Guatemala und Honduras besonders attraktiv für den organisierten Drogenhandel“, schreiben die Wissenschaftler. Die enge Korrelation zwischen dem Zeitpunkt und Ort des Waldsterbens mit dem intensiven Drogenschmuggel spricht für die These der Wissenschaftler, dass eine Rodung des Regenwaldes direkt wie indirekt mit dem Drogenhandel in Zusammenhang steht. McSweeney, die bereits seit über 20 Jahren in Honduras forscht, berichtet, dass seit 2007 enorme Waldflächen gerodet wurden. Als Gründe gaben die Einheimischen „los narcos“ – die Drogenhändler an. Doch auch die Wissenschaftler vor Ort bemerkten das Problem, als sie immer häufiger 20 Dollar Scheine wechseln sollten „an Orten, an denen Bargeld sehr selten und Dollar nicht die eigentliche Währung ist“, berichtet McSweeney.

Image

CIFOR / Flickr, CC BY-NC 2.0

Gigantischen Regenwaldflächen müssen für die Umschlageplätze des Drogenschmuggels weichen. Es werden Straßen gebaut und Flugzeuglandebahnen errichtet, damit die Ware ungestört eintreffen und wieder abgeschickt werden kann. Die dabei verursachte illegale Abholzung dient zugleich der Geldwäsche, indem zusätzlich Palmölplantagen, Weideplätze oder Viehwirtschaft betrieben werden. Diese ‚Aufbereitung‘ des Landes dient zugleich der Legitimierung der ansässigen Drogenorganisationen, die damit rivalisierende Banden fernhalten und sich ihre Einflussnahme in den Grenzgebieten sichern. In diesen abgelegenen Regionen haben Regierungen kaum Einfluss, zumal lokale Machthaber wie  Großbauern, Landspekulanten oder Holzhändler durch den Handel mit Drogen verdienen. Ermutigt von den Drogenhändlern weiten sie ihre Aktivitäten auf Kosten der indigenen bäuerlichen Kleinbetriebe weiter aus. Kaum einer traut sich etwas zu sagen, denn in einem Land wie beispielsweise Honduras, das die höchste Mordrate der Welt verzeichnet, kann dies lebensgefährlich sein. Schutzlos sind die in ärmlichen Verhältnissen lebenden Indigenen gewaltvoller Vertreibung, Eigentumsbetrug und Korruption ausgesetzt. Solche Bestechungs- und Gewaltvorwürfe reichen jedoch bis in die obersten Etagen der forstwirtschaftlichen Verwaltungsstrukturen und der Regierungen. Beamte werden dafür bezahlt wegzuschauen, wenn Indigene oder Umweltgruppen bedroht werden und sich aus Angst nicht mehr in die sogenannten Drogenzonen der Regenwaldgebiete trauen.

Die Autoren argumentieren, dass Drogenpolitik immer auch gleichzeitig Naturschutzpolitik sein muss. Damit greifen sie ein zentrales Ergebnis des Berichts The Drug Problem in the Americas der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) aus dem Jahr 2013 auf, der die von den USA vorangetriebene Prohibitionspolitik zur Drogenbekämpfung als gescheitert ansieht. Ein Umdenken und eine Reformierung der Drogenpolitik kann die Situation der Regenwälder nicht allein korrigieren, aber zumindest verbessern und Zeit schaffen, argumentieren die Wissenschaftler.

 

Quelle:

McSweeney, Kendra / Nielsen, Erik A. / Taylor, Matthew J. / Wrathall, David J. / Pearson, Zoe / Wang, Ophelia / Plumb T. Spencer. 2014. „Drug Policy as Conservation Policy: Narco-Deforestation.“ Science 343 (31. Januar): 489-490.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s