Kein Türkisch, keine medizinische Behandlung!

Die Einsprachenpolitik der Türkei, die seit jeher im öffentlichen Dienstleistungssektor strikt befolgt wurde, hat bereits zahlreiche Fälle von Benachteiligungen mit sich gebracht. Diesmal handelt es sich um die 59-jährige Nazmiye Özalp (Foto unten) in Izmir, die an Sehverlust sowie Gedächtnisschwund leidet. Sie spricht keine andere Sprache als Kurdisch. Um ein ärztliches Attest zu bekommen, besuchte sie das staatliche Krankenhaus Alsancak Nevvar-Salih Isgören. Eine Untersuchung wurde ihr jedoch mit der Begründung, es gebe keinen vereidigten Übersetzer, der Kurdisch könne, verweigert. Auf ihrem rechten Auge ist sie zur Gänze blind, weshalb sie auch einen Attest besitzt, der ihr einen Behinderungsgrad von 36 Prozent bestätigt.

 

Damit sie von den sozialen Rechten, die der Staat Menschen mit Behinderungen einräumt, Gebrauch machen kann, wird von ihr ein Behindertenausweis verlangt. Aus diesem Grund wandte sich Özalp an das Alsancak Nevvar-Salih-Isgören-Krankenhaus, wo sie jedoch nicht untersucht werden konnte. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Was sie tun, ist eine Grausamkeit. Wir sind hierher ausgewandert. Ich habe nach wie vor große Schwierigkeiten im Alltag, weil ich die türkische Sprache nicht beherrsche. Sie sagen ‚Wieso lernt ihr kein Türkisch?‘ Ich hingegen frage sie, warum sie nicht Kurdisch lernen.“

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Özalp erinnert daran, dass einst die AKP-Regierung das Sprachverbot für Kurdisch aufheben ließ. Sie stellt jedoch fest, dass es dadurch keineswegs salonfähig wurde. Denn kurdische BürgerInnen könnten sich immer noch nicht überall in ihrer Muttersprache zum Ausdruck bringen. Nazmiye Özalps Ehemann Ekrem Özalp meinte, dass es im Izmir Tepecik-Lehr- und Forschungskrankenhaus kein Problem für die behandelnden Ärzte gewesen sei, als er zuvor zwecks Erlangung eines ärztlichen Attestes für seine Frau übersetzt hatte.

Der Psychiater im Alsancak Nevvar-Salih-Isgören-Krankenhaus jedoch verlangte einen staatlich beeidigten Übersetzer. „‚Komm mit einem vereidigten Übersetzer für Kurdisch. Erst dann werde ich das Attest unterschreiben‘, sagte er. Daraufhin ging ich zusammen mit einem Angestellten aus dem Krankenhaus erneut zum Arzt hinein. Er bestand jedoch ohne wenn und aber auf einen eidesstattlichen Übersetzer. So haben wir das Krankenhaus verlassen“ so Ekrem Özalp. Die Anstellung von kurdischsprachigem Personal oder Übersetzern in öffentlichen Krankenhäusern sei die Aufgabe des Staates, meint Özalp. „Vielleicht habe ich nicht genug Geld, um 200 oder 300 TL für einen Übersetzer zu zahlen. Ohnehin würden wir uns nicht an das Krankenhaus wenden, wenn wir so wohlhabend wären, dass wir uns einen Übersetzer leisten können.“

Verstoß gegen das Recht auf Gesundheit
Dass der Arzt so sehr auf einen beeidigten Übersetzer besteht, ist gemäß Rukiye Cakir, dem Vorsitzenden des SES-Büros in Izmir (Gewerkschaft für Sozialleistungen und Gesundheitsversorgung der ArbeiterInnen), ein Verstoß gegen das Recht auf Gesundheit. Vor allem, weil keine mehrsprachige ärztliche Versorgung angeboten wird.

Cakir betont die Notwendigkeit einer mehrsprachigen, einheitlichen, kostenlosen und qualifizierten Gesundheitsversorgung. Damit eine mehrsprachige Gesundheitsversorgung gewährleistet werden kann, ist es wichtig, dass speziell für diesen Sektor ausgebildete Übersetzer in Krankenhäusern angestellt werden, um PatientInnen, die kein Türkisch sprechen, zu ermöglichen, von dieser Leistung zu profitieren. „Dass die Übersetzungskosten nicht vom Krankenhaus, sondern vom Patienten selbst getragen werden sollen, macht die ärztliche Versorgung für all jene Menschen quasi unzugänglich“, so Cakir. Als Beispiel führt sie Schweden an: Dort gibt es bereits eine gut ausgebaute mehrsprachige Gesundheitsversorgung, bei der darauf geachtet wird, dass Patienten, die die Landessprache nicht sprechen, Untersuchungstermine mit Übersetzern vergeben werden.

Ein Text aus der Zeitung Evrensel (http://www.evrensel.net/haber/81502/saglik-muayenesine-kurtce-tercuman-engeli.html#.U0PP16h_u80)
– übersetzt von Demet Celik

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