South Dakota/USA: Kindesentzug — Lakota kämpfen für eigenes Pflegefamiliensystem

Text: Susanne Thoma

South Dakota reißt zahlreiche Lakota Sioux Familien auseinander und verstößt damit gegen nationales wie internationales Recht: Der amerikanische Bundesstaat bringt jedes Jahr 90 Prozent seiner rund 750 Lakota Pflegekinder in nicht-indigenen Familien oder Heimen unter, obwohl Familien- beziehungsweise Stammesmitglieder bereit sind, die Kinder aufzunehmen. US-Bundesrecht wie die Vereinten Nationen werten dieses Vorgehen als Genozid, da durch systematischen Kindesentzug die Zukunft einer Bevölkerungsgruppe gefährdet wird.

Pete Markham / Flickr CC BY-NC-SA 2.0

Pete Markham / Flickr CC BY-NC-SA 2.0

60 Prozent der Pflegekinder in South Dakota haben indigene Wurzeln. Gleichzeitig werden diese Kinder mit zehnmal höherer Wahrscheinlichkeit von ihren Eltern getrennt als weiße Kinder. Begründet wird der Kindesentzug in 90 Prozent der Fälle durch Vernachlässigung. Problematisch ist bei deren Definition, dass viele Kinder aus einkommensschwachen Lakota Familien automatisch als ‚vernachlässigt’ gelten. Die Lakota werfen dem Bundesstaat deshalb vor, Vernachlässigung mit Armut gleichzusetzen und damit kulturell-tendenziös zu handeln. Die 70 000 Angehörigen der Lakota Sioux Nation gelten als eine der ärmsten, am stärksten unterdrückten indigenen Gemeinschaften Nordamerikas.

Das Verständnis von Vernachlässigung ist zentral. Oft bildet es den Beginn der Odyssee für junge Lakota; dabei könnte diese leicht verhindert werden. Doch immer wieder wird Angehörigen, vor allem Großeltern, die Aufnahme der Kinder verweigert. Begründung: Die häuslichen Gegebenheiten entsprächen nicht den staatlichen Vorgaben; tun sie dies doch, wird argumentiert, die Großeltern seien zu alt beziehungsweise aufgrund lang verjährter oder abgebüsster Straftaten nicht als Erziehungsberechtigte geeignet. South Dakota behauptet dann, es gebe nicht genug Lakota Pflegefamilien und bringt die Lakota Kinder in weißen Familien unter. Dadurch verlieren die jungen Lakota den Kontakt zu ihren Angehörigen, ihrer Heimat und damit auch ihre kulturelle Identität.
Unter normalen Umständen wachsen die Lakota in die Welt ihrer Vorfahren hinein, indem sie von klein auf traditionelles Wissen, Werte und Moralvorstellungen vermittelt bekommen. Kulturelle wie spirituelle Bindungen sowie das Eingebundensein in die Großfamilie spielen bei der Erziehung eine entscheidende Rolle. Nicht von ungefähr steht die Selbstbestzeichnung der Lakota tiyospaye für Großfamilie. In der Sprache Lakota existiert zudem kein Ausdruck für Lebe wohl! – für die Lakota ist es unvorstellbar, sich für immer von seinem Kind zu verabschieden, wissend, dass dieses fern seiner Heimat und ohne Verbindung zu seinen (Stammes-)Angehörigen aufwachsen muss.

South Dakota weist jedem indigenen Kind im Pflegesystem den Status „besondere Bedürfnisse“ zu und erhält dadurch von der Regierung in Washington für dessen Versorgung bis zu 79 000 US-Dollar pro Jahr. Dem Bundesstaat wurde deshalb wiederholt vorgeworfen, aus dem Schicksal seiner Pflegekinder Profit zu schlagen. Richtig ist, dass South Dakota für die Finanzierung seines Staatshaushaltes auf finanzielle Förderung durch den Bund angewiesen ist. Auf der anderen Seite sind die Ausgaben South Dakotas für die Gesundheitsversorgung von Pflegekindern im letzten Jahrzehnt dramatisch gestiegen.
Immer wieder berichten betroffene Lakota, zur Einnahme von Psychopharmaka gezwungen worden zu sein. Die Zwangsmedikation gilt als einer der Gründe, warum die Selbstmordrate von Lakota Kindern und Jugendlichen zwölfmal über dem landesweiten Durchschnitt liegt.

Dass indigenen Familien Kinder entzogen werden, ist kein neues Phänomen: Von 1869 bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verfolgten die USA mithilfe der sogenannten Boarding Schools eine offizielle Politik der Assimilierung und des kulturellen Genozids. Unter dem Motto „Töte den Indianer, rette den Menschen“ wurden Kinder von ihren Eltern getrennt, um sie anschließend in Internaten zu ‚Weißen’ umzuerziehen. 1978 erließen die Vereinigten Staaten zum Schutz dieser Kinder den Indian Child Welfare Act. Indigene Kinder und Jugendliche sollten nur noch in Pflege-/Adoptivfamilien des gleichen kulturellen Hintergrunds vermittelt werden. Da das Gesetz in der Praxis häufig keine Anwendung fand, wurde 2005 das Lakota People´s Law Project ins Leben gerufen, welches aktiv gegen den staatlichen Kindesentzug sowie die Unterbringung in nicht-indigenen Familien kämpft. Über die später mit dem Peabody Award für herausragende Leistung in der Hörfunkproduktion ausgezeichnete Sendung Native Foster Care: Lost Children, Shattered Families wurde das Thema im Oktober 2011 einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Im Mai 2013 berichteten indigene Familien Vertretern des US-Innen- und Justizministeriums sowie Kongressabgeordneten von ihrem Schicksal und den Auseinandersetzungen mit dem Sozialamt von South Dakota. Alternative Wege und Lösungen wurden aufgezeigt; Repräsentanten des Bundesstaates South Dakota blieben der Veranstaltung jedoch fern. Die US-Regierung kann indes auch ohne das Einverständnis des Bundesstaates tätig werden, indem sie das US-Innen-, Justiz- und Gesundheitsministerium anweist, die staatlichen Zuwendungen für das Pflegefamiliensystem statt an den Bundesstaat South Dakota direkt an die Lakota zu überweisen.

In ihren Reservaten verfügen die Lakota über eine eigene politische Verwaltung, eigene Gesetze, eigene Polizeibehörden sowie eigene Bildungssysteme. – Warum also nicht auch über ein eigenes Pflegefamilienprogramm? Mit einer Petition an US-Präsident Barack Obama versucht das Lakota People´s Law Project seit Anfang 2014 genau dieses durchzusetzen. Obama wird aufgefordert, die Kindesentführungen durch South Dakota zu stoppen und den Lakota die notwendigen finanziellen Mittel für ein eigenes Pflegefamiliensystem zur Verfügung zu stellen. – Der Petition fehlen noch knapp 3300 Unterschriften.

Weitere Infos: Auf YouTube ist der Doku-Clip ‘Hearts on the Ground’ der Sundance-Award Gewinnerin Kalyanee Mam verfügbar. Darin berichten betroffene Lakota über ihre leidvollen Erfahrungen im Ringen mit dem Sozialamt von South Dakota.

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