Bundespräsident Gauck wohnt alevitischem Newroz-Fest bei

Am 31. März 2014 feiert die Alevitische Gemeinde in Deutschland das alljährliche Newroz-Fest. In diesem Jahr wird Bundespräsident Joachim Gauck dem Newroz-Gottesdienst (Newroz-Erkâni) in der Alevitischen Gemeinde zu Berlin beiwohnen und sich mit einem Grußwort an die Mitglieder wenden. Nie zuvor hat ein Bundespräsident die alevitische Gemeinde auf solche Weise gewürdigt. Ein guter Anlass, um sich genauer mit der Religionsgemeinschaft auseinanderzusetzen, die in Deutschland als solche anerkannt ist, in der Türkei aber immer noch  keinen legalen Status besitzt.

An Newroz (persisch für „Neuer Tag) werden der Beginn des Frühlings und die damit einhergehende Erneuerung der Natur und des Lebens gefeiert. An diesem Tag ist der Tag genau so lang wie die Nacht. Man glaubt, dass dies die Geburtsstunde des Lichts ist und würdigt den Geburtstag des heiligen Ali.

Viele Aleviten distanzieren sich bewusst vom Islam und wollen nicht als „liberale Moslems“ bezeichnet werden, wie es vielfach der Fall ist. Durch die Verbindung zur vorislamischen anatolischen Kultur und die Entwicklung eigener synkretistischer Glaubensinhalte unterscheiden sie sich stark von den islamischen Glaubensrichtungen. Grundwerte wie Gerechtigkeit, Menschenliebe, Toleranz, Religions- und Meinungsfreiheit spielen im Alevitentum eine wichtige Rolle. Gott, Mensch und Natur werden als eine Einheit betrachtet und der Mensch und andere Wesen werden als Widerspiegelung der Geheimnisse und Gesichter Gottes auf Erden angesehen.

Die Schätzungen über die Zahl der in Deutschland lebenden Aleviten gehen stark auseinander: Es sollen zwischen 600.000 und 800.000 sein. Die meisten stammen aus der Türkei oder sind Nachkommen von Migranten. Hier sind sie gemäß Art. 7 Abs. 3 GG als Religionsgemeinschaft anerkannt und auch die deutschen Schulsysteme haben sich mit ihrem Religionsunterricht zu Teilen auf die alevitische Minderheit eingestellt. Der Dachverband der Aleviten, die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. (AABF), wurde zunächst in Deutschland gegründet und fing erst später an, auch in der Türkei aktiv zu werden. Die Aleviten sind inzwischen eine gut vernetzte, gut organisierte und politisch aktive gesellschaftliche Gruppe in Deutschland, die sehr gut integriert und angesehen ist. Die Geschichte ihrer Bewegung wird oft als Erfolg bezeichnet.

In den Fokus der Aufmerksamkeit rückte die Minderheit, als sie den Norddeutschen Rundfunk wegen Volksverhetzung verklagte. In einer Folge des „Tatort“ wurde der Fall eines alevitischen Vaters erzählt, der seine Tochter missbrauchte. Diese Geschichte entsprach genau den Gerüchten und Vorurteilen, die vielfach über die Aleviten verbreitet werden.

Gerade in der Türkei sind diese Vorurteile sehr verbreitet. Die rund 15 Millionen Aleviten werden in ihrer Glaubensfreiheit massiv eingeschränkt und diskriminiert. Da die türkische Staatsführung versucht, das Land ethnisch und religiös zu vereinheitlichen, werden Assimilation und Sunnitisierung der Aleviten gemäß der Formel „Wir sind alle Muslime – Hepimiz müslümanı z“ vorangetrieben. Bis heute ist das Alevitentum in der Türkei nicht als Glaubensgemeinschaft anerkannt. Vom staatlichen Präsidium für Religionsangelegenheiten (DIYANET) wird es nicht als Konfession, sondern als anatolische Variante des Islam betrachtet. Oft werden die Gläubigen als Häretikerinnen und Häretiker  bezeichnet. Hinzu kommt, dass in alevitischen Dörfern Moscheen errichtet und sunnitische Vorbeter dorthin gesandt werden. Diese predigen nicht nur den sunnitischen Islam, sondern kontrollieren im Auftrag des türkischen Staates gleichzeitig das Alltagsleben der Aleviten. Zudem ist Religion Pflichtfach an türkischen Schulen. Alevitische Schüler müssen demzufolge die Lehren des sunnitischen Islam lernen, was ihre Glaubensfreiheit schwerwiegend verletzt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat die Türkei deshalb bereits 2007 verurteilt. Verändert hat sich seitdem jedoch wenig. Eines der dunkelsten Kapitel des Alevitentums ist das „Massaker von Sivas“ vom  2. Juli 1993. Während eines alevitischen Kulturfestes wurde ein Hotel in Brand gesetzt, in dem sich zahlreiche alevitische Schriftsteller, Dichter und Musiker aufhielten. Bis Feuerwehr und Polizei zu Hilfe kamen, vergingen einige Stunden, in denen insgesamt 37 Menschen ihr Leben lassen mussten. Die mutmaßlichen Täter wurden nie verurteilt und leben heute zu großen Teilen in Deutschland. Zudem fand bisher keine Aufarbeitung der Vergangenheit statt. Es gibt auch keinen offiziellen Gedenktag. Die Aleviten fordern neben diesem ein ausdrückliches Zugeständnis von Meinungs- und Glaubensfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat.

Das kurdische Newroz-Fest war bis 1994 in der Türkei verboten. Jedes Jahr versuchten die türkische Armee und Polizei, die Newroz-Feierlichkeiten und Kundgebungen unter Einsatz von schweren Waffen niederzuschlagen. Inzwischen dürfen sie ihre Feste zwar öffentlich feiern, müssen diese allerdings in der Regel als „Folklorefeste“ deklarieren und dürfen, wie auch alevitische Vereine, keinen Hinweis auf Religion in ihrem Namen tragen. Dass Joachim Gauck im Newroz-Fest mehr als Folklore sieht und die alevitische Gemeinde als Religionsgemeinschaft würdigt, ist deshalb ein weiterer wichtiger Schritt hin zu mehr Integration, der so hoffentlich auch irgendwann in der Türkei möglich sein wird.

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