Die Kinder von „Musa Dagh“ heimatlos – Das Schicksal der Armenier in Syrien

Am Wochenende vom 21. bis zum 23. März wurde die syrische Kleinstadt Kassab, an der türkischen Grenze, von radikal islamischen Anhängern der al-Nusra Front angegriffen. Armenischen Quellen zufolge spielt die türkische Regierung eine große Rolle bei der Unterstützung der Islamisten. Mittlerweile ist die Stadt von den Rebellen eingenommen und ein Großteil der Bewohner geflohen.

Schon seit Jahrhunderten ist Syrien die Heimat für die armenische Gemeinschaft. Vor allem während des Genozids unter dem Osmanischen Reich 1915 und 1917, bei dem bis zu 1,5 Millionen armenische Christen getötet wurden, war das Land ein wichtiger Schutz- und Zufluchtsort der verfolgten Minderheit. Das syrische Regime gewährte ihnen nach der Flucht aus der Türkei Schutz und Sicherheit. Durch den Bürgerkrieg hat sich nun allerdings ihre Auswanderung und erneute Flucht intensiviert.

Am 21.März 2014 wurde die überwiegend von Armeniern besiedelte Kleinstadt Kassab an der syrisch-türkischen Grenze von syrischen Islamisten, unter anderem der al-Nusra Front, dem syrischen Zweig der al-Kaida, angegriffen. Seither kämpfen die syrischen Rebellen und die Regierungskräfte um die Kontrolle des Grenzgebietes. In der naheliegenden Provinz Latakia kämpfen die Rebellen und die Regierungstruppen schon seit Längerem um die Vorherrschaft. Die Angriffe der Islamisten kosteten bisher ungefähr 80 Menschen das Leben. 670 armenische Familien, die Mehrheit der Stadteinwohner mussten in die benachbarten Städte Basit und Latakia fliehen. Einige Familien konnten alters- oder krankheitsbedingt nicht fliehen.
Auch die syrische Regierung wirft der Türkei vor, diese offensive der der Aufständischen zu unterstützen.. Das Armenian National Committee-International bestätigte die Angriffe und die Beihilfe der Türkei. Das Land habe aktiv dazu beigetragen, dass die extremistischen Gruppen die christliche Minderheit brutal grenzüberschreitend angreifen konnte.
In den letzten 100 Jahren wurden die Armenier 3 Mal dazu gezwungen Kasab zu verlassen. Jedes Mal war die Türkei selbst Angreifer oder auf der Seite der Angreifer.

Der Übergriff begann am 21.03. um 5:45 Uhr, als Rebellen, die mit der al-Nusra Front in Verbindung stehen, die Grenze nach Syrien überquerten und anschließend die Kleinstadt angriffen. Am folgenden Tag starteten die syrischen Truppen, in einem Versuch den Grenzübergang wiederzugewinnen, eine Gegenoffensive, die nicht verhinderte, dass die Stadt am 23.03. von extremistischen Gruppen eingenommen wurde und die dortgebliebenen Armenier als Geiseln genommen wurden. Die Rebellen schändeten die drei armenischen Kirchen der Stadt, plünderten die Häuser der Einwohner und besetzen sowohl die Stadt selbst, als auch die umliegenden Dörfer.
In den letzen drei Jahren galt Kassab noch als sicherer Hafen für armenische Flüchtlinge aus Städten wie Aleppo, Rakka oder Yacubiye, in denen radikale Sunniten Angehörige von Minderheiten vertrieben.
Die syrische Regierung legte Beschwerde beim UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ein und armenische Verbände aus den USA und der EU appellieren an den US-Kongress und die EU-Kommission, Druck auf die türkische Regierung auszuüben, damit diese die Dschihadisten nicht länger unterstützt. Die internationale Gemeinschaft solle die Türkei in Zukunft davon abhalten Angriffe wie diese gegen die Armenier und andere Minderheiten zu unterstützen.
Die Berichte über die türkische Hilfe zur Vertreibung der Armenier werfen auch neue Fragen zum Absturz einer syrischen Militärmaschine auf, die am 23.03. von einer türkischen F16 beschossen wurde.
Im syrischen Kassab sollen auch Nachfahren der Überlebenden von Musa Dagh leben. Der Berg Musa Dağı liegt im Süden der Türkei und war 1915 Zufluchtsort für mehr als 4000 Armenier, die sich gegen den Vernichtungsfeldzug der jungtürkischen Armee wehrten und sich dessen Deportationsbefehlt widersetzten. Aus dem Schicksal ihrer Heimat wurde mit Franz Werfels „Die 40 Tage des Musa Dagh“ Weltliteratur. Der ehemalige Offizier des osmanischen Reichs, Moses Der Kalousdian, hatte die Bewohner der Nachbardörfer Bitias dazu bewogen mit ihren Schaf- und Ziegenherden auf den Berg zu fliehen. Er besorgte Jagdgewehre und andere Waffen und unter seinem Kommando wurden Gräben ausgehoben und Steinwälle errichtet, sodass mehrere türkische Angriffswellen überstanden werden konnten. Insgesamt dauerte der Widerstand 53 Tage. Am 12.09.1915 kam das französische Kriegsschiff Guichen den Armeniern zu Hilfe und rettete gemeinsam mit drei weiteren Schiffen 4048 Menschen.
Fast 100 Jahre später sind die Armenier erneut Bedrohungen ausgesetzt. Wieder werden sie gezwungen zu fliehen und wieder ist auch die Türkei an ihrem Leid beteiligt. Syrien stellt für religiöse Minderheiten in diesen Tagen keinen sicheren Ort mehr da.

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2 Gedanken zu “Die Kinder von „Musa Dagh“ heimatlos – Das Schicksal der Armenier in Syrien

  1. […] Am Wochenende vom 21. bis zum 23. März wurde die syrische Kleinstadt Kassab, an der türkischen Grenze, von radikal islamischen Anhängern der al-Nusra Front angegriffen. Armenischen Quellen zufolge spielt die türkische Regierung eine große Rolle bei der Unterstützung der Islamisten. Mittlerweile ist die Stadt von den Rebellen eingenommen und ein Großteil der Bewohner geflohen. Mehr lesen unter: https://gfbvberlin.wordpress.com/2014/04/03/die-kinder-von-musa-dagh-heimatlos-das-schicksal-der-arme… […]

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